Carolin Kirsch
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Der Titel des FDP-Antrags weckt erst einmal hohe Erwartungen: „Finanzen verstehen heißt frei sein“. Nicht weniger erwartet man natürlich auch von einem Antrag der Freien Demokraten. (Heiterkeit von der SPD) Aber Spaß beiseite: Viele Menschen in Deutschland verfügen über unzureichende Finanzkenntnisse. Die OECD-Studie 2024 sieht strukturelle Defizite bei finanzieller Resilienz und große Unterschiede zwischen Einkommens-, Bildungs-, Alters- und Geschlechtergruppen. Das haben Sie im Antrag zu Recht aufgegriffen. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Menschen mit geringer Finanzbildung häufiger finanzielle 18.06.2026 Fehlentscheidungen treffen und stärker gefährdet sind, sich zu überschulden. In Deutschland galten 2025 rund 5,7 Millionen Menschen als verschuldet. Dieser Wert ist höher als 2024; allerdings hatten wir davor eher rückläufige Werte. Gerade die Überschuldung junger Menschen muss uns sehr beunruhigen; hier ist die Tendenz seit Längerem steigend. Junge Menschen verschulden sich insbesondere durch Kleinstkredite im Internet, durch Handyverträge und Onlinehandel. Diese Aufzählung macht schon deutlich, dass es vor allem um digitale Konsumformen geht. Über die Gefahren dieser Konsumformen müssen Kinder und Jugendliche und übrigens auch ihre Eltern in der Tat viel intensiver und früher aufgeklärt werden, als dies offensichtlich bisher erfolgt. Gerade die Schule hat hier eine wesentliche Rolle und Verantwortung. Auch die Forderung, dass Finanzbildung nicht an der Schule haltmacht, sondern schon in der Kita einsetzen sollte und auch ein wichtiger Bestandteil von Erwachsenenbildung sein muss, ist richtig. Bildung ist in erster Linie Ländersache. Daher ist es nur konsequent, dass wir auch hier im Landtag über dieses wichtige Thema diskutieren. Der Hinweis auf die nationale Finanzbildungsstrategie ist richtig; diese soll nach meiner Information auch bis Ende des Jahres mit einem konkreten Maßnahmenplan verabschiedet werden. Letztlich müssen wir uns aber, gerade was die Umsetzung in Kitas und Schulen angeht, ohnehin als Bundesland mit diesem Thema auseinandersetzen. Daher bin ich dankbar, dass die FDP dies hier aufgegriffen hat. Allerdings muss man auch sagen, dass wir hier in NRW nicht bei null anfangen. Bereits seit 2013 gibt es Empfehlungen der KMK zur Verbraucherbildung in Schulen. Der Begriff der Verbraucherbildung ist meines Erachtens im Übrigen deutlich umfassender als das, was gemeinhin unter „Finanzbildung“ verstanden und auch in diesem Antrag dargestellt wird. Seit 2017 gibt es in NRW Rahmenvorgaben für die Primar- und Sekundarstufe I, wie Verbraucherbildung an Schulen umgesetzt werden soll. Die Rahmenvorgabe sollte den Aufbau von Konsumkompetenz der Schülerinnen und Schüler sichern. Sie sollte ein Referenzdokument für die Überarbeitung künftiger Kernlehrpläne sein. Die Schulen sollten auf dieser Grundlage unterrichtliche und schulische Vorhaben der Verbraucherbildung bestimmen. Die Fachkonferenzen sollten dies für eine kompetenzorientierte Verbraucherbildung nutzen und eine fächerübergreifende Zusammenarbeit und außerunterrichtliche Aktivitäten entwickeln. Die Lehrerfortbildung bietet daher auch seit geraumer Zeit in Kooperation mit den Verbraucherzentralen Schulungen zu diesem Thema an. Darüber hinaus gibt es in der Tat auch viele außerunterrichtliche Angebote für Schulen im Bereich der Landtag Finanzbildung, wobei mein persönlicher Eindruck ist – das sehe ich etwas anders als Kollege Tigges –, dass sie, seit sie von Banken oder Sparkassen gemacht werden, vielleicht nicht immer ganz selbstlos sind und doch auch der Kundenakquise dienen sollen. (Christian Dahm [SPD]: Das gibts doch wohl nicht!) Trotz allem sehen wir in den letzten Jahren steigende Tendenzen bei der Verschuldung von jungen Menschen. Wir sollten also erst einmal kritisch hinschauen, warum die bereits seit Längerem vorgesehene Kompetenzbildung bei Schülerinnen und Schülern und die bisherigen Maßnahmen offensichtlich nicht so greifen, wie wir uns das wünschen, und wie Bildungsangebote aussehen müssen, damit sie tatsächlich Wirkung erzielen. Der Antrag beschreibt zwar die Problematik, bleibt aber doch noch zu vage, wie solche Bildungsangebote konkret aussehen sollen. Wir werden uns zu den zahlreichen Forderungen in diesem Antrag in den zuständigen Ausschüssen sicherlich ausführlich austauschen können. Ich möchte aber noch direkt sagen: Private Altersvorsorge und Vermögensaufbau sind sicherlich wichtige Aspekte in der Finanzbildung. Für viele Menschen ist das aber angesichts ihrer persönlichen finanziellen Situation eher eine theoretische Frage. (Simon Rock [GRÜNE]: Das ist so!) Die Vorstellung, alles würde schon besser, wenn wir endlich die private kapitalgedeckte Altersvorsorge ausbauen, geht an der Lebensrealität der meisten Menschen in Deutschland vorbei. (Ralf Witzel [FDP]: Ergänzend!) Die Aussage „Finanzen verstehen heißt frei sein“ kann daher nur greifen, wenn Menschen ein auskömmliches Einkommen haben und damit frei sind, solche Entscheidungen überhaupt treffen zu können. (Beifall von der SPD und den GRÜNEN) Ich freue mich über die Diskussion im Ausschuss. Der Überweisung stimmen wir selbstverständlich zu. – Vielen Dank. (Beifall von der SPD und den GRÜNEN)
