Carlo Clemens
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Viele junge Menschen verlassen heute die Schule ohne klare Perspektive für ihren weiteren Bildungs- und Berufsweg. Laut einer aktuellen Umfrage der Bertelsmann Stiftung waren 44 % der befragten Gymnasiasten unentschlossen, welchen Weg sie nach der Schule einschlagen wollen. Gleichzeitig blieben im Ausbildungsjahr 2024/25 fast 10.000 betriebliche Ausbildungsstellen in NRW unbesetzt. Die Ursachen hierfür sind vielseitig. Die am häufigsten gewählte weiterführende Schulform in Nordrhein-Westfalen ist seit Langem das Gymnasium. Viele Jahre galt bei jungen Menschen – viel mehr noch bei den Eltern – der Irrglaube, dass der einzig erfolgversprechende Weg heutzutage über ein Hochschulstudium führt. Die Folge war eine Überakademisierung. Immer mehr neue Studiengänge wurden geschaffen, während die klassische duale Berufsausbildung gesellschaftlich an Wertschätzung verlor und die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge spürbar nach unten ging. Gleichzeitig brechen bundesweit fast ein Drittel der Bachelorstudenten und nahezu ein Fünftel der Masterstudenten ihr Studium ab. Auch die Vertragslösungsquote bei Ausbildungsverhältnissen liegt in NRW inzwischen bei fast 28 %. Zugleich waren laut Bundesagentur für Arbeit in NRW zuletzt fast 67.000 junge Menschen unter 25 Jahren als arbeitslos gemeldet; jeder Fünfte davon kann keine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen. 17.06.2026 Diese Zahlen machen Versäumnisse der Berufsorientierung und auch der Studienorientierung und Studienberatung mehr als deutlich. Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels müssen wir jungen Menschen frühzeitig und nah an der Lebenswirklichkeit vermitteln, welche Chancen eine Ausbildung bietet – sei sie nun beruflich oder doch akademisch. Wir als AfD haben bereits mehrfach eigene Initiativen zur Stärkung der Berufsorientierung eingebracht. Wir fordern zum Beispiel, den besonderen Wert der mittleren Bildungsabschlüsse wieder anzuerkennen und politisch zu stärken sowie die Berufsorientierung in der Sekundarstufe I, aber auch in der gymnasialen Oberstufe verbindlich und praxisnah noch mehr mit den Akteuren der Arbeitswelt – mit Ausbildungsbetrieben, Handwerkskammern, Berufskollegs und Berufsverbänden – zu verzahnen. Dazu gehören mehr praktische Einblicke während der Schulzeit, längere Pflichtpraktika, Werkstattbesuche, aber auch Informationstage, praxisnahe Potenzialanalysen und eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Schulen und regionalen Betrieben. Karrierewege in der beruflichen Bildung müssen viel stärker sichtbar gemacht werden, vom Ausbildungsberuf über den Meister und den Techniker bis hin zur Selbstständigkeit, zur Betriebsübernahme und zur eigenen wirtschaftlichen Existenz. Statt bestehende Strukturen sinnvoll weiterzuentwickeln, möchte die FDP mit dem vorliegenden Antrag allerdings die Finanzierung von „Kein Abschluss ohne Anschluss“ auslaufen lassen und durch sogenannte regionale Kompetenzzentren ersetzen. Was diese Kompetenzzentren konkret leisten sollen, was bisher noch nicht geleistet wird, bleibt weitgehend offen. Welche Ebene sie zu welchen Anteilen finanzieren soll, bleibt offen, und wie sie sich von bereits bestehenden Strukturen unterscheiden sollen, bleibt ebenfalls offen. Am Ende droht genau das, was wir in NRW inzwischen leider allzu häufig erleben: neue Stellen, neue Gremien, neue Bürokratie, neue Kosten, aber keine Lösung des eigentlichen Problems. Wir brauchen aber keine weiteren Parallelstrukturen, wir brauchen kein neues bürokratisches Zwischenlager zwischen Schule und Arbeitswelt. Wir brauchen in erster Linie Schulen, die junge Menschen ausbildungsfähig machen. Hier hakt es leider viel zu oft. Betriebe und Vertreter von Handwerkskammern berichten seit Jahren von Schulabgängern, denen es an grundlegenden Kompetenzen fehle. Es geht dabei nicht nur um fachliche Defizite; es geht um Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Belastbarkeit und vielfach um mangelnde Deutschkenntnisse. Solange diese grundlegenden Voraussetzungen fehlen, wird auch die beste Vermittlungsagentur keine Wunder vollbringen können. Das Grundprinzip, junge Landtag Menschen frühzeitig mit Betrieben in Kontakt zu bringen und praktische Einblicke in die Arbeitswelt zu ermöglichen, ist natürlich sinnvoll. Da offenkundig gravierende Defizite im Übergangsbereich und auch bei den kommunalen Koordinierungsstellen bestehen, sollten diese gemeinsam mit den genannten beteiligten Akteuren diskutiert werden. In der Anhörung im Fachausschuss wird man Ihre Idee der regionalen Kompetenzzentren hoffentlich konkretisieren und auf den Prüfstand stellen können. Für die AfD-Fraktion ist jedenfalls ganz klar: berufliche und akademische Bildung sind gleichwertig. Kooperationen zwischen Schulen und Ausbildungsbetrieben, den Kammern sowie Berufsverbänden müssen weiter ausgebaut werden. Wichtig sind allerdings auch privatwirtschaftliche Netzwerke, Gütesiegel und Zertifizierungen für gute Ausbildungsbetriebe. Denn um die Fachkräfte von morgen müssen sich Firmen sämtlicher Branchen auch von sich aus gezielt bemühen. Digitale Tools können hierbei helfen, sie ersetzen allerdings nicht die persönliche Begegnung und die individuelle Motivation. Alles Weitere folgt dann im Ausschuss. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
