Yvonne Gebauer
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Eine Anmerkung meinerseits vorweg: Herr Grunwald, hinsichtlich Ihres Werbeblocks für die ABC-Klassen sollten Sie Ihr Bild von der künftigen Zusammensetzung dieser ABC-Klassen, wenn sie denn kommen, noch einmal gründlich überdenken. Hier ausschließlich von Kindern aus Ballungsräumen und aus Familien mit Migrationshintergrund zu sprechen, ist nicht diskriminierungsfrei. Ich bitte Sie, doch anders damit umzugehen. (Beifall von der FDP und der SPD) Für die Liberalen darf ich sagen: Wir begrüßen den SPD-Antrag ausdrücklich, weil er die Meinung der FDP-Fraktion unterstreicht, dass die von der Landesregierung geplanten ABC-Klassen der falsche Weg sind. Kinder kurz vor ihrer Einschulung aus ihrem vertrauten Kita-Alltag herauszulösen, sie in neue Räume zu transportieren und sie dort in additiven 19.03.2026 Formaten zu fördern, ist weder kindgerecht noch pädagogisch wertvoll oder effizient. Diese von der Landesregierung vorgeschlagene Praxis schafft lediglich teure Doppelstrukturen und stigmatisierte und belastete Kinder und ist laut Wissenschaft grober Unfug. (Beifall von der FDP – Vereinzelt Beifall von der SPD) Frühkindliche Förderung ist alltagsintegrierte Förderung. Und dabei geht es nicht ausschließlich um die frühkindliche Sprachförderung. Diese ist wichtig, weil Sprache nach wie vor der Schlüssel zum Bildungserfolg ist; ich glaube, da sind wir uns auch alle einig. Wir müssen aber endlich dazu kommen, den Ansatz vom Kind her zu denken. Es gibt nämlich noch weitere wichtige Faktoren für einen gelingenden Schulstart, für eine gelingende Persönlichkeitsentwicklung. Kinder benötigen ebenso motorische, kognitive, soziale und emotionale Kompetenzen – alles Fähigkeiten, alles Kompetenzen, die niemals am Ende der Kita-Zeit altersgemäß bei allen Kindern vollumfänglich ausgeprägt sein können. Diese Vorstellung würde die Realität verkennen. (Beifall von Angela Freimuth [FDP]) Dennoch ist es die Aufgabe von Politik und Gesellschaft, alles daranzusetzen, unsere Kinder zu fördern und zu fordern: in unseren Kitas, spielerisch und alltagsintegriert. Ausdrücklich begrüßen wir auch, dass sich die SPD-Fraktion erkennbar in Richtung eines Screenings mit viereinhalb Jahren bewegt und die verbindliche Förderung unterstützt. Beides sind Aspekte, die die FDP-Fraktion bereits seit geraumer Zeit fordert. (Beifall von der FDP und Kirsten Stich [SPD]) Eine frühzeitige Feststellung, ob ein Förderbedarf vorliegt, und bei positiver Beurteilung eine verbindliche Förderung sind nach Auffassung der FDP unabdingbar, um eventuelle Lücken im altersgemäßen Sprachverständnis rechtzeitig vor Schuleintritt zu schließen. Ich möchte aber ausdrücklich hervorheben, dass es noch deutlicher als im vorliegenden Antrag formuliert geboten ist, besonders auch die Kinder mit konkreten Fördermaßnahmen zu erfassen, die keine Kita besuchen. Richtig ist, dass 95 % der Kinder im Jahr vor dem Schulstart eine Kita besuchen. Doch auch die verbleibenden 5 % müssen in den Blick genommen werden. Denn gerade bei ihnen können – ich sage ausdrücklich nicht „müssen“ – besondere Herausforderungen kumulieren. Genau hier liegt der Unterschied zu unserem FDP-Antrag zum Schulfähigkeitsjahr, der morgen Mittag im Plenum diskutiert werden wird. Im Gegensatz zum Chancenjahr wird mit dem Schulfähigkeitsjahr die Frage beantwortet, was mit schulpflichtigen Kindern geschieht, die trotz einer vorgelagerten Förderung Landtag oder auch bei keiner Förderung, weil sei keine Kita besuchen, dem Unterricht nicht oder noch nicht sprachlich folgen können. Ein zusätzlicher mehrjähriger Verbleib in der Kita kann ja wohl nicht die Lösung sein. Das Schulfähigkeitsjahr der FDP bietet neben dem Chancenjahr einen systemischen und vollständigen Ansatz. Mit dem Ansatz des Schulfähigkeitsjahres werden vollumfängliche Chancen für die Kinder und Klarheit für die Eltern, für die Kitas und für die Grundschulen geschaffen. (Beifall von der FDP) Sollten die Voraussetzungen für den Besuch der ersten Klasse dann doch nicht vorliegen, gilt für uns Freie Demokraten eine verbindliche Erfassung aller Kinder, eine verbindliche Förderung bei Bedarf und ein verbindlicher nächster Schritt im Schulfähigkeitsjahr. Für uns Freie Demokraten ist es keine Option, dass zukünftig erhebliche Mittel in Fahrdienste, in Räume, in Logistik fließen, während durch die Novellierung des KiBiz, konkret unter anderem durch die Einführung von Kern- und Randzeiten – Herr Dr. Maelzer hat es schon gesagt – sowie die Erhöhung der Gruppengröße, seitens der Landesregierung gezielt die Qualität aus den Kitas herausgezogen wird. (Beifall von der FDP – Vereinzelt Beifall von der SPD) Frühkindliche Bildung und Schule bzw. hier die Grundschule müssen als eine zusammenhängende Bildungsbiografie gedacht werden. Sie müssen aber als solche nicht nur gedacht, sondern in diesem Sinne auch gemeinsam behandelt werden. Wer es mit der Sprachförderung ernst meint, der darf den so wichtigen Übergang von der Kita hin zur Grundschule nicht als Bruchstelle organisieren. Vielmehr sind beide Systeme verbindlich aufeinander zu beziehen. Diese wichtige Stoßrichtung nimmt der vorliegende SPD-Antrag auf, ganz im Gegensatz zum aktuellen Handeln der Landesregierung. Der Überweisung stimmen wir selbstverständlich zu. – Herzlichen Dank. (Beifall von der FDP – Vereinzelt Beifall von der SPD)
