Carlo Clemens
Sehr geehrter Herr Präsident! Werte Damen und Herren Kollegen! Künstliche Intelligenz ist längst kein Zukunftsthema mehr. Sie ist Realität, auch in unseren Klassenzimmern. Ob bei der individuellen Lernunterstützung, bei der Vorbereitung des Unterrichts oder beim Umgang mit digitalen Prüfungen: KI verändert die Art, wie wir lehren und lernen, und das grundlegend. Diese Entwicklung bietet Chancen für individualisiertes Lernen und für die Entlastung unserer Lehrkräfte. Gleichzeitig dürfen wir die Risiken nicht übersehen. Fragen des Datenschutzes, der Verlässlichkeit von Inhalten und der pädagogischen Wirksamkeit müssen klar beantwortet werden. Wir stehen also an einem Punkt, an dem wir entscheiden müssen, wie wir KI gestalten, statt nur zu beobachten, wie sie uns verändert. Schulen brauchen Orientierung, Lehrkräfte brauchen Fortbildung, und unsere Schülerinnen und Schüler brauchen Sicherheit und Vertrauen im Umgang mit dieser neuen Technologie. Die FDP weist in ihrem Antrag zu Recht darauf hin, dass die Nutzung in unseren Schulen oft unkontrolliert und ohne pädagogische Begleitung erfolgt. Lehrer und Schüler nutzen in Eigenregie irgendwelche Programme aus dem Internet – Stichwort: Shadow AI. Sicherlich gibt es Angebote, die dem Unterricht dienen können und allgemein eine nützliche Ergänzung bieten. Doch derartige Neuerungen müssen sich organisch ergeben. Sie müssen von Schülern und Lehrern erkannt werden. Das kann kein Aktionsplan künstlich erzeugen – besonders nicht, wenn wir auf die bisherigen Defizite des Bildungswesens in Deutschland und Nordrhein-Westfalen blicken. Grundsätzlich steht in immer mehr Staaten derzeit ohnehin zur Debatte, ob die vollständige Digitalisierung des Unterrichts und aller Klassen und Lernmethoden überhaupt zielführend ist. In Pionierländern wie in Skandinavien erleben wir derzeit sogar eher einen Rückbau. Auch mit solchen Entwicklungen müssen wir uns ergebnisoffen befassen und kritische Einwände zulassen. Wissenschaftliche Studien zeigen: KI erzielt nur dann positive Effekte, wenn sie als sogenannter intelligenter Tutor eingesetzt wird, also Lösungswege aufzeigt, aber nicht die fertigen Lösungen liefert. Ein schneller, unkontrollierter Start, obwohl rund 72 % der Lehrkräfte mehr Fortbildung fordern, wird das Risiko erhöhen, dass KI zur reinen Lösungsmaschine wird. Dieser ungesteuerte Einsatz würde zu weniger selbstständigem Denken führen und bestehende Bildungsdefizite verschärfen. Fehlende Grundlagen in deutscher Sprache werden nicht durch kurzlebige KI-Vorstöße behoben. Fehlende Pädagogen werden nicht durch ChatGPT ersetzt. Die massive Zunahme an Gewalt und Verrohung auf unseren Schulhöfen sowie fehlende Lernbereitschaft und Disziplin-Landtag losigkeit im Unterricht werden nicht durch Sprachmodelle oder Video-KIs gestoppt. Im Gegenteil: Noch mehr Aktionspläne und Handlungskonzepte ohne soliden Unterbau schaffen neue Baustellen und belasten Schulträger sowie Lehrkräfte mit zusätzlichen Aufgaben. Die frei zugänglichen Angebote sind von allen Schülern und Lehrern bereits jetzt nutzbar. Im Rahmen existierender Unterrichtsangebote kann KI bereits einbezogen werden. Lehrer können sich fortbilden und über die Einführung von als sinnvoll erachteten Werkzeugen frei entscheiden. Sie können Arbeitsmaterialien mithilfe von KI erstellen oder deren Erstellung zumindest erleichtern. Auch zum Lernen steht es Schülern frei, zu Hause oder in der Schule auf Angebote zurückzugreifen. Doch treten wir einmal einen Schritt zurück. Schulen in Nordrhein-Westfalen hinken an etlichen Standorten noch mit den grundlegenden Infrastrukturen hinterher. Mobilfunkempfang oder WLAN in sämtlichen Räumen sind noch lange – noch lange! – keine Selbstverständlichkeit. Rund die Hälfte der Schulen klagt über solche Probleme. Das heißt, dieser vorliegende Antrag wäre selbst bei absoluter Zustimmung aller beteiligten Stellen nicht unverzüglich umsetzbar. Im Antrag werden auch die Themen „Datenschutzkonformität“ und „Rechtssicherheit“ angesprochen. Der jüngst eingeführte EU AI Act, welcher gerade KI-Angebote im Schulbereich als hochriskant einstuft, setzt strenge Auflagen für Risikomanagement, Datenqualität, Protokollierung und menschliche Aufsicht. Wäre das alles unverzüglich umsetzbar? Auf keinen Fall. Weiterhin setzt der AI Act Schulungsgänge für Lehrer, die KI im Unterricht oder in der Unterrichtsvorbereitung verwenden, voraus. Ohne diese dürften gar nicht alle Programme genutzt werden. Das bedeutet: Im Grunde hätten bereits jetzt schon Fortbildungen im Sinne des AI Acts laufen müssen, und zwar für fast 185.000 Lehrer. Von kurzfristiger Befähigung auf allen Ebenen, wie Sie das in Ihrem Antrag fordern, kann damit keine Rede sein. Liebe Kollegen der FDP, wir sehen die Dringlichkeit, aber wir brauchen Geschwindigkeit und Sorgfalt. Der richtige Weg ist quasi beschleunigte Besonnenheit. Ein unvorbereiteter Big Bang, also der sofortige Start an allen Schulen gleichzeitig, den Sie fordern, ist nicht nur logistisch unmöglich, er wäre auch pädagogisch, technisch und rechtlich unverantwortlich. Sie gehen an keiner Stelle des Antrags auf diese zu bewältigenden Aufgaben ein. Noch gravierender: Sie nennen auch keine Finanzierungspläne, keine Summe, keine Kostenangaben, nichts. Dabei klagen die kommunalen Spitzenverbände ganz aktuell, dass vielen Städten und Gemeinden hier in NRW das Geld 06.11.2025 für die nötigste digitale Ausstattung an ihren Schulen fehlt. Im Antrag erwähnen Sie derzeit laufende Projekte, Pilotprojekte, die auch schon in der Debatte zur Sprache kamen. Ich frage: Sollten diese nicht erst abgeschlossen werden, bevor Schlüsse gezogen werden können? Man stelle sich beispielsweise vor, ein KIgestützter Chatbot wie „telli“ erweist sich als nicht zielführend, nachdem man bereits allen Schulen die Nutzung nahegelegt und Unsummen dafür ausgegeben hat. Lassen Sie uns also testweise die Nutzung derartiger Angebote beobachten und evaluieren, was nützlich ist und was nicht. Eine Ausweitung der Pilotprojekte und Testschulen wäre hilfreich, um ein breiteres Bild zu zeichnen und mehr Daten zu sammeln, bevor weitere, möglicherweise voreilige Schlüsse gezogen werden. Wir brauchen eben keinen riskanten Big Bang, der an Schulrealität und an zu knappen Kapazitäten scheitert. Wir brauchen einen klaren, aber schrittweisen Plan: erstens eine sofortige Qualifizierungsoffensive für alle Lehrkräfte – das, denke ich, steht außer Debatte –, zweitens Übergangslösungen, zum Beispiel Lizenzen für bereits existierende geprüfte Programme, parallel zum Aufbau landeseigener Plattformen, drittens die beschleunigte Ausweitung der Projekte, der Pilotprojekte auf 10 bis 15 % der Schulen – das wären immerhin etwa 500 Schulen –, viertens eine wissenschaftliche Auswertung der Ergebnisse, bevor wir auf alle Schulen ausweiten. Die AfD-Fraktion befürwortet den Weg dieser beschleunigten Besonnenheit. Schüler und Lehrer in NRW verdienen Geschwindigkeit und Sorgfalt. Alles andere wäre ein finanziell nicht gedeckter Blankoscheck für Chaos. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
