Sebastian Watermeier
Herzlichen Dank. – Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen! Liebe Frau Ministerin! Bei den zurückliegenden Kommunalwahlen ist eines noch einmal deutlich geworden: Wohnen ist das Thema, das die Menschen in Nordrhein-Westfalen wie kaum ein anderes bewegt, besonders in den Ballungsräumen. Egal ob in Köln, Düsseldorf, Aachen, Münster oder Bonn, überall haben wir denselben Befund: Bezahlbarer und bedarfsgerechter Wohnraum fehlt. Da sich nun der Pulverdampf des Kommunalwahlkampfs etwas verzogen hat, wissen wir aber auch: Den einen großen Wurf, der alle Probleme auf dem Wohnungsmarkt löst, wird es nicht geben. Selbst die von mir oft ins Feld geführte landeseigene Wohnungsbaugesellschaft – damit der Kollege Ritter seinen Haken setzen kann – wird diese Probleme nicht alle auf einen Schlag lösen. Die Ursachen für die Krise sind zu vielfältig und komplex, als dass sie mit einem Instrument allein beseitigt werden könnten. Gefragt sind deshalb viele Ideen, viele Bausteine und eine gemeinsame Kraftanstrengung. Um einen dieser Bausteine soll es heute gehen. Die Aufstockung im Bestand kann einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung der Wohnungsknappheit leisten. Ihr Potenzial ist in Nordrhein-Westfalen vor allem dort noch lange nicht ausgeschöpft, wo die Flächen knapp und die Baulandpreise hoch sind: in unseren Städten und Ballungszentren, die am stärksten vom Wohnungsmangel betroffen sind. Aktuelle Auswertungen der TU Darmstadt und vom Pestel Institut, das wir in wohnungspolitischen Debatten schon häufiger zitiert haben, haben für Nordrhein-Westfalen ergeben, dass sich durch Aufstockungen an Mehrfamilienhäusern der Baujahre 1950 bis 1989 rund 314.000 zusätzliche Wohnungen schaffen ließen. 09.10.2025 Rechnet man Sekundärpotenziale – Gebäude vor 1950 und Bestände im Besitz von Wohnungseigentümergemeinschaften – hinzu, steigt das theoretische Aufstockungspotenzial in NRW auf rund 409.000 Wohnungen. NRW gehört damit zu den Bundesländern mit den größten Potenzialen bundesweit. Grundlage sind unter anderem 156.577 aufstockungsrelevante Mehrfamilienhäuser in Regionen mit erhöhtem Wohnungsbedarf. Das Prinzip ist klar: Wir nutzen die schon bestehenden Dächer. Wir sparen teure Grundstückskosten. Und wir schaffen zusätzlichen Wohnraum direkt in den Quartieren, in denen Menschen bereits leben und Infrastruktur – Schulen, Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte – vorhanden sind. Das ist natürlich nicht überall möglich. Aber überall dort, wo es funktioniert, können wir Wohnraum schnell, ökologisch und im Vergleich zum Neubau auf der grünen Wiese flächensparend und wirtschaftlich sinnvoll schaffen. Andere Länder machen es vor, und auch erste Projekte in NRW zeigen, welches Potenzial hier schlummert. Besonders spannend sind Überlegungen, in Mischgebieten gewerbliche Flächen wie zum Beispiel die der großen Discounter zu nutzen, um ihre Bauten mit Wohnungen aufzustocken. Genau solche Partnerschaften sollten wir als Land gezielt fördern. Darum fordern wir mit unserem Antrag ein Sonderprogramm für die Aufstockung im Bestand. Dieses Programm soll Verfahren vereinfachen – darin sind wir alle uns einig und werden das demnächst auch in die Diskussion um die Novelle der Landesbauordnung einbringen –, nachhaltige Baustoffe wie Holz in den Mittelpunkt stellen, serielle Lösungen ermöglichen und gezielt Unternehmen und Partner ansprechen, die über Flächen verfügen. Das Potenzial ist vorhanden. Jetzt geht es darum, es in reale Projekte mit klaren Genehmigungsprozessen, frühzeitiger Klärung von Schall- und Brandschutz sowie pragmatischen Lösungen für Barrierefreiheit und Logistik zu übersetzen. Die Menschen in NRW erwarten von uns Lösungen, und zwar nicht irgendwann, sondern zeitnah. Aufstockung ist kein Allheilmittel, aber ein kluger und innovativer Weg, um die Wohnungskrise abzumildern. Lassen Sie uns diese Chance nutzen. Weil ich weiß, dass im Ministerium für neue Projekte immer interessante Slogans gesucht werden, sage ich: Lassen Sie uns zusammen einen draufsetzen, Frau Ministerin! (Heiterkeit von der SPD) Ich freue mich auf die Debatte im Ausschuss. (Beifall von der SPD) Landtag
