Anja Butschkau
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Der Fachkräftemangel ist eine der größten Herausforderungen, vor denen unsere Wirtschaft derzeit steht. Im Dezember 2024 wurden über 650.000 offene Stellen gemeldet, und das Institut der deutschen Wirtschaft prognostiziert bis 2028 einen weiteren Anstieg um rund 100.000. Kaum eine Branche bleibt verschont – weder Unternehmen noch die öffentliche Verwaltung, weder Gesundheits- noch Pflegeeinrichtungen. Gleichzeitig bleibt ein enormes Fachkräftepotenzial ungenutzt. Rund die Hälfte aller Frauen arbeitet in Teilzeit, obwohl sie qualifiziert und motiviert sind, mehr zu leisten. Aber die Rahmenbedingungen stimmen schlicht nicht. Noch immer wird von Frauen erwartet, Kinder zu bekommen, Angehörige zu pflegen 19.09.2025 und den Haushalt zu führen, und dennoch lässt man sie im Stich, wenn es darum geht, Familie und Beruf zu vereinbaren. (Beifall von der SPD – Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales: Warum?) – Das kommt gleich. Man könnte fast meinen: So schlimm kann der Fachkräftemangel gar nicht sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Fachkräftemangel bedroht den Wirtschaftsstandort Deutschland und den Wohlstand unserer Gesellschaft. Zugleich erhöht die fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf das Armutsrisiko von Frauen, vor allem von Alleinerziehenden. Anstatt jedem Kind einen kostenlosen Kita-Platz zur Verfügung zu stellen und Eltern, insbesondere Mütter, zeitlich wie finanziell zu entlasten, gab es im Familienministerium Planspiele, die Eltern in Vollzeit mit zusätzlichen Kita-Gebühren zu bestrafen. (Zurufe von Mehrdad Mostofizadeh [GRÜNE] und Laura Postma [GRÜNE]) Anstatt mit flexiblen Arbeitszeitmodellen um jede Fachkraft zu werben, fordern Wirtschaft und Institute, Feiertage zu streichen, (Laura Postma [GRÜNE]: Davon haben wir nicht gesprochen!) damit die, die sowieso schon viel leisten, noch mehr leisten, während diejenigen ohne Chancen weiterhin abgehängt bleiben. Wir sagen: Die Landesregierung muss endlich aufwachen. Doch statt in ihrer Fachkräftestrategie das große Potenzial von Frauen zu aktivieren, kürzt sie im Gleichstellungshaushalt weitere Mittel für die berufliche Gleichstellung – 2025 um fast 3 Millionen Euro, im Entwurf für 2026 um eine weitere Million Euro. Es gibt einen Lohnatlas, der Lohnungerechtigkeiten sichtbar macht. Es fehlen aber neue Initiativen, um die Lohnlücken zu schließen und die Gleichstellung von Frauen voranzubringen. Die kontinuierlichen Haushaltskürzungen sind enttäuschend und bremsen die Gleichstellung in Nordrhein-Westfalen. Was würde eine Landesregierung tun, die es mit der Gleichstellung ernst meint? Sie würde für verlässliche Betreuung in Kitas und Offenen Ganztagsschulen sorgen. Sie würde eine präzise Fachkräftestrategie entwickeln, die gezielt Maßnahmen benennt, um das Erwerbspotenzial von Frauen zu heben. Sie würde moderne, familienfreundliche Arbeitszeitmodelle fördern. Sie würde Frauen beim Wiedereinstieg nach Familienzeiten stärker unterstützen, etwa durch Coaching- und Qualifizierungsangebote. Sie würde Frauen befähigen, auch mit Familie Führungsverantwortung zu übernehmen – gerade auch in der Landesverwaltung. Und sie würde Mädchen und junge Landtag Frauen für Berufe begeistern, in denen sie bisher unterrepräsentiert sind. (Beifall von der SPD) All das packt die Landesregierung bislang nicht systematisch an und trägt so dazu bei, dass das Fachkräftepotenzial von Frauen ungenutzt bleibt. Frauenförderung ist kein Nice-to-have. Sie ist ein Must-have für unsere Wirtschaft, für unsere Gesellschaft, für unser Nordrhein-Westfalen. – Herzlichen Dank und Glück auf! (Beifall von der SPD)
