Rodion Bakum
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als Arzt unterstütze ich natürlich keine Maßnahmen, die Herzrasen verursachen. Aber als Politiker muss ich sagen: Es gibt Anträge, bei denen mir das Herz aufgeht, weil sie der AfD mal so richtig den Puls in die Höhe treiben. Insofern vielen Dank, liebe Kolleginnen und Kollegen von CDU und Grünen! Das unterstützen wir gern. (Beifall von der SPD) Bevor ich ins Hier und Jetzt springe, lassen Sie uns kurz über Herzrasen in einer Zeit sprechen, als Europa noch Galens Viersäftelehre für das Maß aller Dinge hielt. Frauen waren demnach kälter und feuchter und nur unvollständige Männer. Das glaubte man in Europa bis weit ins 16. Jahrhundert. Im Orient aber dachte man damals schon differenzierter. Der große ibn Sīnā Avicenna schrieb vor über 1.000 Jahren nicht nur über die unterschiedliche Wirkung von Medikamenten auf Frauen und Männer, sondern auch über die individuellen Ursachen von Krankheiten. Der Prinz von Gorgān in Persien war schwer herzkrank. Niemand wusste, warum – bis Avicenna genau hinsah und feststellte: Der junge Mann hatte Liebeskummer. (Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Ge- sundheit und Soziales: Kann ich verstehen!) Welche Behandlung empfahl Avicenna? Natürlich die Zusammenführung mit seiner Liebsten, die, soweit wir wissen, trotz der Trennung keine vergleichbaren Herz-Kreislauf-Probleme hatte. Diese Anekdote aus dem 10. Jahrhundert mag witzig sein. Aber sie führt uns direkt ins Thema. Denn Geschlechterunterschiede in der Medizin sind keine neumodische Erfindung; sie sind so alt wie die Menschheitsgeschichte. Heute sprechen wir über den Gender Health Gap bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dieser Antrag ist auch im Kern richtig. Es ist längst belegt, dass Herzinfarkte bei Frauen anders verlaufen als bei Männern. Die typischen Symptome wie stechender Brustschmerz fehlen oft. Stattdessen klagen Frauen über Müdigkeit, Übelkeit, Rückenschmerzen, Kurzatmigkeit, Kiefer- oder Nackenschmerzen, und das Risiko für Fehldiagnosen liegt bei ihnen um 50 % höher. Das ist übrigens auch der Grund, Herr Dr. Vincentz, wieso sie dann in der Statistik nicht so auftauchen wie Männer, weil es eben Fehldiagnosen sind. Die kardiologischen Leitlinien betonen deshalb ausdrücklich: Wer eine individuelle, patientenzentrierte 05.06.2025 Medizin machen will, darf das Geschlecht nicht außer Acht lassen. – Wer das Geschlecht berücksichtigt, der rettet auch mehr Leben. Aber – und hier kommt mein ärztlicher Blick – der Antrag bleibt ein Placebo. Keine Rede von der Finanzierung von Professuren für geschlechtergerechte Medizin, von verpflichtenden Fortbildungen für Ärztinnen und Ärzte, von verbindlichen Vorgaben für geschlechtergerechte Forschung! Hier lohnt auch ein Blick auf die Landesregierung. Diese hat bisher nur wenige Denominationen für geschlechtergerechte Forschung ausgeschrieben, fünf an der Zahl, und selbst diese warten bis heute auf ihre Bewilligungsbescheide. Doch keine dieser Professuren beschäftigt sich mit dem Themenfeld „Herz-Kreislauf-Erkrankungen“. Das ist ein Problem. Wenn wir den Gender Health Gap wirklich schließen wollen, dann müssen wir genau hier mit gezielter Forschung und konkreten Maßnahmen ansetzen. Dabei ist das Thema dringend. Frauen sterben häufiger an Herzinfarkten als Männer, oft, weil sie zu spät oder falsch behandelt werden. Junge Frauen rufen im Zweifel später den Notruf, ältere Frauen wollen keinen Aufstand machen, und die Symptomatik wird zu oft verkannt. Auch jenseits der Kardiologie zeigen Beispiele aus der Transplantationsmedizin, der Onkologie oder der Psychiatrie: Wer das Geschlecht ignoriert, riskiert, dass Frauen und Männer falsch oder unzureichend behandelt werden. (Beifall von der SPD) Deswegen wird auch unser heutiges Votum eine klare Enthaltung sein. Wir sagen, das Thema ist richtig, aber der Antrag bleibt mutlos. Wer den Gender Health Gap ernsthaft schließen will, braucht konkrete Maßnahmen: mehr Forschung, mehr Professuren, mehr Weiterbildungsinhalte, vor allem aber mehr Mut, die Erkenntnisse endlich in die Versorgung der Patientinnen und Patienten zu bringen. Ich schließe mit dem Hinweis: Avicenna hat schon vor über tausend Jahren erkannt, dass Medizin auf den einzelnen Menschen, auf das individuelle Herz hören muss, egal ob das Herz durch Infarkt oder Liebeskummer leidet. Die Romanreihe, die sich mit Avicennas Leben beschäftigt, faszinierte über sechs Millionen Leserinnen und Leser in Deutschland. Der Medicus hat etwas bewegt. Ihr Antrag bewegt leider gar nichts, außer ein bisschen Aufmerksamkeit. – Vielen Dank. Bleiben Sie gesund! (Beifall von der SPD)
