Marcel Hafke
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Wir sprechen heute über ein wichtiges Thema für unsere Kinder in Nordrhein-Westfalen, nämlich wie wir diese in der Kita gut auf die Schule vorbereiten. Es geht hier um Chancengerechtigkeit unabhängig vom Elternhaus. Vielleicht ein paar Sachen vorab, weil wir feststellen, dass es aktuell nicht so gut läuft. Wenn Sie sich die Zahlen mal anschauen, dann stellen Sie fest, dass in den letzten vier Jahren die Zahl der Kinder, die vor der Einschulung zurückgestellt wurden, um 77 % gestiegen ist. Diese Kinder haben insbesondere Defizite in den Bereichen Sprache, Motorik und soziale Fähigkeiten. Ich will Ihnen mal ein Beispiel aus Gelsenkirchen aus dem letzten Jahr nennen. Dort haben 90 % der Kinder bei der Einschulung Probleme, besonders in den Bereichen Sprache und Motorik. Die Sprachdefizite bei Schulanfängern sind mittlerweile bei 32 % der Fünf- und Sechsjährigen in Nordrhein-Westfalen angekommen. Die Beherrschung der deutschen Sprache ist jedoch entscheidend, um dem Unterricht in der Schule folgen zu können, und für den Bildungserfolg eines jeden Kindes absolut entscheidend. Wer das nicht in der Kita bzw. in den ersten fünf, sechs Jahren seines Lebens lernt, der wird später große Probleme haben, das aufzuholen. Gerade für Kinder aus sozial benach-Landtag teiligten Familien wird es besonders schwierig, das hinzubekommen, wenn sie nicht in den ersten drei Lebensjahren eine entsprechende Unterstützung bekommen. Wir wissen auch, dass das Aufwachsen in Mehrsprachigkeit ein großes Geschenk sein kann. Auf der anderen Seite stellen wir fest, dass 30 % der Kinder in Nordrhein-Westfalen zuhause gar kein Deutsch sprechen. Diese bräuchten eine deutlich intensivere Sprachförderung, als es heute der Fall ist. Wenn wir über diese Probleme und über Chancengerechtigkeit sprechen, dann stellen wir fest, dass frühkindliche Bildung aktuell nicht für alle Kinder eine große Chance ist. In vielen Bereichen sind Veränderungen notwendig. Deswegen fordern wir die Einführung von verbindlichen Bildungsstandards, also weg von Grundsätzen hin zu für alle Kinder in Nordrhein-Westfalen geltenden Standards, beispielsweise das Erkennen von Buchstaben und Zahlen sowie die Förderung von sozialen Fähigkeiten. Außerdem ist es entscheidend, die alltagsintegrierte Sprachförderung in den Kitas insbesondere mit Blick auf die deutsche Sprache weiter auszubauen bzw. voranzubringen und das Thema „Sprachförderung“ dort verbindlicher vorzugeben. Wir stellen fest, dass in Nordrhein-Westfalen 20.000 Erzieherinnen und Erzieher fehlen, die sich um die alltagsintegrierte Sprachförderung kümmern könnten. Deswegen müssen wir die vorhandenen Erzieherinnen und Erzieher von Bürokratie entlasten, damit sie sich stärker um die Kinder kümmern können. Frau Ministerin, aus diesem Grund habe ich hier schon ein paarmal vorgeschlagen, dass wir alles in der Bürokratie drei Jahre aussetzen sollten, was nicht mit Kinderschutz und nicht mit Pädagogik zu tun hat, damit die Erzieherinnen und Erzieher mehr Zeit haben, sich um die Kinder zu kümmern. (Beifall von der FDP) Einen Punkt möchte ich ansprechen, da er mich in der Fachdebatte massiv irritiert. Wir diskutieren seit einem Jahr über den Vorschlag von insbesondere Frau Ministerin Feller, ein sogenanntes Sprachscreening einzuführen. Wir haben in verschiedenen Ausschusssitzungen auch schon darüber gesprochen. Ich finde es irritierend, wie zwei Fachministerien auf die Idee kommen können, bei der Anmeldung von Kindern für die Schule noch mal ein Sprachscreening durchzuführen, und den Glauben haben, dass sich innerhalb eines Dreivierteljahres alle Sprachdefizite klären und die Probleme beheben ließen. Frau Ministerin, wir wissen doch aus der Forschung – ich denke, darin sind wir einer Meinung –, dass man die Sprachdefizite ab dem dritten und vierten Lebensjahr angehen muss. Deswegen die konkrete Frage an Sie: Warum führt man ein Sprachscreening, das sogar wir als Freie Demokraten für 10.10.2024 sinnvoll erachten, nicht im dritten oder vierten Lebensjahr durch? Diese Frage geht insbesondere auch an die CDU. In Bayern wird die CSU genau das bei jedem Kind im vierten Lebensjahr einführen. Die Bayern ziehen folgende Konsequenz: Wenn Sprachdefizite bestehen, erhält jedes Kind, egal welcher Herkunft, eine verbindliche Sprachförderung, die durchgeführt werden muss. Ich finde, über diese Verbindlichkeit mit entsprechenden Konsequenzen sollten wir in Nordrhein-Westfalen endlich anfangen zu sprechen. Die gerade für Nordrhein-Westfalen vorliegenden Zahlen sind so schockierend und so alarmierend, dass wir feststellen müssen: Die Kinder werden ihr Leben lang Probleme haben. Dabei könnten wir es am Anfang des Lebens eines jeden Kindes in den Griff bekommen und korrigieren. Frau Ministerin, es braucht nach unserer Auffassung jetzt keine langsamen Reformen, sondern mutiges und proaktives Handeln. Dabei würden wir Sie unterstützen. Ich hoffe, dass Sie die in unserem Antrag enthaltenen Aspekte im Rahmen der nächsten Ausschussdebatten aufgreifen werden. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall von der FDP)
