Christina Schulze Föcking
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! „Der Umgang ist das, was mich wirklich geärgert hat.“ Diese Worte eines Betroffenen zeigen uns: Es ist nicht nur die Tat, die verletzt, sondern auch unser Umgang damit. Mein Appell heute ist: Lasst uns gemeinsam dafür sorgen, dass jede Geschichte gehört wird! Die unabhängige Kommission hat mit „Geschichten, die zählen“ vielen Betroffenen die Möglichkeit gegeben, das Erlebte zu schildern, um daraus zu lernen. Viele Betroffene berichten, dass sie das, was nach der Tat kam, sprachlos zurückgelassen habe. Dabei ist sprechen zu können und gehört zu werden unglaublich wichtig. Es ist die erste Grundlage für Vertrauen und die Anerkennung des Leids. Wir als Gesellschaft haben die Pflicht, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen, die die Hölle des Missbrauchs durchlebt haben, ihre Geschichten erzählen können und ernst genommen werden. Wir müssen transparent machen, was darauf folgt. Das Ziel muss sein, nicht nur zuzuhören, sondern auch die notwendige Konsequenz zu ziehen, indem wir aufklären, anerkennen und uns dafür einsetzen, dass dank der mutigen Schilderungen Strukturen, die Missbrauch begünstigen, verändert werden. Es geht also nicht nur um den Blick zurück. Vielmehr geht es 09.10.2024 darum, die Frage: „Wie konnte das passieren?“ zu beantworten und aus diesen Antworten für die Zukunft zu lernen. Die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist höchst unterschiedlich. Es gibt kaum einheitliche Standards, wodurch die Abläufe oft undurchsichtig sind. Viele Institutionen wie Schulen, Kirchen, Sportvereine, in denen sich Machtgefälle begünstigend auf Missbrauch ausgewirkt haben, haben sich in den vergangenen Jahren auf den Weg gemacht, um Vorfälle aus der Vergangenheit aufzuarbeiten. Das ist für viele Institutionen eine riesige Herausforderung; anderen fehlt teilweise das Problembewusstsein. Manchmal fehlt der Wille, transparent aufzuarbeiten, und ganz sicher fehlen Standards, die Orientierung bieten. Mit der Einsetzung einer Landeskommission gehen wir einen zentralen Schritt. In ihr werden die notwendigen Standards zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche erarbeitet werden. Standards bieten Sicherheit und einen Rahmen; sie helfen den Handelnden dabei, geordnet vorzugehen, möglichst nichts zu übersehen und so Verfahren qualitativ gut durchzuführen. Gleichzeitig ermöglichen sie den Betroffenen eine transparente und nachvollziehbare Aufarbeitung. Durch Standards wird die Grundlage für einen offenen Umgang mit der eigenen Geschichte der schrecklichen Erlebnisse geschaffen. Nur so können wir das Vertrauen der Betroffenen zurückgewinnen und die Aufarbeitung zu einem nachhaltigen Prozess machen. Ich habe viele Gespräche mit Betroffenen geführt und meist erlebt, dass sie mir offen von ihren Erlebnissen, von den furchtbaren Taten, erzählt haben. Betroffene sind durch diese furchtbaren Missbrauchserfahrungen besonders verletzlich, und sie dürfen nicht erleben, dass sie durch intransparente Verfahren erneut ausgeschlossen werden. Folglich ist es sehr wichtig, Betroffenen zuzuhören und sie auch immer wieder in Gremien mit einzubeziehen. Es ist genau richtig, dass sie durch Vertreter einen festen Platz in der Kommission erhalten. Das Ziel muss ein Prozess sein, in dem der Mensch und seine Rechte in den Mittelpunkt gestellt werden. Das bedeutet Schutz und Aufklärung gleichermaßen. In der Kinderschutzkommission merken wir immer wieder, wie groß das Dunkelfeld ist. Viele Kinder und Jugendliche, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, werden ihre Geschichten nie vergessen, aber die furchtbaren Erlebnisse werden nie gehört. Wir müssen sicherstellen, dass dieses Dunkelfeld immer weiter ausgeleuchtet wird. Wir müssen Strukturen schaffen, in denen ihre Geschichten und Erlebnisse Platz finden. Deshalb soll die Kommission in enger Abstimmung mit der Kinderschutzkommission Vorschläge für Dunkelfeldstudien erarbeiten, um das volle Aus-Landtag maß von sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aufdecken zu können. Es ist unsere Pflicht, den Kinderschutz zu stärken und für Gerechtigkeit zu sorgen. Es ist gut, dass wir gemeinsam die Grundlage dafür schaffen, dass die Aufarbeitung nicht mehr vom Zufall oder von der Entschlossenheit einzelner Institutionen abhängt, sondern überall dort geschieht, wo Unrecht durch Strukturen begünstigt wird. Erlauben Sie mir zum Abschluss einen kleinen Nachsatz. Minister Reul sagte es eben schon: Den Ermittlungsbehörden in Duisburg ist ein großer Schlag gegen einen Ring von Pädokriminellen gelungen.
