Frank Müller
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Frau Wendland, vielleicht ist es aber auch ein Eingeständnis der Regierungskoalition, dass Sie doch noch nicht so weit gekommen 12.09.2024 sind, wie man hätte kommen können, und zwar in diesen zweieinhalb Jahren nicht das gesamte Problem zu lösen, sondern in der eigenen Politik Lösungen anzulegen. Ich finde es ein bisschen unfair, das bei der Kollegin Müller-Rech der FDP abzulegen. (Beifall von der SPD und der FDP) Wir sind sehr dankbar für den Antrag, der eine wichtige Herausforderung anspricht. Die Häufigkeit von Anträgen macht oft deutlich, wie wichtig Themen sind. Ich werde gleich noch einen anderen Fokus auf unsere Betrachtung legen, nämlich einen bildungspolitischen. Ich will aber bei der Gleichstellungspolitik anfangen. Es ist eine gleichstellungspolitische Herausforderung, aber auch mit Blick auf Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes. Der Wettbewerb wird sich auch daran entscheiden, wem es gelingt, die Fachkräftelücke zu verkleinern oder zu schließen. Da spielen Frauen in unterrepräsentierten Berufen eine große Rolle. Das sind Riesenpotenziale, die wir heben können und müssen. Das Land Nordrhein-Westfalen kann nicht einfach am Rand stehen bleiben und zusehen, sondern wir werden uns aktiv daran beteiligen müssen. Ich glaube, das ist auch das Ansinnen dieses FDP-Antrags. Es geht eben nicht um nur das Heben von Potenzialen oder um Prosperität allein, sondern auch um Diversität, denn wir wissen es mittlerweile alle – nicht alle in diesem Haus wissen das –: Diverse und heterogene Teams funktionieren schlicht besser. Eine höhere Geschlechterdiversität bringt verschiedene Perspektiven und Ansichten in Teams und Führungsetagen ein, (Beifall von der SPD und der FDP) was am Ende des Tages auch zu innovativeren Lösungen führt. Ein wesentlicher Grund für den geringen Frauenanteil in der IT sind nach wie vor Geschlechtsstereotype und gesellschaftliche Erwartungen an Frauen. Diese Stereotype beginnen bedauerlicherweise nach wie vor sehr früh und setzen sich in der Berufswelt fort. Es ist entscheidend, diese Vorurteile, diese Stereotype zu überwinden und Mädchen und Frauen zu ermutigen, ihre Interessen und Talente nicht nur in der IT, sondern auch in anderen unterrepräsentierten Berufen zu verfolgen. Die FDP zählt zahlreiche richtige Maßnahmen auf; wir unterstützen sie gerne. Ich will uns aber ermuntern, größer zu denken. Deswegen werden die SPD-Fraktion und ich nicht müde, auch immer die Frage zu betonen, ob es klug ist, jeder Herausforderung mit neuen Schulfächern oder durch Stärkung einzelner Fächer zu begegnen. Bei den vielfältigen Herausforderungen unserer Zeit kommen wir schnell an unsere Grenzen, immer etwas Neues zu entwickeln, vor allem wenn wir nicht gleichzeitig sagen: Was kann denn weg? Was können wir wegstreichen? Landtag Wir sind der festen Überzeugung: Schule und Bildungseinrichtungen müssen sich grundlegend verändern. Deswegen würde ich mich freuen, wenn wir auch im Ausschuss über ganzheitlichere Ansätze und eine insgesamt bessere Berufsorientierung an Schulen sprechen können. Das werden wir ganz sicher auch tun. (Beifall von der SPD) Generell ist ein ganzes Bündel von Maßnahmen notwendig, um zu diesen grundsätzlichen Veränderungen zu kommen, und zwar eben nicht nur mit Blick auf diese Herausforderung, die wir heute besprechen, sondern auf so viele. Fortbildungen für Lehrkräfte gehören zum Beispiel dazu, Stereotype zu erkennen und zu vermeiden; da können wir im Bildungsbereich deutlich mehr tun. Eine offene und inklusive Schulkultur, die Vielfalt wertschätzt und fördert, ist entscheidend. Dazu gehört aus meiner Sicht auch, Schulen deutlich mehr Freiheiten zu geben, sich stärker an den jeweiligen Bedürfnissen vor Ort zu orientieren, mehr Freiheiten für die Auflösung starrer Formate, für mehr offene Lernformate, mehr projektbasierter Unterricht, die Verbindung von Fächern und Kompetenzen sowie die Vertiefung der Interessen von Schülerinnen und Schülern, ohne den Lehrplan zu überladen. Das fördert interdisziplinäres Denken und praktische Anwendung und wäre ein wichtiger Beitrag, um diese Stereotype übrigens in alle Richtungen – Frau Wendland hat zum Beispiel Erzieher angesprochen – zu überwinden. Schulen müssen freier und flexibler werden, sich Hilfe von außen zu holen, ohne dass sie Debatten führen müssen, ob die Bewerberin oder der Bewerber auf die entsprechende Stellenbewertung passt; auch das ist ein schulpraktisches Problem. Jetzt werden einige sagen, insbesondere aus dem Bildungsbereich – Frau Schulministerin ist heute ja nicht da –: Das passiert doch überall. – Es mag sein, dass das passiert, aber es bleibt doch eher die Ausnahme, als es die Regel ist, und zwar nicht, weil unser Schulrecht das ermöglicht, sondern trotz dieses geltenden Schulrechts. Wir brauchen aber grundsätzlich ein Schulrecht einer Ermöglichungskultur; das haben wir auch schon oft diskutiert. Spätestens dann scheitert manche Fantasie an der harten Klippe der APO-GOSt – übrigens Regeln, die nicht Moses in die Steintafeln diktiert worden sind, sondern die Menschen gemacht haben. Was wir gemacht haben, können wir auch ändern. Eine lebenspraktische Überarbeitung der Lehrpläne mit den unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren würde uns also helfen, zu versuchen, die Zukunft zu antizipieren. – Herr Präsident, ich komme gleich zum Schluss. – Die Finnen haben damit Riesenerfolg; das würde uns auch gut zu Gesicht stehen. 12.09.2024 Eine Wahrheit will ich uns und auch der Wirtschaft aber nicht ersparen: Wir werden nicht alles parlamentarisch regeln. Wir brauchen auch eine inklusive Unternehmenskultur, die Diversität fördert. Die Wahrheit ist: Solange es immer noch verstaubte Vorstands- und Geschäftsführungsetagen gibt, in denen sich die Herren auf die Schenkel klopfen, wenn es um Frauen geht, sind wir noch nicht da, wo wir sein wollen. Lassen Sie uns dafür gemeinsam kämpfen. Das machen wir gerne mit der FDP und den anderen Kolleginnen und Kollegen im Haus. – Vielen Dank und Glück auf! (Beifall von der SPD)
