Frank Müller
Guten Tag. – Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte vielleicht ganz kurz mit einem Stereotyp über Linke und Kapital aufräumen. Hier steht ein Sozialdemokrat vor Ihnen, der bei der Deutschen Bank seine Ausbildung gemacht und auch noch ein bisschen gearbeitet hat. Wir stehen mit dem Kapital nicht auf Kriegsfuß, aber das Kapital soll den Menschen dienen, es soll im positivsten Sinne dafür sorgen, dass Innovation ermöglicht wird und dass die Shareholder etwas davon haben. Es soll aber nicht der Spekulation und der Bereicherung von Menschen dienen. Insofern möchte ich mit diesem Vorurteil aufräumen. (Beifall von der SPD) Kollege Grunwald, ich finde das jetzt gefährlich, TikTok und Co. die Finanzbildung unserer Schülerinnen und Schüler zu überlassen. Ich hoffe, ich habe Sie da jetzt bewusst missverstanden. Ich glaube, das ist ein bisschen gefährlich, das sollten wir durchaus in den Formaten tun, die wir kennen. Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Insofern vielen Dank für diesen Antrag. Deswegen ist es auch gut, dass wir über ökonomische Bildung reden, dass wir über mehr Autonomie für junge Menschen reden, über Entscheidungskompetenzen in finanziellen Fragen; das ist wichtig. Immer mehr junge Menschen starten in ihr junges Leben mit Schulden – über unachtsam geschlossene Mobilfunkverträge oder verlockende Nullzinsangebote in diversen Elektronikmärkten. Meine Mutter hat immer wunderbar einfach gesagt: Niemand hat etwas zu verschenken. Das ist eine Weisheit, die auch heute noch gilt. Es ist klug, wenn auch junge Menschen Alltagskompetenzen erlernen. Insofern ist das ein richtiger Ansatz, und Schule ist ein guter Ort dafür. Ich fürchte nur, dass die geschätzten Kolleginnen und Kollegen der Liberalen zumindest den falschen Schluss aus der Erkenntnis ziehen und am Ende mit dem Fähnchen winken und sagen: Lass uns doch einmal am Thema Wirtschaftsunterricht ansetzen, und dann machen wir da auch noch ein Abiturfach. Damit macht man sich es etwas zu einfach. Unsere Gesellschaft steht ja aktuell vor großen Herausforderungen. Das ist eine, die Sie gerade richtig beschreiben. Aber es ist dann doch sehr einfach, am Landtag Ende jeder dieser Herausforderungen mit einem Schulfach und einem Abiturfach zu antworten, insbesondere wenn man am Ende nicht sagt, was dann vielleicht weg soll. Auch das ist ja immer ein Thema, das wir haben. Immer wieder, wenn eine gesellschaftliche Herausforderung auf uns zukommt, sagen wir: Das muss jetzt die Schule erledigen. Dann legen wir das noch obendrauf, und Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Schülerinnen und Schüler sagen zu Recht: Wir können das aber nicht alleine bewältigen. Das zeigt einmal mehr: So wie wir Schule heute organisieren, wie wir Unterricht und Lehrpläne organisieren, kommen wir ein Stück weit an unsere Grenzen. Es wäre klug, wenn sich Schule diesen Herausforderungen stellt und das in unserer aktuellen Zeit nicht alleine tut, wenn sie lebensnäher und praxisnäher sein möchte, sondern sich auch außerschulischen Lernpartnerinnen und Lernpartnern öffnet. Dass wir aber auch ein solches Verständnis von Unterricht überwinden müssen, haben wir hier im Parlament, aber auch im Ausschuss schon oft gesagt, indem wir Unterricht kompetenzorientiert weiterentwickeln und die Lernpläne entschlacken. Die Finnen schaffen es ja auch, mit deutlich weniger Lehrplänen auszukommen und ihren Lehrplan alle zehn Jahre zu bearbeiten, und zwar immer mit Blick auf die Zukunft: Welche Herausforderungen warten in der Zukunft auf uns? Das ist ein Versuch, ein Stück weit in die Glaskugel zu schauen. Das sollten wir dann natürlich nicht sehr einseitig tun. Wir begrüßen natürlich gerne Wirtschaftsverbände und Börsenvertreterinnen und -vertreter an Schulen, aber dann bitte auch die Verbraucherzentralen und die Schuldnerinnen- und Schuldnerhilfen in unserem Land – das finde ich ganz wichtig – und auch ganz viele Organisationen, die durchaus auch einen kritischen Blick haben. Das sollte dann bitte nicht versäult, sondern alltagsintegriert und lebensnah geschehen. Das kann man in diversen Schulfächern verankern. Dann hätten Sie uns an der Seite; da springen Sie aber aus meiner Sicht ein bisschen zu kurz. Insofern sagen wir: Ja, natürlich mehr ökonomische Bildung, aber bitte keinen bekenntnisorientierten Wirtschaftsunterricht, liebe Kolleginnen und Kollegen. Der Ansatz ist gut, er greift zu kurz, die Überschrift hat uns Hoffnung gegeben: zukunftsweisend, lebensnah, innovativ. Bei genauem Hinsehen ist das im Antrag manchmal ein bisschen wie alter Wein in neuen Schläuchen, insbesondere wenn man sich ein Stück weit kritisch mit dem gesamten Thema Wirtschaft auseinandersetzen will. Daher wollen wir gemeinsam versuchen, die Bereitschaft zu entwickeln, Schule insgesamt zu verändern, grundlegend unser Verständnis von Unterricht zu verändern. Was sind die Herausforderungen, die 13.06.2024 auch in Schule ihren Platz haben müssen? Mit wem können wir das tun? Bitte lassen Sie uns dabei nicht an einzelnen Stellschrauben drehen. Ich habe mir noch aufgeschrieben: Die Schulministerin bzw. der vertretende Minister wird gleich sagen, dass Sie weder das eine noch das andere als Landesregierung tun werden. Das finde ich bei einem solchen Antrag sehr schade, dass am Ende die Landesregierung sagt, sie mache das alles schon total super. Wir haben das ja schon ein bisschen von dem Kollegen Grunwald gespoilert bekommen: wahlweise kleines Karo oder Pepita, was wir gleich erwarten können. Ziel jedes bildungspolitischen Handelns – Frau Präsidentin, ich komme zum Ende – muss sein: Wir wollen selbstbestimmte Subjekte statt Objekte. Deshalb ist es wichtig, dass wir das im Ausschuss miteinander intensiv beraten und uns darüber austauschen können. Der Antrag ist es wert. Ich meine, deutlich gemacht zu haben, dass wir zumindest in dem Bereich ein paar andere Schwerpunkte legen und doch die Hoffnung haben, Unterricht und Schule grundlegend zu verändern, statt jede Herausforderung mit einem neuen Fach zu beantworten. – Vielen Dank, liebe Kolleginnen und Kollegen, und Glück auf! (Beifall von der SPD)
