Kirsten Stich
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleg*innen der demokratischen Fraktionen! Madame Leroque est à la cuisine, Monsieur Leroque 24.04.2024 est à la travail. – Ich will Ihnen das gerne mal eben aus meinem Französischbuch aus dem Jahr 1978, das war im Übrigen der erste Satz, übersetzen: Frau Leroque ist in der Küche, und Herr Leroque ist bei der Arbeit. Genauso hinterweltlerisch ist das Gesellschaftsverständnis der AfD. (Beifall von der SPD und den GRÜNEN – Ver- einzelt Beifall von der CDU) Und Sie meinen, jetzt ist es an der Zeit, das Thema „die Frau zurück an den Herd bzw. in die Küche“ wieder in den Schulalltag zu bringen und damit die deutsche Sprache in die 70er-Jahre zurückzubeamen. „Geschlechtsspezifische Erziehung als Resultat und Merkmal sexistischer Sprachhandlungen“ war als Studentin das Thema meiner Diplomarbeit. Falls Sie es nicht verstanden haben: Auch vor 33 Jahren gab es schon geschlechtsspezifische Sprache. Jetzt von „Gender-Fetisch“ wie es gerade Herr Blex nannte, zu sprechen, ignoriert völlig die Realität. Auch völlig an der Realität vorbei ist Ihre Einlassung, wenn nicht gegendert würde, dass Kinder und Jugendliche eine schlechtere Bewertung zu erwarten hätten. Das ist totaler Quatsch! Egal ob männliche, weibliche oder diverse – alle Menschen haben ein Recht darauf, sich in der Sprache wiederzufinden. (Beifall von der SPD und den GRÜNEN) Gendern ist also in keiner Weise „Ausdruck einer politischen Entgrenzungsideologie“ – Zitat aus Ihrem Antrag –, sondern genderneutrale Sprache hat einen Einfluss auf unsere Wahrnehmung und trägt zur Inklusion und Gleichberechtigung im Alltag bei. < Die AfD sagt ja selbst in dem vor uns liegenden Antrag, dass Sprache ein dynamisches Gebilde sei, das sich ständig weiterentwickle. Wo ist eigentlich Ihr Problem? Sprache entwickelt sich aktuell nämlich ganz beispielhaft zu einem gesellschaftlichen Anspruch auf Teilhabe für alle Menschen, insbesondere für Frauen in allen Bereichen des Lebens. (Dr. Christian Blex [AfD]: Menschen oder Mensch*innen?) – Heute können Sie wirklich mal was lernen, Herr Blex. Hören Sie lieber zu. (Beifall von der SPD) Das wollen die AfD-Mitglieder- und -Wähler*innen natürlich nicht. Das zeigt sich auch in Ihren Wahlprogrammen. Gendergerechte Sprache ist ein Instrument zur Verwirklichung von Chancengleichheit und Gleichstellung. Die Sichtbarkeit aller Menschen ist das Wesentliche. Landtag (Zuruf von Dr. Christian Blex [AfD]) Wir sprechen unter anderem von jahrzehntelanger Repression gegenüber Frauen. (Zurufe von der AfD: Oh!) Es ist mir völlig klar, dass durch Sprache allein keine Veränderungen entstehen. Aber Sprache ist ein umfassendes und nachhaltiges Mittel, damit Gleichberechtigung bereits in der schulischen Ausbildung erlernt wird. Das ist für junge Menschen wichtig. (Dr. Christian Blex [AfD]: Was sagen denn Ihre Neubürger zur Gleichberechtigung?) Die Forderung der AfD, gendergerechte Sprache an Schulen zu verbieten, steht deshalb im Widerspruch zu all diesen Errungenschaften. Außerdem schränkt es die individuelle Freiheit und Selbstbestimmung jedes Einzelnen ein. Es geht nämlich auch hier um Diversität, die in geschriebener Sprache sichtbar gemacht werden muss. Ein Verbot von gendergerechter Sprache oder die Einschränkung der Möglichkeit, sich selbst auszudrücken, ist nicht nur diskriminierend, sondern auch inhuman. (Zuruf von Dr. Christian Blex [AfD]) Auch viele Verwaltungen haben dies inzwischen, Gott sei Dank, verstanden. Sie treiben durch Ihre Polarisierung und Ihren Verbotsantrag die Spaltung der Schulgemeinschaft und der gesamten Gesellschaft voran. Verwundert habe ich mir dann jedoch die Augen gerieben, als ich in dem Antrag las, dass genderfreie Sprache Menschen leichter falle, die Deutsch nicht als Erstsprache hätten. Ernsthaft? Ausgerechnet die AfD kommt mit diesem Argument? (Dr. Christian Blex [AfD]: Ja!) Seien Sie doch lieber ehrlich. Gerade diese Menschen sind Ihnen doch völlig egal. (Beifall von der SPD – Zuruf von Sven Werner Tritschler [AfD]) Das ist an Fadenscheinigkeit wirklich nicht zu überbieten und einfach nur heuchlerisch. Hier zeigt die AfD aber ihr wahres Gesicht. Sie spielen gesellschaftliche Gruppen gegeneinander aus, so wie Sie es immer tun. Wenn es um die Sichtbarkeit von Frauen und diversen Menschen geht, werden auf einmal Menschen, die Deutsch als Zweitsprache haben instrumentalisiert und als Leidtragende dargestellt. Hören Sie sich eigentlich noch selber zu? Wahrscheinlich nicht. (Dr. Christian Blex [AfD]: Ich muss ja jetzt Ihnen zuhören!) Wir als SPD-Fraktion hören bei Gendergerechtigkeit ganz genau hin und werden dem vorliegenden Antrag selbstverständlich nicht zustimmen. Mein 24.04.2024 Kollege Dr. Hartmann hat vorhin gesagt: Man sagt ja auch nicht „Spiegelei“ sondern „Spiegelei“. Das schaffen wir auch alle. – Auch Herr Blex hat vorhin gesagt, dass er das hinkriegt.
