Anja Butschkau
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Die SPD setzt sich für die Verbesserung der Bedingungen von Gründerinnen und Gründern ein. Auch wir wollen, dass sich mehr Frauen mit einem Start-up selbstständig machen. Auch wenn uns das Ziel eint, Frau Kollegin Müller-Rech, tun wir uns mit dem vorliegenden Antrag doch schwer. Denn wenn wir darüber diskutieren, wieso es in Nordrhein-Westfalen weniger Gründungen als anderswo gibt und wieso weniger Frauen ein eigenes Start-up gründen, dann dürfen wir die strukturellen und regionalen Unterschiede, die in Nordrhein-Westfalen nun einmal vorhanden sind, nicht außer Acht lassen. (Beifall von Lisa-Kristin Kapteinat [SPD]) In Düsseldorf haben wir beispielsweise ein anderes Gründungsklima als im Kreis Siegen-Wittgenstein oder in Herne. Erst wenn wir diese sehr heterogenen Bedingungen und Beweggründe analysiert haben, ist es möglich, passgenaue Maßnahmen für jede Region zu entwickeln. Solche passgenauen Maßnahmen brauchen wir eben auch. Dazu finden wir hier im Antrag aber leider nichts. Auch die Gründe, aus denen sich Frauen seltener als Männer für eine Gründung entscheiden, kommen in dem Antrag unserer Meinung nach zu kurz. Laut KfW Research sind das mangelnde Sicherheit und fehlende Risikobereitschaft, fehlendes Finanzwissen, gravierende Benachteiligung beim Zugang zu Kapital und fehlende weibliche Rollenvorbilder. Leider liefert der Antrag auch auf diese teils sehr gravierenden Ursachen nur unzureichende Antworten. Eine Imagekampagne allein wird das nicht aufbrechen. Ich sehe noch einen weiteren Grund, wieso die Gründungen stagnieren. Das ist der überall thematisierte Fachkräftemangel. Wieso soll jemand das Risiko eingehen und sich selbstständig machen, während man 21.03.2024 als qualifizierte Fachkraft aktuell traumhafte Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt vorfindet? Lassen Sie mich auch ein Wort zum Handwerk verlieren. Ich sehe es ebenfalls so, dass es hier ganz viele Karrierechancen für Frauen gibt. Aber wenn wir junge Frauen fürs Handwerk begeistern wollen, dann sollten wir sie nicht gleich mit Erwartungen überfrachten. Es ist richtig, ihnen Chancen und Karrierewege aufzuzeigen und für eine Ausbildung im Handwerk zu werben. Aber jungen Menschen zu suggerieren: „Du gehst jetzt ins Handwerk, damit du dann die Unternehmensnachfolge in einem Handwerksbetrieb übernimmst“, wird viele dann doch eher abschrecken. Genau diese Argumentationslinie finden wir jedoch im vorliegenden Antrag. Einen weiteren Seitenhieb kann ich Ihnen leider nicht ersparen. Ihre Lobhudelei zur Einführung des Unterrichtsfachs Wirtschaft teilen wir absolut nicht. (Beifall von der SPD – Franziska Müller-Rech [FDP]: Das überrascht uns!) Denn diese ging zulasten der politischen Bildung in den Schulen. (Norwich Rüße [GRÜNE]: So ist das! – Fran- ziska Müller-Rech [FDP]: Das stimmt nicht! Das ist ein Märchen!) Die politische Bildung fehlt in Zeiten steigender Hetze und Desinformation im Internet und des Angriffs der Neuen Rechten auf unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung. (Zuruf von Franziska Müller-Rech [FDP]) Den Forderungen im Beschlusstext dieses Antrags zu mehr Sensibilisierung, Vernetzung und einem Ausbau der Förderprogramme stimmen wir zu. Aber wir glauben, dass dies nicht ausreichen wird, um mehr Frauen zur Gründung eines Start-ups zu bewegen. Der Antrag liefert vor allem auch keine Antworten zur besseren Vereinbarkeit von Karriere und Beruf. Unter solchen Bedingungen Alleinerziehende auch noch zu ermutigen, sich selbstständig zu machen und ein Unternehmen zu gründen, verkennt unserer Meinung nach leider die Lebensrealität der Betroffenen. All das sollten wir in den Ausschussberatungen vertiefen. Ich freue mich da auf eine lebendige Diskussion. – Herzlichen Dank. (Beifall von der SPD)
