Rodion Bakum
Sehr geehrter Herr Präsident! Kolleginnen und Kollegen! Ich will Ihnen die Geschichte von Anna und Boris Peresetzki erzählen. Boris war Ingenieur und Leiter der Baubehörde der ukrainischen Sowjetrepublik. Er war verantwortlich für zahlreiche Bauten im Zentrum Kiews und für die Funktürme in der gesamten Ukraine. Viele von ihm verantwortete Bauwerke liegen heute durch russische Raketen in Schutt und Asche, genauso wie seine Heimatstadt Charkiw. Er hatte den Zweiten Weltkrieg überlebt. Er war Kommandeur der Flugabwehr am Kaspischen Meer. Er verteidigte die sowjetischen Ölvorkommen gegen die Angriffe der Nazis. Er hatte Glück, sein kleiner Bruder Wilja nicht: Er starb mit 19 Jahren in der Panzerschlacht um Kursk. Anna war Ärztin. Sie hatte vier Geschwister durch die Nazis verloren. Ihre Schwester Busja starb bei der Blockade Leningrads – nicht durch Bomben oder Kugeln der Nazis, sondern während der Geburt ihres Sohnes. Ihr Sohn wurde Opfer des Hungers der eigenen Leute. Anna wurde gerettet, weil ihr Bruder Gregori sie in das allerletzte Militärboot aus Kiew setzte und sie Richtung Sibirien fliehen konnte. Er hatte ihr das Leben gerettet. Kurz darauf kamen die Nazis nach Kiew. In der Hexenschlucht tötete die Wehrmacht innerhalb von 48 Stunden mehr als 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder. Gregori war einer von ihnen, ebenso wie die beiden Brüder Alexander und David. Das Massaker von Babyn Jar war das größte Einzelverbrechen an Jüdinnen und an Juden während des Zweiten Weltkriegs. Das Leben führte Anna und Boris nach dem Krieg nicht nur zusammen, sondern sie folgten ihren Familien in den 90er-Jahren nach Deutschland; in das Land, aus dem die Täter der Vergangenheit stammten. Doch Anna und Boris fühlten keinen Hass oder Angst, obwohl fast ihre gesamten Familien während des Holocaust vernichtet wurden. Sie fühlten Dankbarkeit und Hoffnung, nach Deutschland kommen zu dürfen, damit ihre Kinder und Enkelkinder ein besseres, ein friedliches Leben haben – anders als sie. Diese Herzlichkeit und Güte gaben sie den folgenden Generationen weiter, und sie sagten ihren Enkelkindern stets: Ihr seid keine Opfer. Und die Menschen, die heute in Deutschland leben, sind keine Täter oder Landtag für ihre Vorfahren verantwortlich. Sie haben stets gesagt: Dies ist eure Heimat, und ihr seid verantwortlich für euer Leben, für eure Heimat und für eure Zukunft. Anna und Boris starben vor einigen Jahren, und sie wurden in ihrer neuen Heimat im Ruhrgebiet beerdigt. Jüdinnen und Juden glauben zwar nicht an so etwas wie ein Leben nach dem Tod oder einen Himmel. Dennoch stelle ich mir vor, wie Anna und Boris gerade zufrieden und stolz in den Landtag von NRW schauen, weil ihr Enkel als Abgeordneter seiner Heimat in diesem Moment vor Ihnen, Kolleginnen und Kollegen, spricht. (Beifall von der SPD, der CDU, den GRÜNEN und der FDP) Wir erinnern zum Holocaustgedenktag auch an die Taten der Vergangenheit, um Hoffnung für die Zukunft zu verbreiten. Ich denke, das ist heute notwendiger denn je, denn in unserem Land ist etwas ins Wanken geraten, wie es sich die düstersten Pessimisten nicht haben vorstellen können: Es gibt Menschen in unserem Land, die von Vertreibung träumen. Der Holocaust soll uns für die Ewigkeit eine Mahnung sein, wohin Vertreibung führt. Deswegen macht es mich stolz, und es berührt mich, wie viele Menschen in diesen Tagen für unsere Heimat und für unsere Demokratie auf die Straße gehen und diese verteidigen. (Beifall von der SPD, der CDU, den GRÜNEN und der FDP) Für mich und für diejenigen, die sich solidarisch fühlen, sage ich: Das ist unsere Heimat. Wir sind hier, und wir bleiben auch hier. (Beifall von der SPD, der CDU, den GRÜNEN und der FDP) Solange hier und anderswo eine Partei unsere Demokratie missbraucht, um sie von innen zu vernichten, müssen Demokratinnen und Demokraten aufstehen und kämpfen, damit wir nicht eines Tages in einem Albtraum für Deutschland aufwachen. (Beifall von der SPD, der CDU, den GRÜNEN und der FDP)
