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Frank Müller

SPD 24.01.2024 Sitzungen 18/54

Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Eines vorweg: Was mich regelmäßig aufregt, sind diese Bekenntnisse dazu, dass nicht alle Abitur machen müssen. Nein, es müssen nicht alle Abitur machen. Es gibt aber doch eine andere Realität in unserem Land, nämlich, dass nicht die meisten ins Abitur gezwungen werden, sondern dass es immer noch viele Kinder und junge Menschen gibt, die durchaus das Abitur machen könnten und die wir ihrer Bildungschancen berauben, weil wir sie nicht ausreichend fördern. (Beifall von der SPD) Mich ärgert, dass wir das mit dieser Erkenntnis kaschieren wollen und einen Mantel des Schweigens darüber decken. In Wirklichkeit enthalten wir diesen Kindern ihre Chancen vor. Alle Kinder müssen die Chance haben, mit Förderung das Abitur zu erreichen; sie müssen es aber nicht machen. Im Übrigen muss nach dem Abitur auch niemand studieren gehen. Auch ich habe das nicht gemacht. Ich habe eine Ausbildung gemacht und bin damit heute nicht traurig. (Beifall von der SPD und den GRÜNEN) Das will ich deutlich machen; denn so etwas ärgert mich immer kolossal, weil es die eigentliche Problematik kaschiert. Alle Schülerinnen und Schüler müssen die Chance haben, ihre Talente zu entdecken und ihr volles Potenzial zu entfalten – so weit, so richtig. Sie haben aber das Recht darauf, dass wir die Bedingungen dafür schaffen, dass sie diese Leistungen abrufen können, und dass es nicht folgenlose Bekenntnisse bleiben, die wir von diesem Redepult aus abgeben. Deswegen haben wir die Enquetekommission „Chancengleichzeit in der Bildung“ angeregt, weil es nicht mit mehr Lust auf Leistung getan ist. Es ist schlichtweg unser Bildungssystem, das eine Kernsanierung braucht, damit wir diese Lust auf Leistung wieder wecken. (Beifall von der SPD) Ich will mich hier am Redepult nicht über Schulnoten verkämpfen. Am Ende ist das Spiegelfechterei. Darum geht es gar nicht. (Zuruf von Ralf Witzel [FDP]) Für Schülerinnen und Schüler, für Lehrerinnen und Lehrer und für die Eltern ist eine ganz andere Frage zentral, nämlich: Wann lösen wir denn unser Ver-Landtag sprechen auf beste Bildung in diesem Land tatsächlich ein? Mit punktueller Leistungsmessung allein wird es nicht besser. (Zuruf von Ralf Witzel [FDP]) Worüber wir aber gerne mit Ihnen diskutieren wollen, sind unser Verständnis von Leistung und dem Leistungsbegriff sowie vor allem die Frage, wie es eigentlich um die Leistungsgerechtigkeit an unseren Schulen steht. Was ist das für ein Leistungsbegriff, der sich am Ende auf Wettbewerb und Noten verengt? Das ist nicht unser, das ist kein sozialdemokratischer Leistungsbegriff. (Zuruf von Ralf Witzel [FDP]) Zu viele Menschen in unserem Land bringen Leistung, ohne dass diese Leistung anerkannt wird, weil Fortschritte und Anstrengungen schlichtweg nicht gewürdigt werden, weil es dafür keinen Raum gibt. Das ist kein Vorhalt an die Lehrerinnen und Lehrer in unserem Land, die eine ganz wunderbare Arbeit machen. Es ist aber ein Symptom eines Systems, das zu überlastet ist, um junge Menschen in all ihren Facetten zu sehen und individuell zu fördern. So wäre es unsere Aufgabe, nicht an diesen Symptomen zu arbeiten, sondern endlich das Richtige zu tun. Weil es uns unterstellt wird, will ich außerdem klarstellen, dass wir niemanden in Watte packen wollen. Zwar ist das eben eher den Grünen unterstellt worden. Aber das läuft bei uns ja immer gerne mit. (Zuruf von Franziska Müller-Rech [FDP]) Wir wollen niemanden in Watte packen. Aber Leistungsmessung und Leistungsbewertung dürfen nicht zu einem Selbstzweck verkommen. (Beifall von den GRÜNEN und Andrea Busche [SPD]) Es muss das Streben nach Selbstwirksamkeit und Aufstieg unterstützt werden. Machen wir uns ehrlich: Das gelingt uns an unseren Schulen nach wie vor nicht ausreichend. Noch immer spielen Faktoren eine Rolle, die keine Rolle spielen sollten. Lassen Sie es mich einmal deutlich sagen: Herkunft ist noch keine Leistung. (Beifall von der SPD und den GRÜNEN) Natürlich ist es auch wichtig, mit Enttäuschungen und Niederlagen umzugehen. Zwischen Motivation und Demotivation liegt aber ein sehr schmaler Grat. Auch mit Druck umzugehen will gelernt sein. Wenn Druck allerdings krank macht, läuft etwas falsch. Wenn Zwang Lust ablöst, gewinnt niemand etwas. Wenn Freude der Angst weicht, haben wir an unseren Schulen ein gewaltiges Problem. Darüber haben wir hinsichtlich der mentalen Gesundheit unserer 24.01.2024 Schülerinnen und Schüler an vielen Stellen gesprochen. Wir müssen weiter darüber sprechen. Ich will es an einem Beispiel deutlich machen. A hat eine Lese- und Rechtsschreibschwäche. In einem Diktat macht A 60 Fehler. Dafür gibt es eine Sechs. In den nächsten Monaten gelingt es A dank vielfältiger Unterstützung, besser zu werden. Im nächsten Diktat macht A nur noch 30 Fehler. Alle würden mir zustimmen, dass das ein beachtlicher Leistungssprung ist. Dennoch bekommt A wieder eine Sechs; denn im Vergleich zu allen anderen bleibt die Leistung unterdurchschnittlich. Natürlich kann A keine Eins oder Drei dafür bekommen, weil das den anderen, die null Fehler machen, gegenüber unfair wäre – ebenfalls so weit, so richtig. Wie kann A in diesem System aber erkennen, dass die Anstrengungen nicht vergeblich waren und sich gelohnt haben? Dieses Beispiel zeigt, wie sehr wir in diesem sehr starren System der Benotung an Grenzen stoßen und dass die Frage nach der Leistungsbeurteilung nicht trivial ist. (Franziska Müller-Rech [FDP]: Deshalb darf es keine Noten mehr geben? Das ist doch die falsche Konsequenz!) Es geht nicht um die Abschaffung von Noten, sondern um alle Dimensionen der Leistungsbeurteilung. – Frau Präsidentin, ich komme gleich zum Schluss. – Wir brauchen eine gute Feedback-Kultur, die im Berufsleben alle erwarten und die junge Menschen von uns erwarten dürfen. Viele Betriebe wollen das. Sie sagen: Gebt uns neben den Zeugnissen endlich Portfolios, damit wir auch mal sehen, wie hoch die Bereitschaft ist, an sich zu arbeiten, wie die Potenziale und die Soft Skills aussehen und wie es um Teamfähigkeit und Empathie bestellt ist. Worauf will Schule Lust machen? Druckbetankung oder Reproduktion kann nicht die Antwort auf diese Frage sein. Lassen Sie uns die Kinder nicht in Schubladen stecken. Diese helfen manchmal beim Sortieren, werden aber eben vielen nicht gerecht.

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