Carlo Clemens
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Der Lehrermangel ist die wohl größte Herausforderung im schul- und bildungspolitischen Bereich. Das ist nichts Neues. Wir haben an dieser Stelle schon oft darüber gesprochen. Wir haben ca. 6.700 unbesetzte Lehrerstellen allein in NRW, die meisten davon an Grundschulen. Wir haben eine hohe Teilzeitquote, wir haben zu viele Lehrkräfte, die verfrüht aus dem Dienst ausscheiden, weil sie die alltäglichen Lasten einfach nicht mehr stemmen können. Es gibt großen Unmut über Zwangsabordnungen, die Schülerzahlen steigen derweil rasant an, und wir haben nicht genug Lehrernachwuchs. Immer weniger junge Menschen schließen das Lehramtsstudium erfolgreich ab. Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der Lehramtsabsolventen rückläufig und sank im Zehnjahresvergleich um 10,5 %. In NRW haben im vergangenen Jahr 7 % mehr Lehr-25.10.2023 amtsstudenten ihr Referendariat abgebrochen als noch im Jahr zuvor. Zudem ist die Zahl der Studienanfänger im Lehramtsstudium insgesamt in den vergangenen Jahren spürbar rückläufig. Auch da müssen wir ansetzen: an der Lehrerausbildung. Denn die Beseitigung des Lehrermangels ist die Grundvoraussetzung, damit wir die Bildungswende in diesem Land schaffen. (Beifall von der AfD und Dr. Christian Blex [fraktionslos]) Auch hier sind es zurückliegende Entscheidungen, die diesen erschreckenden Mangel mit verursacht haben, vor allem das Lehrerausbildungsgesetz vom Mai 2009. Sie redeten damals von der Professionalisierung auch des Grundschullehrers so, als ob die Lehrer an den Grundschulen nicht professionell gearbeitet hätten. Heute haben wir das Ergebnis Ihrer wundersamen Form der Professionalisierung: Die Absolventen des Lehramtsstudiums für Grundschule sind hochprofessionalisiert, aber es sind so wenige, dass die Ministerin jede Menge Seiteneinsteiger, die zum größten Teil überhaupt kein Pädagogikstudium absolviert haben, einstellen muss. Die Absolventen sind hochprofessionalisiert, aber die Leistungen der Grundschüler gehen immer mehr zurück. Die Absolventen sind hochprofessionalisiert, sollen aber neben ihrer Arbeit als Grundschullehrer noch die Tätigkeit des Förderschullehrers ausüben. Die sachfremde Verlängerung des Grundschullehrerstudiums auf zehn Semester Regelstudienzeit, die sachfremde Überfrachtung des Studiums mit Fachtheorieanteilen vor allem in Mathematik, die für das Grundschullehramt ohne Funktion sind, natürlich auch überzogene Zugangsbeschränkungen an den Universitäten – all das hat unzählige junge Menschen vom erfolgreichen Studium des Grundschullehramts abgehalten. Auch in den Fächern Musik, Kunst oder Sport gibt es Eingangsprüfungen als Studienvoraussetzung, die teilweise völlig überzogen sind und angesichts der personellen Notlage unbedingt auf den Prüfstand müssen. (Beifall von der AfD und Dr. Christian Blex [fraktionslos]) Es sind unzählige junge Menschen, die vielleicht das Talent zum Unterrichten von Kindern gehabt hätten, deren fachlich-theoretisches Interesse oder Können in manchen Bereichen aber möglicherweise fehlt, und die unseren Grundschulen verloren gehen. Lehramtsstudenten beklagen gerade im Fach Mathematik, dass dort die Anforderungen und Ausschlusskriterien deutlich zu hoch seien. Ein Ergebnis solch eines langen übermäßig theoriebelasteten Studiengangs sind nun die zahlreichen Einstellungen von Seiteneinsteigern, die mit großem Aufwand erst einmal nachqualifiziert werden müssen. Landtag Der vorliegende Antrag der AfD-Fraktion hat eine Ausbildung von Grundschullehrern im Sinn, die strikt an der späteren Schulpraxis orientiert und von sachfremden Lerninhalten weitgehend freizuhalten ist. Damit verbunden sind selbstverständlich regelmäßige Praxisanteile von Beginn an, denn der Praxisschock kommt für viele Lehramtsstudenten und Referendare reichlich spät. Vom ersten Semester im Lehramtsstudium bis zum Ende des Referendariats ist der Schwund enorm. Der Stifterverband spricht bildlich von einem Lehrkräftetrichter. Die AfD fordert also ein Konzept für eine Ausbildungsstätte für angehende Grundschullehrer, das sich an der Idee der Pädagogischen Hochschule orientiert. Als dezidiert praxisnaher Modellversuch zusätzlich zum bisherigen Studienangebot im Grundschullehramtsbereich sollen hier Erfahrungen gesammelt werden. Das kann dann als Grundlage genommen werden, um nachhaltig etwas in der Lehrerausbildung zu verbessern. Wir stehen mit dieser Forderung nicht alleine. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz spricht sich ebenfalls für eine schlanke und zielgerichtete Lehrerausbildung aus. Wenn wir mal über den Tellerrand schauen, finden wir auch interessante neue Grundschullehramtsstudiengänge zum Beispiel an der BTU Cottbus–Senftenberg, wo vom ersten Semester an eine enge Verzahnung mit der schulischen Praxis vorgesehen ist und wo erziehungswissenschaftliche und fachdidaktische Anteile besonders in den Vordergrund gestellt werden. Auch in NRW muss sich etwas in der Ausbildung der Grundschullehrer tun. Hier kann die jahrzehntelang bewährte Pädagogische Hochschule ein Vorbild sein; denn wir können es uns nicht länger leisten, derart viele potenzielle Lehrkräfte auf dem Weg in den Beruf zu verlieren. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD und Dr. Christian Blex [fraktionslos])
