Dr. Hartmut Beucker
Sehr geehrter Herr Präsident! Verehrte Damen! Geehrte Herren! Crowdfunding ist eigentlich gelebte Demokratie. Eine Anzahl von Menschen finanziert ein Projekt, das ihnen gefällt. Projekte in der Kultur – etwa eine Ausstellung, eine Tanzaufführung oder eine Performance – werden von Personen mit unterschiedlichen finanziellen Möglichkeit auf den Weg gebracht. Es ähnelt den Aufrufen zum Crowdfunding für alternative Medien und für Personen, denen teure Gerichtsverfahren ins Haus stehen, oder etwa für die legendäre Titanic. Hier geht es jedoch generell um Kunst, um kreatives Vorgehen, um Kunstwerke. Seit der Aufklärung emanzipiert sich der Künstler von einem Auftraggeber, dem früher das Kunstwerk zugerechnet wurde, und wird zum sich frei entfaltenden Künstler, der für einen Kunstmarkt arbeitet. Die Freiheit vom Auftraggeber wird aber gegen eine Abhängigkeit vom Markt 22.09.2023 eingetauscht, und damit sind wir bei der Angebotsplattform angelangt, um die es geht. Das klingt, zumal es um Kunst und Ästhetik geht, profan. „Abhängig vom Markt“ lässt uns an van Gogh denken, der Zeit seines Lebens so gut wie keine Werke verkaufen konnte und doch ein kaum erreichtes Genie war. Der Markt kann also auch tumb und töricht sein. Doch überall herrscht – das ist die Realität – das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Projekte, die auf Gegenliebe stoßen, sind erfolgreich. Andere sind das nicht. Beim Theater und beim Kino findet diese Abstimmung über den Ticketverkauf statt. Dagegen ist, wenn überhaupt, nur eine möglichst große Reichweite des Marktes als positiv ins Feld zu führen. Mit anderen Worten: Je größer die erreichbare Zielgruppe ist, desto eher wird die Kunst den Künstler ernähren können. Darum muss es gehen, auch wenn das wiederum profan klingt. Das ist ein weiterer Grund, warum uns Crowdfunding grundsätzlich sympathisch ist; wir finden, es kann und soll nicht alles vom Staat finanziert werden. Ich sehe mich als Künstler und erwarte daher, gefördert zu werden – das ist keine akzeptable Haltung. Dagegen hilft die Erweiterung der Reichweite der Künstler durch die Plattform. Immanent ist die Gefahr, dass Blender – Künstler, deren Kunst vor allem in der Selbstvermarktung besteht – sich die Möglichkeiten der Plattform in der umfangreichen Anwendung betriebswirtschaftlicher und marketingtechnischer Verfahren zunutze machen. Auch das ist wieder profan, aber das hat es immer schon gegeben. Immerhin bietet die Plattform die Möglichkeit für möglichst viele Teilnehmer, den Kaiser als nackt zu erkennen. Der Antrag schlägt mit der Seite creative.nrw eine branchenübergreifende Crowdfunding-Seite für Nordrhein-Westfalen vor. Es besteht die Möglichkeit, dass diese Plattform den Künstlern in NRW das Leben erleichtert. Das ist gut so. Neben diesem inhaltlichen Gehalt des Antrags gibt es aber auch einen politischen Gehalt. Mit diesem Antrag inszeniert sich die FDP als Anwalt der Künstler; sie mag das so sehen. Die FDP hat aber mit wenigen Ausnahmen dem Heizungsgesetz im Bundestag zugestimmt, und von der FDP NRW, dem Heimatverband maßgeblicher FDP-Bundespolitiker, kam keine Gegenrede. Wie wird es also einem Künstler ergehen, der in der städtischen Peripherie oder auf dem Land ein älteres Haus gekauft oder geerbt hat und der finanziell gerade so über die Runden kommt? Wie wird es ihm gehen, wenn er sich mit den Forderungen aus dem Heizungsgesetz und mit dem noch schlimmeren und von den beiden Ampelkoalitionspartnern im Europaparlament unterstützten und damit aus Brüssel Landtag kommenden Dämmgesetz konfrontiert sieht? Er wird wie Dutzende von Tausenden anderen nicht wissen, wie er das mangels Kreditwürdigkeit finanzieren soll, und sein Haus verkaufen müssen. Das ist das Aus für das lichtdurchflutete und die Kreativität anregende Atelier. Was unternimmt die FDP dann? Crowdfunding für durch vom Heizungs- und Dämmgesetz existenzbedrohte Künstler in NRW etwa nach dem Motto „Respekt für dich – Scholz, Habeck und Lindner lassen dich nicht im Stich“? (Zuruf von Yvonne Gebauer [FDP]) Bis Sie diesen politischen Fehler eingesehen haben, wird es dauern. So lange wollen wir die Künstler aber nicht im Regen stehen lassen und wenigstens das Trostpflaster der Plattform auf den Weg bringen. Dem Antrag werden wir deshalb zustimmen. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
