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Rodion Bakum

SPD 25.08.2023 Sitzungen 18/41

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleg*innen! Sehr geehrte Damen und Herren! Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Wir debattieren über Gesundheit und Studierende, und die SPD-Fraktion stimmt der antragstellenden FDP-Fraktion auf ganzer Linie zu. Der letzte Abschnitt des Medizinstudiums in Deutschland, das sogenannte Praktische Jahr, ist eine Vollzeittätigkeit zum Schnäppchenpreis für die Lehrkrankenhäuser und Universitätskliniken. Wer in unserem Land Arzt oder Ärztin werden will, der muss bereit sein, sich zunächst ausbeuten zu lassen. So ist das. Mit den höchst unterschiedlichen Aufwandsentschädigungen ist weder ein auskömmlicher Lebensunterhalt möglich noch die Unabhängigkeit von der Familie. Wir reden hier nicht nur über Jüngere, die – wovon Landtag man ausgehen kann – ohnehin zu Hause leben, sondern von ganz vielen Menschen. Mindestens ein Fünftel sind über die Wartezeit ins Studium gekommen, sie standen schon vorher mitten im Leben und haben eine Ausbildung haben zum Rettungssanitäter, zur Pflegefachkraft gemacht. Sie haben sogar über Jahre schon Vollzeit gearbeitet und auch gutes Gehalt verdient, sie haben womöglich eine Familie gegründet und diese versorgt. Sie müssen plötzlich zum Nulltarif arbeiten, können auch keinen Nebenjob ausfüllen und werden im Praktischen Jahr vor große Schwierigkeiten gestellt. Da ist eine Mindestvergütung nach dem BAföG-Höchstsatz und eine angleichende Vergütung an Lehrkrankenhäusern notwendig und auch richtig. (Beifall von der SPD) Dass die Landesregierung – wie aus der Antwort auf die Kleine Anfrage der FDP hervorgeht – keine Verbindung zwischen den Arbeitsbedingungen, möglichen Bewerbungen auf einen Medizinstudienplatz und der späteren Entscheidung des künftigen Arbeitgebers sieht, zeigt – mit Verlaub – wie weit der Gesundheitsminister von der Lebensrealität der Medizinstudierenden entfernt ist. Ich könnte jetzt unzählige Beispiele nennen, nenne aber mal mein eigenes Beispiel. Ich habe mein Wahltertial im St. Vinzenz-Hospital in Rhede im Kreis Borken absolviert. Das ist ein schönes Städtchen; das kann der Ministerpräsident sicherlich auch bestätigen. Ich bin dort hingegangen, weil die Vergütung gestimmt hat, mir Verpflegung und Unterkunft gestellt wurde und das Krankenhaus für eine hervorragende Anleitung bekannt war und auch noch ist. Es war natürlich auch selbstverständlich, dass ich dort nach Beendigung des Praktischen Jahres und des Studiums weiterhin arbeite und dort auch eine Zeitlang bleibe. Ich will aber hervorheben, dass die Problematik der Fehltage, die ja auch aus dem Antrag hervorgeht, noch wesentlich prekärer ist. Man muss deutlich sagen: Wer im Praktischen Jahr krank wird, der verliert. Wer krank wird, kann keinen Urlaub machen. Wer krank wird, kann nicht für das dritte Staatsexamen lernen. Ich erzähle deswegen eine wahre Geschichte, die sich aufgrund dieser Regelungen auch ereignet hat. Ein motivierter Medizinstudent absolviert sein Chirurgieltertial in der Unfallchirurgie in einem Krankenhaus im westlichen Ruhrgebiet. Der passionierte Fußballer hat es leider geschafft, in der Zeit, in der er auch in der Unfallchirurgie tätig war, sich beim Spiel das vordere Kreuzbank und den Innenminiskus zu reißen. Was bedeutet das? Die Unfallchirurgen, bei denen er tätig war, haben gesagt: Wir müssen zweimal operieren, erst das eine Band, dann das nächste. – Zeitverlust: zweimal acht Wochen. Das 25.08.2023 Praktische Jahr war vorbei und musste damit wiederholt werden. Also entscheidet sich der PJler, nicht operiert zu werden und das Praktische Jahr durchzuziehen, auch ohne Kreuzband; denn die Wiederholung kann er sich schlicht und ergreifend finanziell nicht leisten. Das haben aber wiederum seine Oberärzte nicht akzeptiert. Sie entschlossen sich, beide Bänder in einer OP zu fixieren, obwohl das durchaus ein Risiko für Folgeschäden darstellt. Der PJler ging eine Woche nach Hause, hat fünf Fehltage angegeben und hat dann tatsächlich mit Krücken in der Notfallambulanz der Unfallchirurgie Patienten versorgt. Das mag zwar ein Extrembeispiel sein, ein Bild für die Götter, ist aber letztendlich gar nicht so lustig. Denn so etwas geschieht tagtäglich im PJ. Ich behaupte: Wenn Medizinstudierende sich in ihrer Ausbildung dreimal überlegen müssen, ob sie krank sein dürfen, was werden sie dann wohl später als Ärzte vorleben? Ich danke der FDP-Fraktion für die Darstellung des Problems. Wir stimmen natürlich der Überweisung in den Ausschuss zu, ich darf aber verraten, dass wir dort im Ausschuss auch zustimmen werden. – Glück auf, und bleiben Sie gesund. (Beifall von der SPD)

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