Enxhi Seli-Zacharias
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Der Fachkräftemangel ist zweifellos eines der drängendsten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit. Laut Industrie- und Handelskammer Nordrhein-Westfalen fehlten bereits im Jahr 2022 350.000 Fachkräfte im Land, davon allein 305.000 mit klassischer Berufsausbildung und nur 45.000 mit einem Universitäts- und Hochschulabschluss. Für das Jahr 2023 spricht die IHK bereits von 400.000 fehlenden Fachkräften. Bis ins Jahr 2035 könnte der Mangel an Fachkräften die Marke von 1 Million überschreiten – und das alles, obwohl die Politiker, die dieses Land regieren, recht mühelos dank des deutschen Sozialsystems junge Männer aus allen Ecken der Welt anlocken. Doch das scheint nichts zu bringen. Dennoch debattieren wir in diesem Parlament unaufhaltsam über den sogenannten Fachkräftemangel. Heute geht es allerdings um die Potenzialsteigerung bei Frauen. Mehr Frauen in den Beruf zu bringen und dort langfristig zu halten, ist sicherlich eines von mehreren sinnvollen Mitteln, um den Mangel an Fachkräften zu bekämpfen. Was wir dafür nicht brauchen, ist der nächste Genderlehrstuhl oder Gender Studies. Was wir auch nicht brauchen, sind sogenannte Quotenregelungen oder überbordende Kompetenzzentren, wie zum Beispiel die Zentren, über die wir gerade sprechen. Unterm Strich muss man sagen, dass die Erfolgsbilanz bisher recht mager ausfällt. Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass der Antrag von CDU und 14.06.2023 Grünen ohne die Nennung von Zahlen auskommt. Diese fehlenden Zahlen möchte ich an dieser Stelle dennoch gerne einmal kurz nachliefern. Laut Abschlussbericht haben die Kompetenzzentren vier Gruppen von Frauen bei der Beratung im Blick. Stille-Reserve- bzw. Berufsrückkehrerinnen, angehende bzw. junge Akademikerinnen, Frauen mit Zuwanderungsgeschichte und Frauen mit Beeinträchtigungen. Frauen, die eine Berufsausbildung absolvieren wollen oder absolviert haben, müssen intensiver in den Blick genommen werden. Gerade diese Gruppe wäre am besten geeignet, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Hier sollte es nicht nur um betriebliche Ausbildung in frauenuntypischen Berufen gehen. Die entsprechende Abbildung im Abschlussbericht auf Seite 23 ist diesbezüglich mehr als aufschlussreich. Dazu passt auch, dass in den Zentren selbst fast nur Studierte arbeiten. So besteht das Personal zum großen Teil aus Akademikerinnen. Frauen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung spielen nur eine untergeordnete Rolle. Wenn sich Personen mit Ausbildung finden, dann eher in verwaltungsspezifischen Fachrichtungen wie zum Beispiel Bürofachkraft. Aus dem wirklichen Handwerk kommt wirklich keine. Man wird also das Gefühl nicht wirklich los, hier würden Akademikerinnen für Akademikerinnen arbeiten. Der Blick über den Tellerrand fällt in einem rein akademischen Umfeld natürlich schwer. Wie sollen Kompetenzzentren, die so aufgebaut sind, gegen den Fachkräftemangel im Handwerk wirksam sein? Wie soll auf diese Weise eine sinnvolle Ansprache von kleinen und mittleren Unternehmen erfolgen, die die Kernzielgruppe der Kompetenzzentren bilden? Durchaus sind auch kritische Stimmen zu hören, ob denn die Mitarbeiter der Kompetenzzentren ein wirkliches Verständnis für die Herausforderungen und Bedürfnisse von Handwerken haben, die seit Jahrzehnten um ihre Existenz kämpfen. Weitere Mängel offenbaren sich beim Blick auf die in den vier Gruppen erreichten Frauen. So wurden im Zeitraum von vier Jahren nur durch zwei der 16 Kompetenzzentren überhaupt Frauen mit Zuwanderungsgeschichte erreicht. Bei den Frauen mit Beeinträchtigungen fällt die Bilanz noch verheerender aus. Kein einziges der 16 Kompetenzzentren hat hier auch nur eine Frau erreicht. Das gehört eben zur Wahrheit auch dazu. Die Kompetenzzentren haben also bisher beim Thema „Fachkräftemangel“ und natürlich auch beim Thema „Diversität“, worüber Sie ja heute ebenfalls sprechen wollen, nicht wirklich eine großartige Wirkung entfalten können. Das kann festgehalten werden. Wir unterstützen aber Ihr Vorhaben, die nun seit vielen Jahren bestehenden Kompetenzzentren weiter Landtag anzupassen, insbesondere hinsichtlich der Handlungsfelder, und die Zusammenarbeit mit berufsfachspezifischen Institutionen und Verbänden zu fördern. Diese Chance sehen wir noch als gegeben. Deswegen werden wir uns enthalten. Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
