Carlo Clemens
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren Kollegen! Mittlerweile verfehlt ein Viertel der Viertklässler das Mindestniveau bei den grundlegenden Lesefähigkeiten. Damit fehlt diesen jungen Menschen jede Grundlage für so ziemlich alle Schulfächer und damit das Fundament für einen erfolgreichen Werdegang. Berufs- und Aufstiegschancen können dadurch für immer verbaut werden. Das selbst ernannte Bildungsland NRW darf sich solche Ergebnisse angesichts des drückenden Fachkräftemangels nicht leisten. Das Elternhaus ist der entscheidende Faktor dafür, mit welchen Startvoraussetzungen junge Menschen ihren Bildungsweg antreten. Die Tragweite dieses nicht neuen Befundes hat sich seit 2001, als die IGLU-Studie zum ersten Mal ihre Ergebnisse veröffentlichte, nicht verändert; im Gegenteil: Sie hat sich zunehmend vergrößert und verfestigt. Deutschland gehört zu den Ländern, in denen der Einfluss der sozioökonomischen Herkunft besonders stark ausgeprägt ist. Jedes fünfte Kind in Deutschland ist von Armut bedroht. Jedes fünfte Kind wächst mit nichtdeutscher Familiensprache auf. Beides überschneidet sich häufig. Das Zusammenwirken sozialer und migrationsbezogener Disparitäten führt dazu, dass nicht nur sprachliche Fähigkeiten bei der Einschulung stark auseinandergehen. Das betrifft auch das Sozialverhalten, Grob- und Feinmotorik, allgemein die sozialen und emotionalen Kompetenzen. Wenn Kleinkindern regelmäßig vorgelesen wird, macht das etwas mit dem Sprachvermögen und dem Wortschatz des Kindes. Wenn sich die Eltern gewählt ausdrücken, am Esstisch viel diskutieren, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch die Kinder differenziert sprechen und schreiben. Es fehlt oftmals nicht nur an Vorbildwirkung und altersgerechter Unterstützung, Eltern verstärken sogar oft noch die herkunftsbedingten Unterschiede. In der Bildungsforschung nennt sich das sekundärer Herkunftseffekt. Wenn die Eltern selber nicht auf dem Gymnasium waren, tendieren sie in der Übergangsphase zwischen Grundschule und weiterführender Schule aus verschiedenen Gründen dazu, die Fähigkeiten des eigenen Kindes zu unterschätzen und Aufstiegschancen zu übersehen. Bei Akademikereltern ist es genau umgekehrt: Dort entscheidet oft der Wunsch nach Statuserhalt. Das tatsächliche Potenzial des Arbeiter- oder des Akademikerkindes spielt beim Übergang zu oft eine nebensächliche Rolle. Diese sozialen Faktoren werden durch die aktuelle Schulleiterumfrage „Schule im Brennpunkt 2023“ der Landtag Wübben Bildungsstiftung zur Lage an Brennpunktschulen bestätigt. Die überwiegende Mehrheit der Schulleiter kommt zu dem Schluss, dass das deutsche Schulsystem auf die besonderen Bedürfnisse zahlreicher Kinder aus sozialen Brennpunkten nicht ausgerichtet sei. 80 % der Befragten sagen, dass die Lehrpläne und die gängigen Lehrwerke hinsichtlich Schwierigkeitsgrad und Umfang sowie thematisch für die Schüler nicht taugten. 70 % sagen, dass die räumliche und personelle Situation mangelhaft sei. Es fehlt an allen Ecken und Enden an qualifiziertem Fachpersonal. Für Grundschüler aus diesen schwierigen Umständen sind Kitas und Grundschulen wohl die wichtigsten Orte, um soziale Ungleichheiten auszugleichen. Nicht zuletzt deshalb beantragte die AfD bereits im Februar nach dem Vorbild der Länder Hessen und Hamburg, unter Einbeziehung von Kindertagesstätten, Grundschulen und Eltern verpflichtende Vorlaufkurse für alle Kinder im Vorschulalter mit Deutschförderbedarf einzurichten und die hierfür notwendigen Änderungen im Schulgesetz vorzunehmen. Für Grundschüler aus schwierigen Umständen ist sicherlich der Ganztag die ideale Lösung, um überhaupt erst die Chance auf eine geeignete Lernumgebung zu erhalten, Erfahrungshorizonte zu erweitern und Zukunftsperspektiven zu schaffen – oder manchmal auch nur, um der Dauerbeschallung durch TV und Spielekonsole zu entkommen. Sie sehen: Angesichts der Realität wird man pragmatisch. Man sollte es zumindest werden. Wir sollten uns nicht wieder in Debatten um Schulstrukturen verrennen. Insofern umfasst dieser Antrag auf Einrichtung einer Enquetekommission wichtige Themenkomplexe der Zeit, auch wenn die Unterpunkte unter III. vermuten lassen, dass die ideologischen Scheuklappen bei der SPD aufgesetzt bleiben. Aber Schule kann kein gesellschaftlicher Reparaturbetrieb sein. Bildungspolitik allein kann nicht die sozialen Probleme unserer Gesellschaft lösen. Wir sollten Bildungsthemen weder moralisch noch idealistisch oder sozialpolitisch überfrachten. Gerade im Sinne der Chancengerechtigkeit muss man kritische Stimmen aus Forschung und Praxis anhören, die darauf hinweisen, dass man in allzu heterogenen Lerngruppen weder den leistungsschwächeren noch den besonders leistungsstarken Schülern vollends gerecht werden kann. Defizite werden unter diesen Voraussetzungen nur bedingt ausgeglichen. Statt das Selbstvertrauen zu stärken, werden benachteiligte Schüler mit Misserfolgserlebnissen konfrontiert und fühlen sich zurückgesetzt und abgehängt. Pragmatismus erwarte ich auch bei der Anerkennung, dass unsere Schulen und Lehrkräfte an ihren Belastungsgrenzen angekommen sind. Das belegen sämtliche Untersuchungen zur Lehrergesundheit. 26.05.2023 Die übergeordnete Politik sollte sich endlich anschicken, Stress und Belastung nicht noch weiter zu erhöhen. Bestimmt ist eine Enquetekommission der richtige Ort, um überfraktionelle Schnittmengen zur Unterstützung benachteiligter Schüler pragmatisch neu auszuloten. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
