Jochen Ott
Ich danke Ihnen. – Ich sprach von Uğur Şahin, BioNTech-Gründer, der in der Türkei geboren wurde und im Alter von vier Jahren mit seiner Mutter zu seinem Vater, der bei den Kölner Ford-Werken arbeitete, zog. In der Grundschule wurde die Empfehlung „Hauptschule“ ausgesprochen. Erst nach der Intervention eines Nachbarn, der den Jungen häufiger sah, wurde das ermöglicht. Er absolvierte 1984 das heutige Erich Kästner-Gymnasium in Köln-Niehl als erstes türkischstämmiges Gastarbeiterkind der Schule überhaupt mit dem Abitur. Wie die Geschichte weitergeht, brauche ich nicht zu erzählen. Ich möchte – drittens – darauf hinweisen, dass in vielen wissenschaftlichen Studien – ob es die Max-vs.- Murat-Studie oder andere Studien sind – darauf hingewiesen wurde, dass Kinder mit ausländischen Wurzeln im Fach Deutsch von angehenden Lehrkräften schlechter benotet werden. Offensichtlich haben wir also auch hier – das ist der Verbindungspunkt zum vorangehenden Tagesordnungspunkt – ein Problem. Warum sage ich das hier? Studien über die Bildungserfolge unserer Kinder wie die IGLU-Studie und die IQB-Bildungstrends zeigen uns deutlich: Viele Kinder erreichen die Mindeststandards in Lesen, Rechnen und Schreiben nicht. Als wäre das nicht genug, zeigte auch der zuletzt vorgelegte nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2022“, dass Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen immer noch stärker vom Hintergrund des Elternhauses bzw. von der sozioökonomischen Herkunft abhängen, als wir uns das eigentlich wünschen würden. Das ist in den letzten Jahren durch die Pandemie noch verschärft worden. Ich finde dies beschämend. Ich schäme mich aber nicht nur dafür, sondern es ist auch verheerend. Denn wir sprechen über die Zukunft unseres Landes. Bildung ist das A und O. Früher konnte über Bildung ein Aufstiegsversprechen gegeben werden, und viele konnten es nutzen. Heute ist klar, dass das vielen gar nicht mehr gelingt. Seit mindestens zwei Jahrzehnten ist jedes fünfte Kind in Deutschland von Armut betroffen. Das darf nicht so bleiben. (Beifall von der SPD) Wir müssen grundlegend an die Strukturen ran und das System überarbeiten. Dazu bedarf es nach Ansicht meiner Fraktion weiterer empirischer, wissenschaftlicher Erkenntnisse und einer fraktionsübergreifenden Zusammenarbeit im Rahmen einer Enquetekommission. An dieser Stelle muss klar gesagt werden: Es geht hier nicht um die Frage eines Schulkonsenses. Den empfehlen wir Ihnen ja schon seit Längerem für die drängenden kurzfristigen Fragen, um über die Bildungsfinanzierung zu sprechen, die hier auch öfter unter dem Thema „New Deal“ Landtag eingebracht werden. Nein, im Gegensatz dazu ist das Ziel einer Enquetekommission, individuelle Disparitäten der Kinder bzw. Jugendlichen und deren Entwicklung im Verlauf der Bildungswege zu untersuchen. Was heißt das? – Wir brauchen eine Untersuchung der strukturellen Gegebenheiten, der didaktischen, methodischen und materialbasierten Aufbereitung der Bildungsinhalte und der vielseitigen Möglichkeiten im physisch-präsenten sowie im digitalen Bereich. Deshalb müssen wir die Übergänge von der Kita zur Schule und von der Grundschule zur weiterführenden Schule sowie dann den Übergang in die beruflich-akademische Phase in den Vordergrund stellen. Ziel wäre es, die jeweils erlangte Fähigkeit eines Kindes – sei es die Schulfähigkeit, die Studieroder die Ausbildungsfähigkeit – zu betrachten, zu bewerten und langfristig zu entwickeln. Die Enquetekommission „Chancengleichheit in der Bildung“ soll die Expertise aus Wissenschaft und Praxis zusammenbringen. Schule muss neu gedacht werden. Wir brauchen ein gut aufgestelltes, chancengerechtes, funktionierendes Schulsystem, das auch noch alle verstehen können. (Beifall von der SPD) Eine solche Debatte muss man sorgfältig führen. Die muss man miteinander führen. Sie ist notwendig, weil Nordrhein-Westfalen ein solides Fundament für Chancengleichheit braucht, das individuelle Bildungsmöglichkeiten in jeder Form eröffnet und diese dann in gleichem Maße wertschätzend in den Blick nimmt. Liebe Kolleginnen und Kollegen aller Fraktionen, insbesondere aller demokratischen Fraktionen in diesem Haus, mit der Enquetekommission „Chancengleichheit in der Bildung“ reichen wir Ihnen ein weiteres Mal die Hand zur Zusammenarbeit. Lassen Sie uns innehalten und die Zeit nutzen, um in den nächsten zwei Jahren der Arbeit der Enquetekommission dafür zu sorgen, dass die Kinder, die heute geboren werden, deutlich mehr Chancengleichheit haben als die Kinder, die vor Jahren geboren wurden. Das sind wir den Kindern schuldig, aber wir sind es auch der Zukunft unseres Landes schuldig. – Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall von der SPD)
