Carlo Clemens
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren Kollegen! Im 148 Seiten starken sogenannten Zukunftsvertrag der schwarz-grünen Koalition kommt der Faktor „Wohlgestaltung“ in Bezug auf das Bauen überhaupt nicht vor. Von Bauästhetik ist einzig und allein im Zusammenhang mit dem Netzwerk Europäisches Bauhaus die Rede. Das ist bezeichnend. Denn bei diesem sogenannten Netzwerk handelt es sich um eine begriffliche Mogelpackung, um eine dreiste PR-Nebelkerze für die große EU-Regulierungswelle. Die Kommissionspräsidentin hat es in diesem Zusammenhang auf den Punkt gebracht – ich zitiere –: Den Green Deal soll man fühlen können. Immerhin lässt Ihr Bauhausreframing die implizite Möglichkeit zu, dass es Zielkonflikte zwischen sogenanntem Klimaschutz im Gebäudesektor auf der einen und ansprechender architektonischer Gestaltung auf der anderen Seite geben könnte. So weit sind Sie beim seriellen Bauen leider noch nicht. Selbst ChatGPT muss zugeben, dass es keine Nachteile des seriellen Bauens finden konnte. Obwohl sich die Regierungspolitik in Berlin und in Düsseldorf zur Bekämpfung der drückenden Wohnungsnot große Zielmarken setzt, sackt die Zahl der Baugenehmigungen und der Wohnungsfertigstellungen immer weiter ab. Von Planerfüllung sind Sie weit entfernt, wie die aktuellen Zahlen des Statistischen Landtag Bundesamtes zeigen. Im Gegenteil: Seit einem Jahr geht die Zahl der Baugenehmigungen drastisch zurück. Ganz zweifelsohne muss sich angesichts der gestiegenen Kosten für Baumaterial, Handwerker und Logistik etwas tun. Das serielle Bauen wird uns als Wundermittel gegen die große Wohnungsnot verkauft. In der Koalitionsvereinbarung von CDU und Grünen wird das serielle und modulare Bauen als eine Form des innovativen Bauens genannt, das auch in NRW weiterhin intensiv vorangetrieben werden soll. Wir aber warnen: Es gibt keine Medizin ohne Nebenwirkungen, und hier sind die Nebenwirkungen politisch wirklich sehr ernst zu nehmen. Besonders das modulare Bauen bringt fast unweigerlich Verluste an gestalterischer Qualität und Vielfalt mit sich. Es besteht die Gefahr architektonischer, städtebaulicher Eintönigkeit aufgrund von Skalierung und Großserienfertigung von Bauelementen. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Wir müssen aufpassen, dass es nicht zu weiteren Verlusten an regionaltypischer Baukultur, an typologischer Vielfalt und an ansprechender Fassadengestaltung kommt. Wir wollen die bauliche Vielfalt schützen, nicht nur in Bezug auf das Alte, etwa beim Denkmalschutz, sondern auch in dringend benötigten Neubaugebieten. Bitte tun Sie den Bürgern, die in NRW heimisch werden und hier Wurzeln schlagen möchten, den Gefallen, solche Aspekte nicht beiläufig als Schöngeistigkeit abzutun. Denn ohne inspirierende Stadträume verkümmert der Mensch als soziales Wesen, ohne identitätsstiftende Architektur verkümmert die gebaute Heimat. Wir sollten nicht naiv sein. Der herbeigesehnte große Sprung in das industrielle Bauen blendet die möglichen Nachteile zu sehr aus. Die damit verbundenen existenziellen Risiken für die mittelständischen planenden Berufe und das Bauhandwerk sollten nicht einfach so außer Acht gelassen werden. Auch wir erkennen das große wirtschaftliche Potenzial des seriellen und modularen Bauens. Es steigert die Produktivität, gerade auch in Verbindung mit computergestützter Planung, senkt die Kosten, beschleunigt Bauvorhaben und hätte sogar ökologische Vorteile. Die AfD mahnt aber zu einem schonenden politischen Ausgleich zwischen konkurrierenden politischen Zielen. Die Ausbreitung muss zielgerichtet und ausgewogen erfolgen. Gestalterische Qualität und Vielfalt dürfen nicht auf der Strecke bleiben. Das regionale Handwerk muss eingebunden werden. Zur Förderung dieser Anliegen beantragen wir unter anderem, Forschungskapazitäten zum Thema „Kultur im seriellen Bau“ aufzubauen, einen wegweisenden jährlichen Architekturpreis für NRW ins Leben zu rufen und eine Modellsiedlung zu errichten, die die 25.05.2023 Vereinbarkeit von Baukultur und seriellem Bauen demonstriert. Wir wollen uns zwar technologieoffenen, aber eben auch im besten Sinne konservativ herantasten. Ich könnte mir vorstellen, dass eine Anhörung im Ausschuss mit Vertretern der Architektenschaft, der planenden Berufe oder dem Verein Baukultur NRW interessante Erkenntnisse bringen könnte und freue mich auf eine produktive Debatte. – Vielen Dank . (Beifall von der AfD)
