Christof Rasche
Vielen Dank. – Jetzt hat Ministerin Paul für die Landesregierung das Wort. Josefine Paul*), Ministerin für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration: Vielen Dank. – Herr Vorsitzender! Sehr geehrte Damen und Herren! Nur ein Satz vorab zum Thema „Ideologie und Gleichberechtigung“: Die Gleichberechtigung ist durch das Grundgesetz garantiert, und ihre faktische Einlösung ist Verfassungsauftrag. Vielleicht sollten wir uns mal ganz kurz darauf besinnen, was Ideologie und was Teil unserer Verfassung ist. (Beifall von der SPD und den GRÜNEN) Die Gleichstellung der Geschlechter sollte eine Selbstverständlichkeit sein, doch leider ist sie das nicht. Das ist leider nicht die gesellschaftliche Realität. Frauen und Männer sind zwar vor dem Gesetz und im Übrigen auch als Teil der Verfassung gleich, aber wir alle müssen feststellen: Wir haben Rollenbilder im Kopf, und Rollenklischees spielen auch bei der Berufswahlorientierung noch eine viel zu große Rolle. Die gleichberechtigte Teilhabe in unserer Gesellschaft unabhängig vom Geschlecht ist ein zentrales Anliegen der schwarz-grünen Landesregierung. Das gilt auch und gerade für das Erwerbsleben, denn wir sehen, dass hier tatsächlich noch einiges zu tun ist. Seit vielen Jahren konzentriert sich die Berufswahl bei Mädchen vorwiegend auf nicht viel mehr als 20 Berufe. Das ist andersherum bei den Jungen leider ähnlich. Während die einen vornehmlich im sozialen und kaufmännischen Bereich unterwegs sind, sind die anderen in handwerklich-technischen Tätigkeiten zu finden. Wir reden also davon, Geschlechterklischees in alle Richtungen aufzubrechen. Um es klar zu sagen: Angesichts des eklatanten Fachkräftemangels brauchen wir alle, die eine berufliche Zukunft im sozialen Bereich suchen oder eine solche für sich im Handwerk sehen, ganz unabhängig von ihrem Geschlecht. Wir müssen uns aber auch die Frage stellen, ob wir wirklich alle Potenziale ausschöpfen, oder uns nicht vielmehr begrenzen, wenn wir nicht endlich die alten Landtag geschlechterstereotypen Scheuklappen abnehmen. Das persönliche Interesse und nicht geschlechtsspezifische Rollenzuschreibungen sollten eine solch wichtige Weichenstellung im Leben bestimmen. Das ist in dieser Debatte auch deutlich geworden. Dazu gehört, dass wir Möglichkeiten eröffnen, dass junge Menschen ihre Talente entdecken können, dass ihre Interessen geweckt werden und ihr Blick für die Vielfalt beruflicher Möglichkeiten geweitet wird. Die eingeschränkte Bandbreite der gewählten Berufe wollen wir durch die Girls’ and Boys’ Academies vergrößern. Wir wollen jungen Menschen die Vielfalt an beruflichen Möglichkeiten aufweisen und sie dabei unterstützen, ihr persönliches Potenzial jenseits von geschlechterspezifischen Rollenzuschreibungen zu entfalten. Die Girls’ and Boys’ Academies ermöglichen jungen Menschen, über die Zukunftstage der Girls’ and Boys’Days, die wir alle kennen, hinaus Berufsfelder intensiver kennenzulernen, die ihnen vielleicht infolge überkommener Rollenvorstellungen bislang eher verschlossen geblieben sind. Sie sind vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen, für sich auch da eine Perspektive zu suchen. Mehr als 500 Jugendliche haben bislang mit Erfolg die Angebote der Girls’ and Boys’ Academies wahrgenommen, und auch die beteiligten Unternehmen profitieren. Sie können sich bei den potenziellen Nachwuchskräften als attraktive Arbeitgeber*innen präsentieren und sich insgesamt neue Zielgruppen bei der Suche nach Fachkräften erschließen. Nachdem die Academies, wie so vieles während der Pandemie durch die Infektionsschutzmaßnahmen, in ihrer Arbeit in den Schulen und Betrieben stark eingeschränkt waren – darauf ist schon hingewiesen worden –, ist jetzt ein guter Zeitpunkt, die bisherigen Erfahrungen auszuwerten und die Angebote gemeinsam mit den Akteur*innen weiterzuentwickeln. Dabei ist doch klar, dass Girls’ and Boys’Days ein Baustein der Berufswahlorientierung sind. Sie ergänzen bestehende weitere Bausteine, aber sie legen einen ganz besonderen Fokus auf die Frage der Rollenklischees und darauf, diese aufzubrechen. Natürlich gilt die Aufgabe des Aufbrechens von Rollenklischees und der Präsentation der Vielfalt von Berufsperspektiven und Möglichkeiten für die Berufswahlorientierung insgesamt. Wir wollen Mädchen und Jungen die Fülle an Ausbildungen und Studiengängen aufzeigen und ihnen selbstbestimmte Perspektiven bieten. Denn künftig brauchen wir genauso Handwerkerinnen wie Erzieher, allerdings auch umgekehrt, wenn es den persönlichen Interessen entspricht. Wir müssen von Zuschreibungen wie „Frauenberuf“ oder „Männerdomäne“ wegkommen. Denn ob Technologie, Bildung oder Erziehung, das alles ist nichts 29.03.2023 Trockenes, sondern für Mädchen und Jungen gleichermaßen ein spannendes Wirkungsfeld, wenn sie denn die Möglichkeit haben, ihre Potenziale dort auch zu entdecken. Dazu müssen wir ihnen mehr Erfahrungsmöglichkeiten eröffnen. Klimawende, gute Bildung, Digitalisierung – für all diese Zukunftsaufgaben, für all diese großen gesellschaftlichen Herausforderungen brauchen wir alle talentierten jungen Menschen, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe oder einer Behinderung. Diese vielfältigen Berufswege wollen wir mit den Girls’ and Boys’ Academies in engem Dialog mit den Beteiligten und mit Blick auf bereits bestehende Programme der Berufswahlorientierung weiter fördern. Deshalb ist dieser Antrag gut. Darum ist auch die Debatte wichtig, die wir hier führen. Ich möchte mich bei all den engagierten Akteur*innen vor Ort, die die Projekte der Girls’ and Boys’ Academies engagiert umsetzen und jetzt auch weiterentwickeln, ganz herzlich für dieses wichtige Engagement für unsere Menschen in Nordrhein-Westfalen bedanken. – Herzlichen Dank. (Beifall von der CDU und den GRÜNEN)
