Rodion Bakum
Sehr geehrter Herr Präsident! Ich kann es kaum erwarten, über dieses wichtige Thema zu sprechen. Deswegen entschuldigen Sie bitte. Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Die Aktionswoche für seelische Gesundheit unter dem diesjährigen Motto „Zusammen der Angst das Gewicht nehmen“ findet zwar erst in sieben Monaten statt, wir wollen aber heute schon einmal dafür sensibilisieren und deutlich machen, dass wir mehr als nur eine Woche im Jahr brauchen, um uns um unsere seelische Gesundheit zu kümmern. Jetzt könnten wir dieses Thema mit einer Analyse der psychotherapeutischen Versorgung Nordrhein-Westfalens in einer üblichen Debatte wie jedes Landtag andere Thema auch abarbeiten. Ich könnte Ihnen ganz abstrakt erzählen, warum es wichtig ist, dass wir uns um mehr Psychotherapeuten, mehr Kassensitze und kürzere Wartezeiten kümmern sollten. Ich vermute – ich versuche, in die Zukunft zu schauen –, es würde so laufen: Der Kollege Hagemeier von der CDU würde sagen, dass es ein sehr wichtiges Thema sei, dass sich die Landesregierung schon kümmere und dass die SPD mal bloß in Berlin anrufen solle. (Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Ge- sundheit und Soziales: Na, na, na!) – Okay, dann bin ich überrascht. Dann läuft es halt anders. Wenn für die Grünen, wie so oft bei Gesundheitsthemen, die Kollegin Thoms sprechen würde, würde sie berichten, dass sie im Vorfeld mit einer Psychotherapeutin gesprochen habe, die über die Abläufe in der Praxis berichtet habe. Aber ich bin sehr gespannt. Herr Kollege Klocke, ich hoffe auf eine persönliche, authentische Rede. Dann würde vermutlich Frau Schneider von der FDP unseren Antrag in den höchsten Tönen loben, aber auch gleichzeitig feststellen, dass für alle Menschen gesorgt ist, wenn sich nur alle um sich selber kümmern würden. (Lachen von der SPD) Dann käme Herr Dr. Vincentz von der AfD, nicht zu verwechseln mit dem Heiligen Vinzenz, dem Schutzpatron der seelisch Erkrankten und Armen. Der „unheilige“ Vincentz würde uns dann erklären, dass alles wichtig sei, er alles schon länger gewusst habe und heute alles besser wäre, wenn wir nur auf ihn gehört hätten. Zum krönenden Abschluss würde der launigste Gesundheitsminister aller Zeiten die Leistungen seiner immerwährenden Amtszeit vortragen. Ich habe mich allerdings heute für eine andere Rede entschieden, liebe Kolleginnen und Kollegen, und werde jetzt persönlich. Schauen Sie einfach mal Ihren nächsten Nachbarn an; die Zuschauer auf der Tribüne können gerne mitmachen. Stellen Sie sich vor, Ihr Nachbar oder Ihre Nachbarin werden im Laufe des Lebens eine seelische Erkrankung haben, oder Sie waren bereits schwer krank. Wenn heute alle 195 Kolleginnen und Kollegen hier im Saal wären und ich alle ärztlich untersuchen würde, dann würde ich bei 39 eine seelische Erkrankung feststellen. 27 von ihnen würden den Weg zum Hausarzt schaffen, 12 Abgeordnete bekämen tatsächlich eine seelische Erkrankung diagnostiziert. 4 von ihnen würden ordentlich behandelt werden, und gerade mal 2 wären nach drei Monaten noch therapietreu. 37 Kolleginnen und Kollegen würden die 29.03.2023 notwendige Therapie nicht bekommen, vielleicht wäre ich sogar selber darunter. Wenn es uns heute seelisch schlecht geht, würden wir gerne zu einem Psychotherapeuten gehen. Ein Kennenlerngespräch bekämen wir relativ schnell, auf eine richtige Therapie müssten wir jedoch 20 Wochen warten. Diejenigen von uns, die das „Pech“ haben, auf dem Land oder im Ruhrgebiet zu leben, müssten im Schnitt 30 Wochen warten. Wenn also hier und heute 39 von 195 Abgeordneten eine seelische Erkrankung haben, dann würden genau 4 in diesem Quartal einen Termin bekommen. Dabei wäre es echt dringend, denn von uns 195 Abgeordneten würden im Laufe dieses Jahres 65 eine seelische Erkrankung entwickeln, 10 davon eine Suchterkrankung, 20 eine Depression, 31 werden Angst und Panik haben, und – nur statistisch gesehen, ich sage deutlich, wir wollen es nicht hoffen – im Laufe der fünf Jahre, die wir hier zusammensitzen, könnte sich ein Abgeordneter auch das Leben nehmen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich habe mich bemüht, Ihnen ganz persönlich vor Augen zu führen, wieso wir uns alle gemeinsam um eine bessere psychotherapeutische Versorgung in unterversorgten Regionen kümmern sollten. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Alle Regionen sind unterversorgt, weil die Berechnung schlicht und ergreifend unzureichend ist. Ich frage Sie also: Führen wir die Debatte wie immer mit den bekannten und erwarteten Argumenten, oder werden wir in der Lage sein, uns selbst, unseren Freunden, Familien, Verwandten und Nachbarn einfach zu helfen? In diesem Sinne: Wer Visionen hat, braucht mehr Ärzte. – Glück auf, und bleiben Sie gesund!
