Carlo Clemens
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Es ist schon etwas merkwürdig, dass die Fraktionen von CDU und Grünen einen Antrag zur Fachkräfteoffensive an den Schulen vorlegen, obwohl die von Ihnen getragene Regierung in dieser Sache gerade erst ein Handlungskonzept verabschiedet hat. Es scheint so, als sei das Vertrauen der regierungstragenden Fraktionen in die Schulministerin und in das von ihr geführte Ministerium nicht besonders groß. So wirkt es zumindest, wenn man als Regierungsfaktionen glaubt, ein vom eigenen Fachministerium vorgelegtes Handlungskonzept ergänzen zu müssen. Anders als das Handlungskonzept enthält der vorliegende Antrag Forderungen, die in eine Entprofessionalisierung des Lehrerberufs münden sollen. Möglicherweise haben die Grünen in der Koalition aber auch Druck gemacht, denn Anträge in diese Richtung gab es in der letzten Legislaturperiode noch mit dem Partner der Grünen im Geiste, der SPD, zuhauf. So wird zum Beispiel gefordert, dass die Regierung den Einsatz von zusätzlichen Kräften im Unterricht aus weiteren Professionen mit einer Perspektive für den Seiteneinstieg in den Lehrerberuf prüfen solle. Bei multiprofessionell tätigem Personal sollen die Zielgruppen für den Einsatz möglicherweise erweitert werden. Das heißt nichts anderes, als dass die in irgendeinem Beruf ausgebildeten Personen als vollwertige Lehrkräfte tätig sein können, wenn sie eine gewisse Zeit als Lernbegleiter eingesetzt waren. Das kann keine tragfähige Lösung des Problems sein. Auch viele Bildungsverbände sehen das kritisch und warnen ebenfalls vor einer Deprofessionalisierung des Lehrerberufs beim Stopfen von Personallücken. So sehr die Arbeit von Lernbegleitern und anderen Kräften multiprofessioneller Teams zu schätzen und zu achten ist, so wenig können Sie jedoch Lehrkräfte ersetzen, die ein schulisches Fachstudium absolviert haben und dabei in einer intensiven theoretischen und praktischen Auseinandersetzung mit pädagogisch-didaktischen Theorien und Methoden darauf vorbereitet wurden, anspruchsvollen schülerorientierten Unterricht zu geben. Dieses Ansinnen ist bereits grandios gescheitert, als man von den Grundschullehrkräften und von den Lehrkräften der weiterführenden Schulen verlangte, Kinder mit einem besonderen Förderbedarf zusam-09.03.2023 men mit den Kindern ohne einen besonderen Förderbedarf zu unterrichten, ohne das intensive Studium eines Förderschullehrers absolviert zu haben. Jetzt wollen Sie ein ähnliches Experiment auf eine andere Art und Weise wiederholen. Ich kann Ihnen aber jetzt schon sagen, dass auch das nicht den Effekt haben wird, den Sie sich erhoffen. Vorsichtigerweise fordert der Antrag nur die Prüfung dieser Möglichkeiten; es bleibt schwammig. Ich kann Ihnen sagen, wie diese Prüfung ausgehen wird: Sie wird in der Breite die Untauglichkeit Ihrer Idee zum Ergebnis haben. Ich halte auch noch andere Forderungen für untauglich. So sind die Lehramtsanwärter bei dem im Augenblick selbstständig zu erteilenden Unterricht sehr gefordert, und eine Ausweitung des selbstständigen Unterrichts würde eine zusätzliche Belastung bedeuten, die etliche Referendare nicht stemmen werden. Die Gefahr, dass noch mehr angehende Lehrkräfte aussteigen, steigt damit. Hier müssen Sie deutlich umsteuern: Geben Sie das Praxissemester auf und erweitern Sie das Referendariat wieder auf 24 Monate. In dieser Zeit ist es den Referendaren zumutbar, aber auch möglich, selbstständigen Unterricht zu geben, den sie im Praxissemester in dieser Form nicht geben können. Dass Sie bereit sind, frühere Entscheidungen zu revidieren, zeigt auch Ihre Absicht, Lehrkräfte für bestimmte Schulstufen einzustellen, die in einem Schulfach den Bachelorabschluss vorweisen können. Damit revidieren Sie in entscheidender Weise eine Bestimmung des Lehrausbildungsgesetzes vom Mai 2009. Sie sollten hier aber Nägel mit Köpfen machen und die Lehrerausbildung für Grund- und Hauptschullehrer sowie für die Lehrer für die Sekundarstufe I grundsätzlich den Fachhochschulen übertragen, denn die Auflösung der pädagogischen Hochschulen ist eine Ursache für den gravierenden Lehrermangel. Ihre Maßnahmen werden bei der Anwerbung von künftigen Lehrkräften dagegen keine 180-Grad-Wende in die Wege leiten, obgleich viele der Maßnahmen zu begrüßen sind, die im Handlungskonzept angeführt werden. Der vorliegende Antrag ist jedoch ohne Substanz, und wir können ihn nur ablehnen. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
