Silvia Gosewinkel
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen! Sehr geehrte Damen und Herren! Sprachförderung sind per Definition Maßnahmen, die die Sprachentwicklung positiv beeinflussen. Für jeden, der sich darunter nichts vorstellen kann: Da geht es um Lieder, die den Rhythmus der Sprache verdeutlichen, zum Beispiel „Aramsamsam“, oder spielerische Reime bilden, oder um das Erkennen von Lauten. Ganz spannend ist auch die Manipulation von Wörtern, indem man zum Beispiel bei „Bau“ das B durch ein S ersetzt. So lernen Kinder die wichtigen Vorläuferfähigkeiten zum Lesen und Schreiben bereits im Kindergarten oder auch in der Krabbelgruppe. Doch ein wesentlicher Bestandteil der Sprachförderung ist altersintegrierend, zum Beispiel beim handlungs-09.03.2023 begleitenden Sprechen. Ich bin sehr überzeugt davon, dass die Erzieherinnen und Erzieher hier in NRW dafür täglich ihr Bestes geben. Medizinisch betrachtet, handelt es sich bei der Sprachförderung um eine klassische Prävention einer Krankheit, nämlich der Sprachentwicklungsstörung. Gesellschaftlich betrachtet, ist Sprache Zugang zur Welt, nämlich zur Teilhabe. Man könnte meinen, Sie hätten mit Ihrem Antrag ein erstrebenswertes Ziel im Sinn. Die Formulierung „frühzeitig und ganzheitlich!“ in Ihrem Titel klingt vermeintlich sinnvoll. Doch wer den Antrag aufmerksam liest, stellt fest, dass Sie Ihre Forderungen fern der Realität formulieren. (Beifall von der SPD) Ich möchte hier auf einen ganz wichtigen Aspekt eingehen. Sie nennen es „Deutsche Sprachförderung“. Ja, in unserem Bildungssystem haben wir Deutsch als Umgebungssprache. Doch horcht man in NRW genau hin, stellt man fest: Mehrsprachigkeit ist keine Ausnahme, sondern der Alltag in ganz vielen Elternhäusern hier in NRW. (Beifall von der SPD – Vereinzelt Beifall von der CDU) Wer seine Erstsprache sicher lernt, lernt auch ohne Weiteres gut eine Umgebungssprache. Der Umgang mit der Zweitsprache oder auch mit Mehrsprachen ist eine wesentliche Voraussetzung, um Sprach- und Leseerwerb zu fördern. In Ihrem Antrag wird diese alltägliche Realität in NRW nicht mit einer Silbe bedacht. Das nenne ich realitätsfern. (Beifall von der SPD) Kommen wir nun zu den Formulierungen Ihres Antrags. Ja, auch ich finde die Ergebnisse der IQB-Bildungsstudie besorgniserregend. Wir sprechen nicht ohne Grund von einer Bildungskatastrophe hier in NRW. Genau deshalb hat die SPD-Fraktion im Antrag „NRW braucht einen Masterplan zur Stärkung der Kindergesundheit!“ schon wichtige Forderungen aufgegriffen. Wir fordern nämlich eine frühere Schuleingangsuntersuchung, und zwar mit viereinhalb Jahren; denn dann ist der mündliche Spracherwerb in der Regel vollzogen, und man kann es spezifisch messen und auch spezifische Förderungen ableiten. Das ist uns wichtig. Es muss auch eine Konsequenz aus der Testung folgen. Wenn man den Entwicklungsstand weiterführend erhebt, ist es wichtig, dass die Kinder in diesem Lernprozess der Basisfähigkeiten begleitet werden. Ebenso wichtig ist es, Umgebungsfaktoren zu berücksichtigen. Gezielte Sprachförderung bedeutet, dass in Schulen oder auch Kitas, in denen ein niedri-Landtag ger Sozialindex herrscht, gezielter Einsatz von mehr Personal möglich ist. Wir fordern außerdem eine Leseoffensive in den Grundschulen; denn wer vorgelesen bekommt – das hat mein Vorredner gerade auch gesagt –, der übernimmt das Vorbild. Jede Woche eine Vorlesestunde in den Schulen – und das müssen nicht immer Lehrerinnen und Lehrer sein – verbessert den Zugang zum Lesen. Ihr Antrag liest sich so, als ob Sie einen Pauschalantrag einfach mit dem Namen „NRW“ versehen, ohne auf die Merkmale unseres Bundeslandes einzugehen. Ich könnte nun auf jede einzelne Ihrer Forderungen eingehen. Aber ich komme schon vorher zu dem Ergebnis: Wir sehen das anders. Kennen Sie das Mercator-Institut in Köln? Wissen Sie, dass es eine Bund-Länder-Initiative gibt, die wissenschaftsbasierten Transfer von Konzepten zu Sprachbildung, Lese- und Schreibförderung längst entwickelt hat? Wir müssen die Multiplikatoren nutzen, damit genau diese Förderung nicht nur an 22 Orten hier in NRW umgesetzt wird, sondern in die Fläche kommt. Wir haben auch gute Erkenntnisse zu digitalen Medien im Unterricht, und zwar für alle Altersstufen. Wo sehen wir Bedarf? Sie sagen: ganzheitliche Förderung. Wir sagen: frühzeitig ja, aber bitte nicht im Gießkannenprinzip. Es ist wichtig, hier spezifisch vorzugehen. Wir müssen Kinder gezielt fördern, die in schwächeren Umgebungsbedingungen aufwachsen. (Beifall von der SPD) Nicht umsonst fordern wir seit Jahren genau deshalb einen höheren Personalschlüssel an Brennpunktschulen. Zusammengefasst: „Mehr Schein als Sein“ trifft es hier auf den Punkt. Wir stimmen der Überweisung in den Ausschuss zu und werden dann die Diskussion kritisch verfolgen. – Vielen Dank. (Beifall von der SPD)
