Carlo Clemens
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Das sprachliche Vermögen ist für Bildung und Sozialisation grundlegend. Die Welt ist über die Sprache erfassbar. Die Sprache ist das wichtigste Werkzeug des Menschen, um Kultur zu schaffen und diese seinen Mitmenschen zugänglich zu machen. Das sprachliche Vermögen ist daher nicht nur Ausdruck des kulturellen Niveaus eines Gemeinwesens, notwendige Bedingung allen sozialen Handelns, sondern auch Grundlage des Einzelnen für einen erfolgreichen Bildungs- und Lebensweg. Deshalb muss bei der Spracherziehung, bei der Sprachförderung 09.03.2023 früh genug angesetzt werden. Das dürfte unter allen Fraktionen unbestritten sein. Dabei dürfen Schulen, insbesondere Grundschulen, nicht allein gelassen werden. Es bedarf gerade in den sensiblen Phasen des Heranwachsens der Unterstützung durch Kindertagesstätten und Elternhäuser. Auch das dürfte unbestritten sein. Weil solche Erkenntnisse nicht neu sind, müsste man meinen, wir wären zwar noch nicht am Ziel, aber schon längst auf dem richtigen Weg. Man müsste meinen, wir hätten längst ganzheitliche, ineinandergreifende, verbindliche und überprüfbare Strukturen, nach deren Fahrplan wir die desaströsen Ergebnisse nordrhein-westfälischer Grundschüler in den Bildungsvergleichen angehen können. Doch Pustekuchen: Repräsentative Studien wie die der Dortmunder Forschergruppe des Instituts für Schulentwicklungsforschung vom Ende letzten Jahres sind nach 20 Jahren wissenschaftlicher Aufdeckung der Bildungsmisere keine Alarmrufe mehr. Sie dokumentieren nur noch den galoppierenden Niedergang der schulischen Bildung in unserem Land. Wo die Vermittlung basaler Sprachkompetenzen nicht gelingt, verfehlt der Staat eine wesentliche Funktion seines Bildungsauftrages. (Beifall von der AfD) Das kann sich Nordrhein-Westfalen nicht leisten – nicht nur, weil der Fachkräftemangel unseren Wohlstand bedroht, gerade der Fachkräftemangel bei Lehrern und Erziehern, nicht nur, weil das Elternhaus immer noch in erheblichem Ausmaß darüber entscheidet, welche Startchancen ein Kind hat, nicht nur, weil die Schülerschaft immer heterogener wird, was maßgebliche Folgen auf Erziehung und Wissensvermittlung hat. Lehrer haben es heute mit Klassen zu tun, in denen die Unterschiede zwischen den Kindern so groß sind wie noch nie. Was sich NRW deshalb nicht länger leisten kann: einen Förderdschungel im frühkindlichen wie im Grundschulbereich mit diesen gewaltigen Fragezeichen in Sachen langfristiger Finanzierung, wie aktuell der Streit um die Sprachkitas offenlegt. Wir haben zu selten langfristige Verlässlichkeit in diesem Land. Die Bundesländer Hessen und Hamburg haben vor einiger Zeit einheitliche und verbindliche Sprachförderkonzepte eingeführt, die den vorschulischen und den Primarbereich umfassen. Ausnahmslos alle Kinder werden vor ihrer Einschulung in ihrer Sprachfähigkeit einheitlich getestet. Wer Grundanforderungen an die deutsche Sprache nicht erfüllt, muss verpflichtend Vorlaufkurse bzw. Sprachfördergruppen besuchen, die in Grundschulen oder Kindertagesstätten stattfinden und zwölf Monate vor Einschulung beginnen. Im Rahmen des Schulaufnahmeverfahrens können so Defizite frühzeitig festgestellt und individuelle Landtag Fördermaßnahmen eingeleitet werden. Grundschulen und Kindertagesstätten kooperieren hierbei eng miteinander. Eltern werden systematisch und kontinuierlich in Planung und Durchführung der Fördermaßnahmen eingebunden. Die AfD fordert zudem eine Offensive für das Lesen. Lektüre und Textarbeit fördern Ausdauer und Konzentrationsvermögen, die strukturierte Arbeit mit Ideen und Informationen. Die Studienlage ist klar: Wenn Eltern zu Hause keine Vorbilder sind, lesen Kinder kaum. Wenn sie zu viel am Smartphone oder am Tablet sitzen, wie in Zeiten Ihrer Coronaschulschließungen massiv gefördert, wirkt sich das abträglich auf den Wortschatz aus. Wir brauchen keine digitalen Endgeräte in Grundschulen und Kindergärten, dafür aber ausreichend Mittel, damit Träger sich mit qualitativer Kinderliteratur versorgen und ordentliche Schulbüchereien aufbauen können. Generell muss auch hier der Flickenteppich der unterschiedlichen Leseförderprogramme auf kommunaler, Landes- und Bundesebene evaluiert und gegebenenfalls neu ausgerichtet werden, weshalb wir unter anderem auch die Initiierung einer bundesweiten Lesekonferenz vorschlagen. Was wir fordern: eine Weiterentwicklung der von engagierten Erzieherinnen und Erziehern praktizierten alltagsintegrierten Sprachförderungen, Verbindlichkeit, Überprüfbarkeit, Ganzheitlichkeit und vor allem Klarheit über die Wege, von der Sprachstandsfeststellung im vorschulischen Alter über die Sprachförderung bis zur Einschulung bis hin zur weiteren Förderung und Prüfung der Lese- und Sprachkompetenzen in der Grundschule. Dafür brauchen wir pädagogische Fachkräfte, und diese brauchen gezielte Fortund Weiterbildung. Im Rahmen der von uns geforderten strukturellen Bestandsaufnahme der Sprachförderung muss natürlich der Dialog mit dem Bund und den anderen Ländern gesucht werden, für deutsche Sprachförderung – frühzeitig und ganzheitlich! – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
