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Henning Höne

FDP 27.01.2023 Sitzungen 18/23

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben heute Vormittag eine würdige Gedenkstunde hier im Hause erlebt. Ich bin dankbar für die wirklich beeindruckenden Reden von Frau Weiss, von Herrn Rappoport. Auch den Kolleginnen und Kollegen von CDU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen bin ich dankbar, dass wir uns mit einem gemeinsamen Antrag hier auch noch einmal parlamentarisch dazu verhalten. Die Gräueltaten der Nationalsozialisten sind schwer in Worte zu fassen. Sie sind so schwer in Worte zu fassen, weil es so schwer greifbar ist, dass Menschen zu solchen Verbrechen fähig sind – als Täter, egal, ob am Schreibtisch wie bei der Wannseekonferenz oder in den Vernichtungslagern. Zeitzeugen können uns ein Bild davon vermitteln, wie Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle und politisch Andersdenkende von den Nationalsozialisten und ihren Helfern systematisch entmenschlicht wurden. So berichten die wenigen noch lebenden Zeitzeugen eben auch unter anderem von dem Tag heute vor 78 Jahren, als Soldaten der Roten Armee das Konzentrationslager, das Vernichtungslager Auschwitz erreichten. 7.600 Menschen waren da noch im Lager, Frauen, Männer, Kinder. dem Tod oft näher als dem Leben. Die genaue Zahl der Opfer in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten ist gar nicht genau bezifferbar. Wir wissen, während der Schreckensherrschaft der Nazis wurden 6 Millionen Jüdinnen und Juden ermordet, kaltblütig und hasserfüllt, perfide geplant, 6 Millionen Frauen, Männer und Kinder. Ich finde es wichtig, dass wir uns immer wieder daran erinnern, dass das 6 Millionen Schicksale sind. Alleine im Lager in Auschwitz starben über 1 Million Menschen. Landtag Wir sind es den Opfern schuldig, die Erinnerung wachzuhalten. Wir sind es aber auch unseren Kindern schuldig, die Erinnerung wachzuhalten, damit sich Geschichte nicht wiederholt. Ich finde, Deutschland sollte stolz sein auf die hier entwickelte Erinnerungskultur, die niemals zu Ende entwickelt ist, die niemals komplett fertig und perfekt ist, aber die eben doch dazu führt, dass wir uns immer wieder mit der Verantwortung, die daraus erwächst, beschäftigen. Wir alle tragen Verantwortung dafür, dass diese Erinnerungskultur lebendig bleibt. Das ist eine große Herausforderung, eine große Herausforderung, die mit jedem Jahr, das vergeht, und damit mit dem immer größer werdenden Abstand größer wird. Ende des letzten Jahres – ich habe daraus schon mal zitiert, als wir hier nach dem Anschlag auf die Synagoge in Essen gesprochen haben – wurde eine Studie veröffentlich, aus der hervorging, dass 50 % der Menschen in Deutschland die regelmäßige Erinnerung an den Holocaust für nicht notwendig halten. Liebe Kolleginnen und Kollegen, solche Zahlen machen mir große Sorgen, und solche Zahlen machen mir auch Angst, weil sie doch ein erster Schritt in die Richtung von Verharmlosung und Vergessen sein können. Erinnern ist der beste Schutz gegen die Verharmlosung. Erinnern bedeutet, dann auch zu verstehen, wie es zu diesen Menschheitsverbrechen kommen konnte. Nur, wenn man es versteht, kann man auch alles dafür tun, um eine Wiederholung zu verhindern. Nie wieder! Jeder einzelne in diesem Land trägt Verantwortung dafür, dass dieses Versprechen nicht gebrochen wird. Liebe Kolleginnen und Kollegen, immer wieder müssen wir uns fragen: Werden wir eigentlich dieser Verantwortung gerecht? Zur Wahrheit gehört, nicht immer können wir da so ganz sicher sein, seien es Alltagsrassismus, Ausgrenzung, Diskriminierung, Hass oder die jüdischen Einrichtungen in diesem Land, die immer noch und weiterhin von Polizistinnen und Polizisten bewacht werden müssen, wo es Alltag für Kinder und Jugendliche ist, nur durch Polizeischutz in die Schule gehen zu können. Dieser Schutz ist natürlich notwendig, aber dass er notwendig ist, darf für uns, liebe Kolleginnen und Kollegen, niemals normal sein. (Beifall bei allen Fraktionen) Es ist unsere Aufgabe, die Erinnerungskultur wachzuhalten und die Veränderung, die sie durchmacht, zu gestalten. Dabei darf es niemals um die Frage gehen, ob wir uns erinnern, es muss immer um die Frage gehen, wie wir uns erinnern. Gerade mit immer weniger Zeitzeugen ist das eine große Aufgabe. Immer weniger Zeitzeugen können berichten. Immer weniger Menschen haben ein unmittelbares Erlebnis, über Gespräche mit ihren Eltern und ihren Groß-27.01.2023 eltern etwas aus der Zeit des Nationalsozialismus zu erfahren. Projekte wie ZWEITZEUGEN – das haben wir gerade schon angesprochen – oder Projekte des WDR, bei denen mit neuester digitaler Technik Zeitzeugen in die Klassenzimmer geholt werden, sind wichtige Beiträge, die unser aller Unterstützung verdienen. Wir brauchen mehr davon. All das sind Beiträge zu dem wichtigsten Versprechen, und das lautet: nie wieder! (Beifall von der FDP, der CDU, der SPD, den GRÜNEN und der AfD)

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