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Dr. Bastian Hartmann

SPD 25.01.2023 Sitzungen 18/21

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wir haben in der Wissenschaftspolitik immer wieder die spannende, wenn auch nicht ganz einfache Aufgabe, über Phänomene oder Entwicklungen zu berichten und zu debattieren, die manchmal mehr nach einem Hollywood-Blockbuster als nach einem realen For-Landtag schungsansatz klingen. Wir haben zum Beispiel vor wenigen Wochen über das Einstein-Teleskops und die damit verbundene Möglichkeit gesprochen, buchstäblich mehrere Milliarden Jahre in die Vergangenheit zu blicken und letztlich die Entstehung des Universums erklären zu können. Heute geht es – nicht weniger spektakulär – um das wahrscheinlich mit Abstand mächtigste Kraftwerk unserer Galaxie. Rund 150 Millionen Kilometer von der Erde entfernt – Sie können schnell nachrechnen; das sind rund 8,3 Lichtminuten – fusionieren im Inneren unserer Sonne etwa 600 Millionen Tonnen Wasserstoff zu Helium. Bei der damit einhergehenden Massereduktion wird mehr als das Zehntausendfache des weltweiten jährlichen Energiebedarfs freigesetzt, und zwar in jeder Sekunde. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt bezeichnet dies nicht zu Unrecht als Höllenfeuer. Genau dieses Höllenfeuer für die Menschheit nutzbar zu machen, ist für manche der größte energiepolitische Traum bzw. das größte energiepolitische Versprechen unserer Zeit. Denn das, was auf der Sonne seit gut 4,5 Milliarden Jahren geschieht, soll schon bis Mitte dieses Jahrhunderts auf der Erde möglich werden. Die Kernfusionstechnologie ist eine potenziell unerschöpfliche, kostengünstige, von der Zulieferung durch autokratische Systeme unabhängige und vor allem klimaneutrale und mit nur einer geringen Gefahr für die Natur und Umwelt verbundene Energiequelle. Erforscht wird diese Technologie unter anderem im Rahmen eines der ambitioniertesten Projekte weltweit, dem ITER im französischen Cadarache. Weitere Standorte sind, wie eben schon genannt, das Max-Planck-Institut in Greifswald und das Lawrence Livermore National Laboratory in Kalifornien. Genau dort, in Kalifornien, ist es auch vor Kurzem durch die sogenannte Trägheitsfusion erstmalig gelungen, mehr Energie freizusetzen, als per Laser auf eine Kapsel mit Fusionsgemisch übertragen wurde. Erzeugt wurde in diesem bombastischen Experiment genug Energie, um sich etwa 20 Minuten lang die Haare zu föhnen. Optimisten – auch innerhalb der FDP und darüber hinaus – sehen dies als einen historischen Durchbruch an, auf den noch in den 2030er-Jahren das erste kommerzielle Fusionskraftwerk folgen könnte. Ich fürchte, diese Hoffnung ist überzogen. Denn ein sehr wichtiges Detail wird übersehen. Zwar wurde bei dieser Fusion mehr Energie freigesetzt, als durch den Laser in die Reaktion hineingegeben wurde, häufig wird aber vergessen, dass, um diesen Laser zu erzeugen und aufrecht zu erhalten, noch das Hundertfache an Energie benötigt wird. Das heißt, die Energiebilanz des Experiments ist nur in einem sehr kleinen Ausschnitt positiv. Drumherum ist es noch sehr hochenergiebedürftig. Realistischerweise 25.01.2023 können wir kaum vor 2060 mit einem regulären Kraftwerkseinsatz rechnen. Auch deswegen ist klar: Kernfusion ist nicht das alleinige Heilmittel auf dem Weg zu einer klimaneutralen Energieerzeugung, aber sie könnte das Potenzial haben, neben Wind- und Solarenergie die sehr wertvolle Grundlastfähigkeit sicherzustellen. Deswegen muss die Devise lauten: Ja zu weiteren Forschungsbemühungen – unbedingt –, Nein zu überzogenen Erwartungen. Unsere größten Forschungsverbünde und Wissenschaftsorganisationen haben dies vergangene Woche gegenüber dem Bundestag noch einmal bekräftigt. Der Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung hat sich im Rahmen einer Sachverständigenanhörung auch mit der Kernfusion befasst. Ich möchte beispielsweise Professor Hans-Martin Henning herausgreifen. Er ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme. Er sagt: Fusionskraftwerke könnten mittel- und langfristig einen wichtigen Beitrag in der – so wörtlich – „Post-Energiewendezeit“ leisten. Mit anderen Worten: Fusionsenergie könnte uns in Zukunft helfen, darf uns aber nicht von dem massiven Ausbau erneuerbarer Energien und entsprechenden Forschungsleistungen abhalten. Dieser Einschätzung schließen wir uns als SPD-Fraktion an. Wir freuen uns, im Ausschuss über die Forschungsbemühungen weiter zu beraten, und stimmen der Überweisung natürlich zu. – Herzlichen Dank. (Beifall von der SPD)

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