Kirsten Stich
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen! Der Fachkräftemangel hat sich über Jahre angekündigt. Es ist heute nahezu egal, in welche Bereiche wir schauen: Überall fehlen gut ausgebildete Arbeitskräfte. Und dies ist nur ein Vorgeschmack auf das, was in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch auf uns zukommen wird. Viele Handwerksbetriebe suchen erfolglos eine Nachfolge. Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt, gleichzeitig finden viele junge Menschen keinen passgenauen Arbeits- oder Ausbildungsplatz. Hinzu kommen der fehlende gesellschaftliche Respekt gegenüber den Ausbildungsberufen und das nach wie vor schlechte Image. (Zuruf von der CDU: Das stimmt!) Wer baut, montiert und installiert die Infrastruktur von morgen, die wir für die Bewältigung der Klimakrise so dringend benötigen? Wir müssen endlich handeln. Das Handwerk muss wieder in den Fokus der Bildungs- und Arbeitspolitik gerückt werden. Die Entscheidung, ob das Studium oder die Ausbildung die richtige Wahl ist, muss fair getroffen werden können. Dafür braucht es unter anderem die politische Stärkung der beruflichen Ausbildung gegenüber dem Hochschulstudium. Was es allerdings nicht braucht, ist eine derartige Polarisierung im Zusammenhang mit Studierenden, wie es die AfD in ihrem Antrag teilweise betreibt. (Beifall von der SPD) Wir, die SPD-Fraktion, haben bereits im Dezember 2021 in unserem Antrag „Aufschwung durch Ausbildung: Fachkräfte jetzt für das Morgen gewinnen!“ festgestellt, dass eine Gleichwertigkeit von Auszubildenden und Studierenden dringend notwendig ist und dass hierfür dringend finanzielle Mittel in die duale Ausbildung und damit in den Lernort Berufskolleg fließen müssen. (Vereinzelt Beifall von der SPD) Es ist völlig unstrittig, dass wir die Berufskollegs stärken müssen, egal, ob es um die Bezahlung von Werkstattlehrerinnen und -lehrern geht oder um den dortigen Lehrkräftemangel. Plötzlich ist nun auch die AfD aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht – wobei ich mir das bildlich kaum vorstellen mag. Ruckzuck, nach über einem Jahr fällt der AfD-Fraktion ein, dass wir in NRW etwas für die berufliche Bildung tun müssen. Respekt! Doch woher kommt auf einmal dieser plötzliche Sinneswandel? Wir, die SPD, haben gefordert, ein Programm „Gute Berufsschule 2030“ aufzulegen, um Berufsschulen schnellstmöglich zu sanieren und zu modernisieren. Wir, die SPD, haben gefordert, auf eine Gleichstellung von dualer Berufsausbildung und Studium hinzuarbeiten. Eine unserer SPD-Forderungen war, Landtag dass die Meisterausbildung, wie der Master an der Hochschule, kostenfrei werden soll und der Meister dem Master gleichzustellen ist. (Vereinzelt Beifall von der SPD – Zuruf von der CDU) Während Sie von der AfD junge Menschen mit in Ihren Augen falschen Vornamen diskreditiert haben, hat die SPD die Förderung von Azubi-Wohnheimen eingefordert. Nun steht in Ihrem Antrag eine identische Forderung. Hier zeigt sich der Politikstil der AfD: hetzen und abschreiben. (Beifall von Jochen Ott [SPD] – Zuruf von An- dreas Keith [AfD] – Lachen von der AfD ) Das ist natürlich auch der Grund, warum Sie dem SPD-Antrag noch im März 2022 im Ausschuss und im April 2022 im Plenum nicht zugestimmt haben. (Zuruf von Christian Loose [AfD]) Damit waren Sie natürlich nicht allein. Auch die CDU hat seinerzeit dagegengestimmt und im November dann einen Antrag zum Thema „Arbeits- und Fachkräfteoffensive“ gestellt, der in der nächsten Woche zur Anhörung ansteht. Es bleibt also die Hoffnung, dass endlich im Sinne der jungen Menschen, der Lehrerinnen und Lehrer an Berufskollegs und im Sinne der Arbeitgeberschaft hier in Nordrhein-Westfalen gehandelt wird. Der Antrag der AfD ist getreu dem Motto zu bewerten: Es ist schon alles gesagt, aber eben nicht von jedem. – Danke. (Beifall von der SPD)
