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Carlo Clemens

AfD 25.01.2023 Sitzungen 18/21

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die Mittelschicht in Deutschland schrumpft, und das fortlaufend. Das für die Generation der Babyboomer über weite Strecken eingelöste Aufstiegsversprechen – Sie erinnern sich – „Wohlstand für alle“ ist für die heutige Jugend keine Selbstverständlichkeit mehr. Im Gegenteil: Die soziale Durchlässigkeit nimmt ab, die Jugend wächst in zunehmender Unsicherheit auf. Die klassische Festanstellung, das jahrzehntelange Dauerarbeitsverhältnis, die feste Bindung zwischen Betrieb und Angestelltem, all das, was unsere soziale Marktwirtschaft über viele Jahrzehnte des Nachkriegsdeutschlands geprägt hat, nämlich Teilhabe und Sicherheit einer wachsenden Mittelschicht, steht zur Disposition. Der Wirtschaftspublizist Daniel Goffart nimmt bereits – Zitat – „Abschied von einem deutschen Erfolgsmodell“. Globalisierung und Digitalisierung fordern uns heraus. Gleichzeitig befinden wir uns seit Jahren im Dauerkrisenmodus: von der Finanzkrise, Asylkrise, Coronakrise bis zur Inflationskrise, und immer häufiger Fachkräftekrise. Da wären wir wieder bei den Babyboomern. Im Handwerk zum Beispiel ist mehr als ein Drittel aller Beschäftigten über 50 Jahre alt. Ihr absehbares Ausscheiden aus dem Arbeitsmarkt lässt erahnen, von welchem Ausmaß wir hier sprechen. Schon jetzt treibt der Handwerkermangel die Kosten im dringend benötigten Wohnungsneubau, und auch Ihre energetische Transformation erfolgt nicht durch schreiende Klimakleber, sondern durch ausgebildete Techniker. Landtag Der Fachkräftemangel geht quer durch alle Berufszweige. Es gibt zu wenig Nachwuchs. Laut Ausbildungsumfrage 2022 der Deutschen Industrie- und Handelskammer konnte fast die Hälfte aller Ausbildungsbetriebe nicht alle ihre angebotenen Ausbildungsplätze besetzen – ein neuer Negativrekord. Die Zahl der Vertragsneuabschlüsse ging innerhalb von zehn Jahren über 17 % zurück. Für die Zukunft unserer Jugend wie auch für die Zukunft unseres Wirtschaftsstandortes Nordrhein-Westfalen müssen wir zusehen, dass wir die Fachkräftewende schaffen. (Beifall von der AfD) Die Zahlen sind kein Geheimnis, und so kündigte die Landesregierung mit einem Antrag im Herbst auch an, eine umfangreiche Arbeits- und Fachkräfteoffensive zu initiieren. Doch ein entscheidender Faktor kommt in diesem reichlich unverbindlichen Antrag nicht zur Sprache: Das Defizit an Auszubildenden, das dem Fachkräftemangel vorausgeht, hängt entscheidend mit einer Überakademisierung zusammen, und hierfür trägt die Bildungspolitik die klare Verantwortung. (Beifall von der AfD) Lag die Quote der Studienberechtigten Anfang der 70er-Jahre noch bei 15 % pro Jahrgang, so liegt sie mittlerweile bei deutlich über 50 %. Die Zahl der Auszubildenden entwickelte sich umgekehrt. Im Jahr 2020 gab es erstmals mehr Studienanfänger als Lehrlinge. Und bitte werfen Sie uns nicht gleich wieder vor, man würde das eine gegen das andere ausspielen; ich sehe es schon kommen. Ich bin selber ein Arbeiterkind. Meine Eltern genossen beide keine höhere Bildung. Ich bin dankbar dafür, dass ich über die Realschule mein Abitur nachholen und ein Hochschulstudium absolvieren durfte. Wir waren kein Haushalt, in dem permanent darüber gesprochen wurde, wo man denn ein Praktikum machen und über welchen Berufszweig man sich denn mal informieren könne. Also dachte ich mir wie die meisten meiner Klassenkameraden: Erst mal Abi machen und dann studieren – Hauptsache, irgendwas. Nur so kann man später mal Geld verdienen, ohne sich den Rücken krumm zu machen. Die Berufsausbildung galt ganz klar als untergeordnet. Wir wussten schlichtweg zu wenig über die tollen Chancen, die Aufstiegs- und vor allem die Verdienstmöglichkeiten, die sich einem bieten – von den Zukunftsperspektiven ganz zu schweigen. Ich muss leider sagen, dass auch Lehrer gerade in der gymnasialen Oberstufe ihren Teil zur Geringschätzung der Berufslehre beigetragen haben. Viele kamen mit falschen Erwartungen an die Universität. Die hohen Abbruchquoten bei rund einem Drittel der Studenten im Bachelor sprechen für sich. 25.01.2023 Häufig finden Studienabbrecher verspätet dann doch den Weg in die Berufsausbildung. Das ist allerdings ein kostspieliger Umweg für Hunderttausende junge Menschen, der mit einer rechtzeitigen Berufsorientierung und vor allem einem klar ausdifferenzierten Schulsystem nicht in diesem Ausmaß stattfinden würde. (Beifall von der AfD) Denn auch das fehlt im Antrag von Schwarz-Grün: das klare Bekenntnis zu mittleren Schulabschlüssen, zur Real- und auch zur Hauptschule. Damit einhergehend erfolgt die Kritik an der Abiturinflation durch Leistungsabsenkung und Einheitsschule, die sich nicht nur dadurch auszeichnet, dass der Anteil der Abiturienten immer weiter zunimmt, sondern auch der Gesamtdurchschnitt aller Abiturnoten immer weiter nach oben steigt. Der nordrhein-westfälische Philologenverband befürchtet in einer Vergleichsstudie aus dem letzten Jahr eine Entwertung des Abiturs. Sehen Sie also diesen Antrag als notwendige Ergänzung mit konkreten Vorschlägen: mehr Informationsangebote, eine einwöchige Handwerksmesse, praxisnahe Potenzialanalysen, mehr Praktika, Azubi-Wohnheime, bessere Bedingungen fürs Aufstiegs-BAföG und eine Meisterprämie, die sich nicht nur aufs Handwerk beschränkt. Es braucht Aufklärung, Anreize und vor allem den politischen Willen, um die Fachkräftewende zu schaffen. Die AfD-Fraktion wird nicht nur mit diesem Antrag ihre Vorschläge machen. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)

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