Carlo Clemens
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren Kollegen! Es ist weder meine Aufgabe noch mein Wille, die Landesregierung in irgendeiner Form zu verteidigen. Kritik gibt es vonseiten der AfD-Fraktion genug, und wir haben diese im Rahmen der Haushaltsberatungen auch deutlich gemacht. Aber diese Art, wie die SPD hier Stimmung machen möchte (Kirsten Stich [SPD]: Wer macht hier Stim- mung? – Weitere Zurufe von der SPD) und den in dieser Legislaturperiode bereits abgenutzten Superlativ der Bildungskatastrophe noch einmal in eine neue Dimension erheben möchte, finde ich nicht konstruktiv. Nein, das finde ich zutiefst populistisch (Beifall von der AfD – Zuruf von der SPD) und irreführend, weil Sie permanent so tun, als hätten Sie mit dieser sogenannten Bildungskatastrophe nichts zu tun, als würden Sie keine Verantwortung tragen. Doch ich erinnere Sie von der SPD gerne noch einmal daran: Die Lehrer, die heute fehlen, haben vor sieben Jahren aus verschiedenen Gründen ein Lehramtsstudium nicht aufgenommen. Das haben sie in Ihrer Regierungszeit nicht getan. Die Lehrer, die heute fehlen, wurden in Ihrer Regierungszeit nicht ausgebildet. Diese Bildungsmisere geht zum großen Teil auf Ihr Konto. (Beifall von der AfD) Es war der antragstellenden Fraktion bekannt, dass die Schulministerin noch in diesem Jahr den Bericht der ministeriumsinternen Arbeitsgruppe Unterrichtsversorgung vorlegen möchte, und zwar – wir haben es eben gehört – nächste Woche im Schulaus-09.12.2022 schuss. Diese paar Tage hätten Sie auch noch abwarten können. Diesen Bericht hätte man sich vorher einmal anschauen können. Daraufhin hätten Sie dann Ihren Antrag einbringen oder einen Berichtswunsch im Ausschuss äußern können. Wir hätten den Bericht also zunächst einmal abwarten können – und dann gerne: Feuer frei! In den letzten Monaten hatten wir schon mehrfach und von mehreren Fraktionen das Thema „Lehrermangel“ auf der Tagesordnung. Welchen Erkenntnisgewinn erwarten Sie heute, außer dass wir uns die ohnehin bekannten Probleme noch einmal anhören? Ja, der Lehrermangel ist noch größer als vermutet. 8.000 unbesetzte Lehrerstellen in Nordrhein-Westfalen – das ist der Hammer, das ist fatal, verhängnisvoll für unzählige Bildungskarrieren. So oder so müssen wir nun schauen, dass wir die offenen und auch die partiell neu geschaffenen Lehrerstellen besetzen und ganz kurzfristig Seiteneinsteiger, Masterstudenten und Pensionäre für den Unterricht gewinnen. Andere Bundesländer praktizieren bereits verschiedene Modelle. Auch NRW muss mit einer Imagekampagne um Seiteneinsteiger und generell für den Lehrerberuf werben. Dann müssen vor allem neue Lehramtsstudienplätze und Lehramtsstandorte eingerichtet werden. Dann müssen wir über Zugangsbeschränkungen zu diesen Studiengängen sprechen. Es braucht Investitionen in Räumlichkeiten und Personal an Hochschulen, um gute Lehr- und Lernbedingungen für Lehramtsstudenten zu schaffen. Wundert es, dass ganz aktuell die Zahl der Lehramtsstudenten in NRW zurückgeht, was sich aus einem Vergleich der Studienanfängerzahlen ergibt, gerade bei jenen Lehrämtern, bei denen der Lehrermangel am höchsten ist? Die bekannten Missstände sprechen sich doch bei den jungen Leuten herum, auf den Lehrerseiten und in den Diskussionsforen. Sie überlegen es sich dreimal, unter den schwierigen Arbeitsverhältnissen ein Lehramtsstudium zu beginnen, oder sie satteln nach den ersten Praktika um und wechseln das Studienfach. Die Lehrkräfte bekommen viel zu häufig zu hören: Lehrer möchte ich heutzutage nicht mehr sein. Ich zitiere aus einem Lehrerforum eine verzweifelte junge engagierte Lehrerin: Die Heterogenität im Klassenraum führt dazu, dass wir Fördergruppen bilden müssen, um die Defizite, die im Elternhaus generiert werden, etwas aufzufangen. Das reicht aber nicht aus, denn das Lesen (im Buch) zu Hause ist elementar für die Lesefähigkeit und die Wortschatzbildung. Die Kinder fehlen dann im Sachunterricht oder im Sport und verpassen wichtige Inhalte in diesen Fächern, weil sie an der Förder-Landtag gruppe teilnehmen. Wenn wir die Gruppen zusätzlich zum normalen Unterricht anbieten, überfordern wir die Schüler. Sechs Stunden Unterricht am Tag sind einfach zu viel für ein junges Kind. Angebote für Hochbegabte gibt es hingegen nicht, und wir müssen uns noch den Vorwurf der Diskriminierung gefallen lassen, da wir Inklusion durch Exklusion betreiben. – Zitat Ende. Es ist der Schulalltag, und es sind die Bedingungen, welchen Lehrer und Schüler ausgesetzt sind, die dafür sorgen, dass der Lehrerberuf für viele ein Schreckgespenst und für andere ein unerreichbares Ziel ist. Für diese Zustände sind vor allem die schulpolitischen Fehlentscheidungen verantwortlich, die Sie – auch und besonders die SPD – in den letzten Jahrzehnten getroffen haben. (Beifall von der AfD) Denjenigen, die durchaus bereit wären, sich auf das Abenteuer „Schule“ einzulassen, haben Sie dann durch den Umbau der Lehrerausbildung 2009 unnötig Hürden in den Weg gestellt, sodass viele geeignete und motivierte junge Leute ihr Ziel gar nicht erreichen. Der Umbau der Lehrerausbildung durch das neue Lehrausbildungsgesetz hat dazu geführt, dass die Studienzeiten von Grundschul- und Sekundarschullehrern völlig unnötig verlängert worden sind. War früher das Studium in der pädagogischen Hochschule stärker und angemessener auf die Bedürfnisse des Lehramtsstudiums zugeschnitten, werden heute zum Beispiel im Fach Mathematik Leistungen verlangt, die für eine Reihe von Studenten des Studiengangs Grundschule zum Abbruch des Studiums führen. Dazu führt auch der Zwang, die Fächer Deutsch und Mathematik auf jeden Fall in Kombination belegen zu müssen – was für ein Unsinn! Dann werden noch zu wenige Studienplätze für das Lehramt an Grundschulen angeboten, sodass ein Numerus clausus, der viel zu hoch ist, den Zugang zum Studium für viele Interessierte unmöglich macht. Jetzt fordert der SPD-Antrag die Einbeziehung der Hochschulen für angewandte Wissenschaften in die Lehrerausbildung. Ja, das sollte man auf jeden Fall prüfen. Auch die AfD fordert zumindest die Prüfung einer Wiedereinführung pädagogischer Hochschulen für bestimmte Lehrämter. Das würde den Lehrermangel mit Sicherheit vermindern, wenn auch erst in einigen Jahren. Aber wir fangen besser jetzt an als gar nicht. Es ist höchste Zeit. (Beifall von der AfD) 09.12.2022
