landtag.nrw.de ↗

Silvia Gosewinkel

SPD 08.12.2022 Sitzungen 18/17

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen! Zunächst möchte ich bei Ihnen, der FDP-Fraktion, für das Wording im Titel „individuelle Beschulung“ bedanken. Gut, Sie waren zwar in den letzten Jahren im Schulministerium selbst an entscheidender Stelle, die Individualität und Inklusion der Schüler*innen in NRW, in unserem Bildungssystem voranzubringen, doch ich freue mich, dass Sie zumindest jetzt den Fokus in die richtige Richtung legen. (Beifall von der SPD) Liebe Kolleginnen und Kollegen, sprechen wir über das, was Kinder brauchen. Schulen sollten Orte des Lernens und ein gesunder Ort für die Entfaltung und Entwicklung von Schüler*innen sein, ein gesunder Arbeitsort für Lehrer*innen und auch ein Vertrauensort für Eltern. Doch Berichte wie folgende aus meinem Wahlkreis beschreiben die Missstände in unseren pädagogischen Räumen. Ich habe einen ähnlichen Fall wie Ihre Anna. Mein Kind heißt Moritz, wurde im Kindergarten durch sein Spielverhalten bereits auffällig. Auffällig war auch, dass er bereits im Kindergarten über ein enormes Fachwissen über Dinosaurier verfügte. Autistische Züge wurden gemutmaßt. In der Grundschule wurde Moritz als schusselig beschrieben. Aber – und jetzt kommt’s – Moritz stellte oft Fragen und hatte eigene, nicht dem Lehrbuch entsprechende Antworten. Heute ist Moritz zwölf, geht in die sechste Klasse eines Gymnasiums. Und heute wissen die Eltern und Lehrkräfte, dass Moritz einen überdurchschnittlichen IQ und eine Teilleistungsstörung in Form einer Lese-Rechtschreib-Schwäche, kurz LRS, hat. Was bedeutet das? Ein Kind wie Moritz braucht eine Förderung, die nicht generalisiert ist, sondern individuell. Das Umsetzen eines Erlasses wie des LRS-Erlasses, den Sie auch gerade zitierten, funktioniert nicht. Das haben wir sehr deutlich von dem Arbeits-Landtag kreis für LRS dokumentiert bekommen. Ich freue mich jetzt schon auf die Diskussion und den Austausch im Ausschuss. Ich fasse zusammen: Wir haben ein Schulsystem basierend auf Selektierung, Leistungsdruck und den Mangel von Lehrer*innen, wenig bis kein Wissen der Lehrerschaft über Verhaltensauffälligkeiten, Spracherwerb, Teilleistungsstörungen wie LRS und Dyskalkulie oder auch über Hochbegabung. Das erschwert unsere Situation. Damit Sie mich richtig verstehen: Ich mache hier nicht den Lehrkräften einen Vorwurf. Es beginnt bereits in der Lehramtsausbildung. In den wenigsten Curricula ist der Umgang mit Vielfalt und Inklusion berücksichtigt. (Beifall von der SPD) Leistungsdruck der Schüler*innen beginnt mit dem Leistungsdruck der Lehrer*innen. Auch die Anforderungen an Eltern sind immens. Nicht nur die betroffenen Kinder stehen enorm unter Druck, sondern auch ihre Eltern. Bei jeglicher Individualität sind sie gefordert, sich mit ihren Kindern auf den Weg zu machen, um eine Diagnose zu erlangen. Bis zur Diagnose dauert es viel zu lange. Bei Moritz hat es sechs Schuljahre gedauert. Er ist heute zwölf Jahre alt. Und by the way: Bei Moritz ist die Hochbegabung nur zufällig festgestellt worden, nämlich während der Testung der LRS. Ich bin davon überzeugt: Wir müssen uns um Vielfalt in unseren Schulen kümmern. Wir von der SPD-Fraktion wollen Schulen, in denen alle Kinder jederzeit willkommen sind, egal, welche Individualität sie mitbringen. Dazu gehören selbstverständlich auch Kinder mit Hochbegabung. Genau deshalb wollen und müssen wir handeln. Eine gute Schule ist eine, in der weder den Lehrkräften noch den Kindern oder Eltern Probleme bereitet werden, sondern Probleme gelöst werden. (Beifall von der SPD) Und wie soll das gehen? Durch pädagogische Zentren mit Experten an jeder Schule, mit multiprofessionellen Teams. Auch bei der Zusammenarbeit mit Externen von der Schulpsychologie über Therapeut*innen bis zur Jugendhilfe muss hier angesetzt werden. Ihre Ideen im Antrag zur individuellen Beschulung werden dem Inhalt leider nicht gerecht, zum Beispiel landeseigene außerschulische Förderstrukturen aufzubauen und ausreichend zu finanzieren. Das klingt sinnvoll. Doch wer sich auskennt, weiß, dass eine Lerntherapie den Eltern schnell einen vierstelligen Betrag abverlangt. Warum auslagern, wenn man so etwas auch mit innerschulischer Zusammenarbeit gestalten kann? 08.12.2022 Oder ein Zertifikat „begabungsfreundliche Schule“: Das sollte – da bin ich jetzt tatsächlich Ihrer Meinung, Herr Braun – aus meiner Sicht für jede Schule in NRW gelten. (Beifall von der SPD) An jeder Schule sollte für Schüler*innen mit Hochbegabung wohnortnah ein Platz möglich sein. Eines muss man sich bei dem Thema auch bewusst machen: Ein IQ-Test ist keine Grundvoraussetzung im Schulalltag. Es ist lediglich ein Messinstrument zu einem ganz temporären Wert. Wir stimmen also der Überweisung in den Ausschuss zu. Inhaltlich sind wir der Ansicht, dass der Antrag viel zu kurzgegriffen ist. Ich freue mich auf die Diskussion im Ausschuss. – Herzlichen Dank. (Beifall von der SPD)

Alle Reden von Silvia Gosewinkel Protokoll ↗