Carlo Clemens
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren Kollegen! Es sind Zahlen, die uns alarmieren müssen. Zwei Drittel der 1.300 befragten Schulleiter in Deutschland haben in den letzten fünf Jahren psychische Gewalt gegenüber Lehrern erlebt. Ein Drittel berichtet von körperlichen Angriffen und Cybermobbing. Bei uns in Nordrhein-Westfalen stellt sich die Lage, wie so oft, noch dramatischer dar. Hier sind es drei Viertel der Lehrkräfte, die beschimpft, bedroht, beleidigt oder gemobbt wurden, während fast die Hälfte körperlich angegriffen oder zum Opfer von Nachstellungen im Internet wurde. Das berichtet die aktuelle Studie des VBE zur Gewalt gegen Lehrkräfte. Wenn auch die Fälle von Gewalt insgesamt auf dem hohen und seinerzeit stark gestiegenen Niveau von 2020 geblieben sind, gibt die Hälfte der Schulleiter an, dass die Gewalt an ihrer Schule seit dem Beginn von Corona zugenommen hat. Da ist auch schon der erste Elefant im Raum, den man in der Debatte lieber nicht beim Namen nennt, wenn man abstrakt von der Pandemie spricht, als handele es sich dabei um ein Naturereignis. Aber es ist nicht die Nachwirkung einer Coronaerkrankung, kein Long COVID, wenn Kinder und Eltern zunehmend aggressiver gegenüber ihren Lehrern auftreten. Es waren und sind Ihre Maßnahmen gegen ein Virus, Ihre Lockdowns und Kontaktsperren, die unzählige Familien in kleinsten Wohnungen zurückgelassen haben. Und es war das von Ihnen geschaffene Umfeld von Massentestungen und Masken im Unterricht, das unsere Lehrer zum ersten Adressaten von Wut und Frust in der Schule gemacht hat. Laut der Studie wurden in jeder zehnten Schule gewalttätige Übergriffe bei der Umsetzung sogenannter Hygienemaßnahmen verübt. Es überrascht nicht, wo das ganz besonders der Fall war. An Haupt-, Real- und Gesamtschulen berichten satte 70 % der Schulleiter von einer Zunahme der Gewalt seit Beginn der Pandemie. Es sind leider ausgerechnet die Kinder aus einkommensschwachen Familien, die hier überproportional vertreten sind und denen Lockdown und Fernunterricht ganz besonders zugesetzt haben, weil ihr Zuhause eine kleine Miet-23.11.2022 wohnung ist und keine Luxusvilla wie beim damals verantwortlichen Bundesgesundheitsminister. Aber es sind nicht nur die Coronamaßnahmen, die als Elefant durch den Raum tapsen, ohne beim Namen genannt zu werden. Gewalt gegen Lehrer ist kein harmloser Pennälerstreich, wie ihn einige zur Weihnachtszeit in „Die Feuerzangenbowle“ sehen. Fälle wie im Mai an der Gesamtschule Osterfeld in Oberhausen, wo ein 13-Jähriger eine Lehrerin erst beleidigt und dann körperlich an Kopf und Arm verletzt hat, sind leider keine Einzelfälle. Allein zwischen Januar und Mai dieses Jahres hat es 27 Vorfälle allein an dieser Gesamtschule gegeben, wie die Polizei berichtet. Es ist in vielen Fällen ein importiertes Gewaltproblem. Es gibt Kulturkreise, da hat man Probleme mit Frauen als gleichberechtigte Autoritäten. Die VBE-Studie schweigt sich zu solchen Faktoren leider politisch korrekt aus, ebenso in vielen Fällen die Berichterstattung. Der bekannte Mobbingberater Wolfgang Kindler, selbst ehemaliger Lehrer, aus Recklinghausen, nimmt dazu kein Blatt vor den Mund. Zitat: „Wir haben das Problem, dass Kinder aus Migrationszusammenhängen häufig körperlich gewalttätiger sind als andere“, sagte er vor wenigen Jahren im WDR. Kindler beklagte in diesem Zusammenhang auch die starke Tabuisierung von Ursachen, die eine echte gesellschaftliche Debatte verhindern. In diesem Lichte ist auch die VBE-Studie zu betrachten. Fast die Hälfte der Befragten hält Gewalt gegen Lehrkräfte für ein gesellschaftliches Tabu, weswegen das Dunkelfeld tatsächlicher Gewalt vermutlich hoch ist. Wenn man ein Problem lösen will, meine Damen und Herren, muss man das Problem erst einmal erkennen und beim Namen nennen. Helfen Sie uns, das ohne Scheuklappen zu tun. Kommen wir der Fürsorgepflicht gegenüber den Lehrern nach und schützen sie mit gesteigerten Sicherheitsmaßnahmen da, wo es nötig ist, aber auch mit einer Meldepflicht, um wirklich jeden Fall von Gewalt gegenüber Lehrkräften zu erfassen, um eine umfassende Datenbasis aufzubauen. Schaffen wir einen regelmäßigen Sicherheitsbericht der Schulen, um die richtigen Maßnahmen ergreifen zu können. Passen wir die Lehrerfortbildung an diese Realitäten an, damit man präventiv agieren und im Ernstfall deeskalieren kann. Ich spreche an dieser Stelle meine höchste Anerkennung für die engagierten Kollegien aus, die sich diesen Herausforderungen Tag für Tag stellen. Und nein, niemand will sich an Sicherheitsdienste an manchen Schulen gewöhnen. Und doch kann man kommunale Schulträger auch kurzfristig nicht allein-Landtag lassen, wenn die Lage dauerhaft eskaliert, wie zuletzt an der Hauptschule an der Grillostraße oder am Gauß-Gymnasium in Gelsenkirchen. Dass es dringend mehr pädagogisches Fachpersonal an Schulen braucht, steht doch außer Frage. – Vielen Dank für Ihre Unterstützung des Antrags. (Beifall von der AfD – Kirsten Stich [SPD]: Das glauben Sie ja selber nicht!)
