Carlo Clemens
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Lehrkräften aller Schulformen werden so viele Aufgaben aufgebürdet wie noch nie. Eine befreundete Grundschullehrerin hat mir kürzlich in einem Gespräch mal aufgezählt, welchen Bürokratieaufwand sie täglich neben dem eigentlichen Unterricht zu bewältigen hat: die aktuelle Lage und Auflagen bei Coronatestungen im Blick haben, Eltern einbinden, Schüler motivieren, bei Ausnahmen hinterher sein, Arbeitspläne in dreifach differenzierter Form erstellen und nachkontrollieren, Arbeitspläne digital und analog zur Verfügung stellen, Eltern diese erklären, wissen, wer wann und wie lange welchen Coronastatus hat, Medikamente aufbewahren und ausgeben, Atteste einfordern und prüfen, über Verhaltensauffälligkeiten Buch führen, Elterngespräche führen – auch außerhalb der regulären Sprechzeiten –, Klassenarbeiten früh genug, mindestens eine Woche vorher, ankündigen, Erwartungshorizonte erstellen und auswerten, Fehlstunden zusammenzählen, Geld für Ausflüge oder Klassenfahrten einsammeln, Elterncoaching zum Beispiel bei Essstörungen oder psychischen Problemen, entsprechende Beobachtungen dokumentieren, zum Beispiel, wenn ein Schüler schon wieder zwei verpackte Schoko-04.11.2022 croissants zum Frühstück anstatt einer ordentlichen Stulle und einem Apfel dabeihat. Allein die tagtäglichen Routineabläufe kosten sie 15 Minuten ihrer wertvollen Unterrichtszeit. Hinzu kommt die Herausforderung, mit einer immer heterogeneren Schülerschaft sowie einer insgesamt höheren Anzahl an Schülern zurechtzukommen. Schüler ohne besonderen Förderbedarf und leistungsstarke, gar hochbegabte Schüler bleiben da leider viel zu oft auf der Strecke. Die Grundschullehrerin schilderte mir eine typische Unterrichtssituation: Ein Viertklässler versteht einen einfachen Sachtext nicht, da er ein funktionaler Analphabet ist. Der Text muss dann langsam vorgelesen und Stück für Stück besprochen werden. Leistungsstärkere Schüler langweilen sich und stören infolgedessen den Unterricht. Auch Eltern mischen sich immer wieder massiv ein und melden ständig Gesprächsbedarf an. Da wird dem Lehrer dann erklärt, wie er seinen Job zu machen hat. Bei anderen Eltern wiederum ist ein Rückzug hinsichtlich der erzieherischen Pflichten zu beobachten. Dann wird der Ranzen nicht mehr richtig gepackt, geschweige denn zu Hause Lesen und Rechnen geübt. Viele Eltern mit Migrationshintergrund bemühen sich wirklich aufrichtig, aber es fehlt leider oftmals an grundlegenden Dingen. Besagte Grundschullehrerin berichtete mir gar von WhatsApp-Gruppen, in denen Eltern sich zusammentun und Stimmung gegen bestimmte Lehrer oder Schüler machen. Die Selbsthilfegruppen auf Facebook und Co sind voll von engagierten und leidenschaftlichen Lehrkräften, die sich um ihre Schüler kümmern wollen, aber schlicht von der Aufgabenlast, der Anzahl an Schülern und dem Mangel an Lehrerkollegen und ausgebildeten Sonderpädagogen erdrückt werden, woraus resultiert, dass sie ständig Vertretungsunterricht halten müssen, der dann natürlich auch vor- und nachbereitet und dokumentiert werden muss. Laut Deutschem Schulbarometer erleben rund 92 % der Befragten ihr Kollegium als stark oder sehr stark belastet. 84 % zählen sich selbst dazu. Für mehr als drei Viertel der Lehrkräfte gehört Wochenendarbeit zur Normalität. Die Hälfte leidet unter körperlicher oder mentaler Erschöpfung. Wundert es da noch, dass immer mehr Lehrkräfte ihre Stundenzahl freiwillig reduzieren – Teilzeitarbeit als Schutz und Flucht vor den Umständen in unseren Klassenzimmern? Wundert es vor diesem Hintergrund, dass die Zahl der Lehramtsstudenten auch in NRW zurückgeht – gerade in den Lehrämtern, in denen der Lehrermangel am höchsten ist und gerade jetzt, wo wir über 36.000 neue junge Menschen aus der Ukraine in NRW haben, die natürlich zusätzlich beschult werden müssen? Landtag Die FDP-Fraktion macht in diesem Antrag sinnvolle Vorschläge, die im Grunde schon bekannt sind. Vor allem die flächendeckende Ausweitung der Lehramtsausbildungsplätze ergibt Sinn. Aber was bringen Planstellen, wenn sie nicht mit Menschen gefüllt werden können, weil engagierte Lehrer wegen der schulischen Rahmenbedingungen irgendwann die Segel streichen, das Referendariat abbrechen, gar nicht erst antreten oder in die Teilzeit fliehen? Ich warne angesichts der Vorschläge der FDP in Richtung Seiteneinstieg auch davor, den Lehrermangel auf Kosten der Qualität beheben zu wollen, zumal auch Quereinsteiger nachqualifiziert und von den Schulleitungen und Kollegen eingearbeitet werden müssen. Das Gleiche gilt auch für die ausländischen Lehrer, auf die Sie vermehrt setzen möchten. Lehrkräfte sind doch keine Lückenfüller. Die schlechten Ergebnisse NRWs bei den Bildungsvergleichen sollten uns doch eine Warnung sein. (Beifall von der AfD) Wir müssen künftig Lehramtsbewerber auch über den scheinbaren aktuellen Bedarf hinaus einstellen und unnötige Hürden für Studieninteressierte abbauen. Ich weiß noch, welch absurd hohen Numerus Clausus das Lehramtsstudium für das Kernfach Deutsch an der Universität zu Köln zu meiner Studienzeit hatte. Die Lehrerausbildung muss natürlich praxisnäher gestaltet werden. Dazu finden sich auch im Antrag sinnvolle Vorschläge. Was wir allerdings nicht brauchen, sind Lippenbekenntnisse zu attraktiven Beschäftigungsverhältnissen, sondern eine Umkehr bei Inklusion und Einheitsschule und eine Abkehr von der Überfrachtung des Lehrerberufs mit nichtpädagogischen Aufgaben und bürokratischem Ballast. (Beifall von der AfD) Ihr Antrag geht mit einigen Mängeln in die richtige Richtung und bietet eine gute Diskussionsgrundlage für den Ausschuss. – Vielen Dank. (Beifall von der AfD)
