Yvonne Gebauer
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Der vorliegende Antrag behandelt zweifelsohne eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Der Fachkräftemangel gefährdet nicht nur die Wirtschaftskraft hier bei uns in Nordrhein-Westfalen, sondern ist obendrein natürlich auch ein gesellschaftliches Problem. Zigtausende gut ausgebildete und vor allem berufserfahrene Fachkräfte werden in den kommenden 04.11.2022 Jahren aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Die frei werdenden Stellen – das wissen wir alle – können nicht eins zu eins nachbesetzt werden, weil uns schlicht und ergreifend das geeignete Personal fehlt. Damit rächt sich auch, dass der Fokus in Deutschland, aber auch besonders hier in Nordrhein-Westfalen, zu lange einseitig auf die akademische Bildung gelegt wurde. (Beifall von der FDP) Ein Meister muss aber genauso viel wert sein wie ein Master. (Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Ge- sundheit und Soziales: Ist er aber nicht!) Wir Freien Demokraten wollen die Gleichwertigkeit von beruflicher Bildung und akademischer Bildung weiter vorantreiben und dabei die berufliche Bildung weiter stärken. (Zuruf von Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales) Nur so werden wir mehr Fachkräfte für den Umbau Richtung Zukunft gewinnen und ausbilden können. Im August dieses Jahres waren in Nordrhein-Westfalen doppelt so viele Ausbildungsstellen unbesetzt wie potenzielle Bewerber zur Verfügung standen. Besorgniserregend ist dabei insbesondere, dass die Zahl der Bewerber – und vor allem der Bewerberinnen – in den letzten Jahren rückläufig war. Deshalb müssen die Weichen schleunigst so gestellt werden, damit für die Zukunft genügend Fachkräfte zur Verfügung stehen. Wir unterstützen daher die Ziele einer Offensive des Landes für Fachkräfte und die berufliche Bildung. Viele der im vorliegenden Antrag vorgeschlagenen Maßnahmen halten wir auch für richtig. Es ist sinnvoll und richtig, die Berufsorientierung an weiterführenden Schulen auch weiter voranzutreiben. Wir wollen die beruflichen Möglichkeiten und Entwicklungschancen in Ausbildungsberufen bekannter machen. Dabei setzen wir natürlich auch auf die Berufsberatung über die Karriere- und Verdienstmöglichkeiten im Handwerk, aber natürlich auch in anderen Ausbildungsbranchen. (Beifall von der FDP) Vielfach sind die guten Perspektiven, die vielen Ausbildungsberufe, die wir bieten, noch nicht in ausreichendem Maße bekannt. Es ist sinnvoll, die Kooperationsmöglichkeiten der Berufskollegs zu erweitern. Notwendig sind aber auch weitere Investitionen in die Modernisierung unserer Einrichtung der berufsschulischen Bildung. Viele CDU-Abgeordnete werden sich daran erinnern, dass die Einwanderung in den Arbeitsmarkt bereits von der vorherigen Landesregierung zu einem zen-Landtag tralen Thema gemacht worden ist. Dazu zählen die Einrichtung der Zentralstelle Fachkräfteeinwanderung Nordrhein-Westfalen, die Verbesserung der Verfahren zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse unter anderem mit der Zentralisierung in den Gesundheitsberufen bei der Bezirksregierung Münster sowie die Arbeitsmarktintegration von jungen Geflüchteten und Geduldeten mit der Landesinitiative „Durchstarten in Ausbildung und Arbeit“, immerhin mit einem Fördervolumen von 50 Millionen Euro. Wir begrüßen es sehr – das sage ich ausdrücklich –, wenn die neue Landesregierung diese Politik weiter fortsetzt. (Beifall von der FDP) Doch wie so oft im Leben steckt der Teufel oftmals im Detail. Dass der Antrag nur von einer Steigerung der Wertschätzung für die duale Ausbildung spricht, nicht aber von einer echten Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung, das reicht nicht, meine Damen und Herren. (Beifall von der FDP) Aus unserer Sicht sollte der Gleichwertigkeit der beruflichen und akademischen Bildung auch eine rechtliche Grundlage gegeben werden. Wir schlagen deshalb eine Verankerung in der nordrhein-westfälischen Landesverfassung vor, wie es in der Schweizer Bundesverfassung bereits seit dem Jahr 2006 der Fall ist. Diese sollte den Auftrag des Landes zu einer gleichwertigen gesellschaftlichen Anerkennung und stärkeren Durchlässigkeit beinhalten. Ausbildung, meine Damen und Herren, muss zu den unterschiedlichen Lebensentwürfen, den unterschiedlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Menschen passen. Wir wollen den Einstieg in die Ausbildung erleichtern durch mehr modulare Ausbildung, durch Teilzeitausbildung und Zertifizierung von Teilqualifikationen. Wir wollen ein Verfahren zur zusätzlichen Erschließung von Fachkräften etablieren, das eine Kompetenzfeststellung von non-formalen Fähigkeiten unterhalb eines vollwertigen Berufsabschlusses umfasst. Damit soll erreicht werden, dass vorhandene Kompetenzen festgestellt werden und über Zertifizierung die Weiterqualifizierung zur Fachkraft ermöglicht wird. Kurzum: Der Antrag greift ein wichtiges Thema auf und enthält auch sinnvolle Forderungen. Um der Komplexität des Themas „Fachkräftemangel“ in Gänze gerecht zu werden, sind aus unserer Sicht aber noch inhaltliche Nachbesserungen erforderlich. Ich denke, wir werden im Ausschuss darüber auch noch sprechen. – Herzlichen Dank. (Beifall von der FDP) 04.11.2022
