Saskia Buschmann
Mobilitätsinfrastruktur im Tourismus stärken - Masterplan Mobilität Ostfriesische Inseln unterstützen
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! Es gibt für mich kaum etwas Schöneres, als hier in Hannover über meine Heimat, die Ostfriesischen Inseln, zu reden. Doch, es hätte noch etwas Schöneres gegeben: wenn wir es morgen als letzten Tagesordnungspunkt gemacht hätten. Unsere Inseln sind einmalig, besonders und unvergleichbar mit anderen Destinationen. Sie sind Wirtschaftsfaktor, kulturelles Aushängeschild und ein touristisches Schaufenster für ganz Niedersachsen. Unsere sieben bewohnten Ostfriesischen Inseln sind auf vier Landkreise verteilt. Sie sind sehr unterschiedlich, und doch vereint sie alle eines: Das Fortbewegungsmittel muss mindestens einmal gewechselt werden. Entweder nutzt man die Fähre oder das Flugzeug. Das schränkt die unkomplizierte Erreichbarkeit der Inseln ein. Es bedarf einer klugen Planung von Beginn an. Die Anreise muss wohldurchdacht und geplant sein. Ausreichend Pufferzeiten sollten eingeplant werden. Individuelle Konzepte der jeweiligen Inseln müssen für den Transfer auf den Inseln berücksichtigt werden. Deswegen ist es genau richtig, dass wir den hier vorliegenden Antrag diskutieren. Wo wir in der Frage stehen, wie wir anreisen, hat meine Kollegin Emken deutlich gezeigt. Norddeich Mole ist immerhin ein Fähranleger, von dem aus zwei Ostfriesische Inseln bedient werden und der mit der Bahn erreichbar ist. Aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Nah- und Fernverkehre unzureichend aufeinander abgestimmt sind. Die Deutsche Bahn schenkt mir regelmäßig Bonuszeit am Bremer Hauptbahnhof - für mich kein Problem. Ich will ja nur nach Hause zu einer Tasse Tee. Für die Touristen kann es tatsächlich ein Problem werden, weil die Fähren vielleicht nicht mehr erreicht werden können. Damit beginnt der Urlaub mit Frust und nicht mit Genuss. In Emden sieht es ähnlich aus. Bensersiel, Neuharlingersiel, Neßmersiel oder Harlesiel haben diesen Vorteil der Bahnanbindung nicht. Dort muss ein weiteres Mal das Verkehrsmittel gewechselt werden. Die Akzeptanz dafür bei den Touristen schwindet. Das war nur ein Blick auf das Festland. Probleme, Herausforderungen bestehen - die müssen wir angehen. Das scheint sogar der einfachere Part zu sein, wenn man den Blick auf die Inseln wirft. Ob Baltrum, die kleinste Insel, oder Borkum, die Hochseeinsel, ob Juist, wo Pferdefuhrwerke den Verkehr bestimmen, oder Norderney mit städtischem Charakter und Kfz-Verkehr, ob Spiekeroog mit E‑Mobilität und Fußgängerverkehr oder Langeoog und Wangerooge, wo Fahrräder das Bild prägen - jede dieser Inseln ist einzigartig, und die Herausforderungen sind so riesig, wie auch die Lösungen individuell sein müssen. Nehmen wir Juist, eine Insel, deren Erreichbarkeit fast völlig von der Tide abhängig ist. Häufig fährt die Fähre nur einmal täglich. Wassertaxis und Flugverbindungen von Norddeich haben die Lücke geschlossen, bis der Flugverkehr eingestellt wurde, da die Anbindung auf der Insel nicht gewährleistet wurde - aus finanziellen Gründen. Eine Bimmelbahn wurde jüngst abgelehnt. Wir konnten dieses Dilemma im Sommer bei der Sommerreise unseres Landes- und Fraktionsvorsitzenden Sebastian Lechner hautnah erleben. Am Hafen auf der Insel warten Bollerwagen oder Kutschen auf die Gäste, die das Gepäck oder die Gäste selbst zu den Unterkünften bringen. Oder schauen wir nach Norderney: Dort warten am Hafen Busse und Taxen. Auch der eigene Pkw kann mit auf die Insel genommen werden. Bis vor Kurzem bis zum letzten Jahr gab es mit dem Mooev Mobil ein innovatives Modell. Elektrovans, App-Buchung, flexible Haltepunkte - Mobilität, wie man sie sich für die Zukunft wünscht, für Touristen und für Insulaner gleichermaßen. Was passierte mit der Einführung bzw. Anerkennung des Deutschlandtickets? Der Dienst musste eingestellt werden - wirtschaftlich nicht mehr tragfähig. Ein funktionierendes Modell, kaputt gemacht durch Einheitslösungen aus Berlin und Hannover. Wangerooge, Langeoog und Borkum organisieren den Transfer vom Hafen zum Ortskern mit einer Bahn. Diese Beispiele zeigen: Die sieben Perlen der Nordsee haben vieles gemeinsam, und doch ist jede von ihnen einzigartig. Kurzum: Mobilität ist wichtig, auf Festlandseite sicherlich mit einem Masterplan zu regeln, auf den Inseln hingegen sind die Herausforderungen so individuell, wie es die einzelnen Inseln eben auch sind. Wer aber den Menschen zuhört, der weiß: Die wahren Probleme sind nicht nur in der Mobilität begründet. Ich höre, was Fahrgäste auf den Fähren berichten. Wir sprechen mit Gewerbetreibenden und der örtlichen Politik. Wir hören Familien, die nicht wissen, ob sie bleiben können. All diese Stimmen bringen wir ins Parlament. Mit unserem Insel-Konzept haben wir im vergangenen Jahr begonnen, die Besonderheiten der Inseln aufzunehmen. Denn die Herausforderungen sind riesig. Mobilität ist nur eine davon. Meine Damen und Herren, ein Blick in die Norderneyer Erklärung 2024 zeigt unsere Forderungen: Küstenschutz mit oberster Priorität, sichere Deiche, wirksames Sedimentmanagement, Wohnraum für einheimische Saisonkräfte, Lehrkräfte und Polizisten, medizinische Versorgung sichern auch durch angepasste Planungsgebiete, freie und erreichbare Häfen durch Ausbaggerung verschlickter Zufahrten. Mittlerweile, nach weiteren Gesprächen, müssen wir ergänzen: die Ganztagsbetreuung auf den Inseln. Feuerwehren brauchen moderne Ausstattung, weil die Hilfe vom Festland zu spät oder gar nicht kommt. Die Berufsschulzweige müssen ebenfalls auf dem Festland bedient werden. Der Unterschied ist klar: Wir bauen ein ganzheitliches Konzept für unsere Inseln, nicht nur die Mobilität betreffend. Meine Damen und Herren, die Ostfriesischen Inseln sind ein Juwel, aber ein Juwel, das man nicht nur bestaunen darf, sondern das man aktiv bewahren muss. Darum sagen wir: Ein Masterplan, der die Eigenheiten der einzelnen Inseln nicht berücksichtigt, ist kein Fortschritt. Er ist ein Rückschritt, ein Rückfall, mit Einheitslösungen über komplexe Probleme hinwegzugehen. Die Realität ist doch anders. Juist mit tideabhängiger Fähre ist nicht Norderney mit städtischem Charakter. Baltrum mit Pferdefuhrwerken ist nicht Borkum mit Hochseeklima. Wer diese Unterschiede einebnet, der betreibt keine kluge Politik, sondern verwaltet die Inseln wie Aktenordner im Ministerium. Wir brauchen keine Soße der Gleichheit, die über alle Inseln gegossen wird. Wir brauchen Konzepte, die die individuellen Ansprüche jeder Insel ernst nehmen, zugeschnitten, differenziert, realistisch, umsetzbar. Nur so wird aus politischer Rhetorik praktische Lebenshilfe. Herzlichen Dank.
