MUDr. PhDr. / Univ. Prag Jozef Rakicky
Niedersachsen darf nicht weiter Schlusslicht sein: Medizinstudienplätze endlich konsequent ausbauen - Ärztemangel in Niedersachsen langfristig bekämpfen!
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Gute Medikamente wirken schnell und präzise. Das aber, was uns die CDU hier verschreibt, ist höchstens ein Placebo. Der Antrag ist ein guter Ansatz, er ist aber auch ein gutes Beispiel für einen Tunnelblick auf das komplexe Problem Ärztemangel. Sie geben sich von der Meldung aufgeschreckt, dass es in Niedersachsen pro 100 000 Einwohner am wenigsten Medizinstudienplätze gibt - was eigentlich so nicht stimmt, weil Brandenburg und Bremen gar keine haben. Dennoch: 10 Studienplätze pro 100 000 Einwohner ist ein erbärmlicher Wert. Da stimme ich Ihrer Diagnose zu. Daraus eine Anklageschrift gegen Rot-Grün zu basteln, ist aber schon deshalb unredlich, weil Gesamtdeutschland im internationalen Vergleich grottenschlecht dasteht - die CDU-Länder eingeschlossen. 2021 befand sich Deutschland im OSZE-Vergleich nur auf Platz 27. Mit 12,4 ärztlichen Studienplätzen auf 100 000 Einwohner lagen wir weit hinter Ländern wie Rumänien, Bulgarien, der Slowakei oder Tschechien. Hinzu kommt, dass ca. 20 000 Interessenten keinen Studienplatz bekommen und mindestens 9 100 deutsche Medizinstudenten an ausländischen Hochschulen eingeschrieben sind - die meisten in Österreich und Ungarn. Nicht alle kehren nach Deutschland zurück. Die Gründe für diese Situation sind vielfältig. Da wären die Abschaffung von Wartesemestern für Menschen ohne Top-Abitur zugunsten von nicht wirklich hilfreichen Eignungstests und das völlig vernachlässigte Wohnortprinzip. Mit Kritik an der Anzahl der Studienplätze und der Studentenauswahl ist es aber nicht getan. Wir müssen auch über die Rahmenbedingungen für den medizinischen Nachwuchs reden, zum Beispiel über die teils katastrophalen Verhältnisse im Praktischen Jahr. In dieser Zeit sollen Medizinstudenten vor Abschluss des Medizinstudiums eigentlich auf die Berufspraxis vorbereitet werden. Stattdessen werden sie ich zitiere den WDR „in vielen Lehrkrankenhäusern als billige Arbeitskräfte missbraucht, für wenige hundert Euro im Monat." PJler büßen für den eklatanten Personalmangel, ob in der Pflege oder der OP-Assistenz. Sie halten stundenlang die Haken an der offenen Wunde oder nehmen tagelang Blut ab. Sie sind Lückenfüller und vor allem billig. Das, meine Damen und Herren, ist keine Ausbildung - das ist Ausbeutung! Die meisten fühlen sich nach ihrem Praktischen Jahr entsprechend nicht auf ihren späteren Berufsalltag vorbereitet. Nicht wenige müssen neben der 40‑Stunden-Woche noch einen Nebenjob machen, um das Ganze zu finanzieren. Die Bezahlung ist nämlich ein einziges Armutszeugnis. Ein Beispiel: Niedersachsens Leuchtturm, das Uniklinikum Hannover, hat erst kürzlich eine einheitliche Aufwandsentschädigung im Praktischen Jahr von 550 Euro beschlossen. Ein Minijobber beim Textildiscounter bekommt 6 Euro mehr. Darüber lesen wir im Antrag der CDU, die mit einer Taskforce einfach nur Medizinstudienplätze aus dem Boden stampfen will, kein Wort. Über den Grund für diese Verhältnisse habe ich schon oft vorgetragen. Alle Verantwortlichen weigern sich aber, an die Wurzel des Problems zu gehen und das Gesundheitssystem nicht länger als Kostenfaktor zu betrachten. Die Folge ist nicht nur ein Aderlass deutscher Medizinstudenten, sondern auch deutscher Ärzte ins Ausland, die Sie dann oft mit Drittländerärzten ohne EU-Ausbildung ersetzen müssen. Ist das wirklich das, was Deutschland anstrebt? Wir müssen die Studienplatzzahl erhöhen, ja. Wir müssen aber auch die Zulassungsregeln anpassen, das Wohnortprinzip stärken und die Arbeitsbedingungen des Praktischen Jahres und seine Entschädigung entschieden verbessern. Wir müssen auch die Rahmenbedingungen des Ärzteberufs deutlich verbessern, damit nicht jedes Jahr Hunderte und Tausende fertige Ärzte der Medizin oder sogar Deutschland den Rücken kehren. Meine Damen und Herren, aus meiner über 40-jährigen ärztlichen Tätigkeit weiß ich, dass Medizin ein wunderschöner Beruf voller Freude sein kann. Fragen Sie sich aber, warum jetzt so viele Ärzte freudig ihrem Rentenalter entgegensehen oder sogar vorher ihren Beruf verlassen! Nämlich deshalb, weil die Politik die richtigen Rahmenbedingungen zerstört. Vielen Dank. Die nächste Wortmeldung: aus der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
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