Dr.in Tanja Meyer
Gefahren der Humanen Papillomviren: Welche Maßnahmen unternimmt die Landesregierung zur Bekämpfung?
- Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrter Herr Uhlen! Liebe Kolleg*innen! Anstatt dass Sie jetzt hier die Chance nutzen und sich dafür einsetzen, dass wirklich alle geimpft werden! Es geht im Wesentlichen darum, dass vor allen Dingen auch Männer geimpft werden; denn die Impfquote, die wirklich niedrig ist, ist diejenige Männern und nicht die bei Frauen. Bei Frauen ist sie ständig steigend. Männer sind die, die HPV übertragen. Sie gehen hier nur auf die Frauen und deren Schutz ein. Ich bin echt entsetzt, dass Sie diese Chance nicht genutzt haben, sich dafür einzusetzen, um eine solche Kampagne zu unterstützen, damit wirklich alle jungen Menschen vor dem ersten Geschlechtsverkehr ‑ denn das ist der entscheidende Punkt ‑ geimpft werden. Das ist zwar nachher noch möglich, aber nur, wenn sie keine Infektion haben. Dafür gibt es Tests, und das ist möglich. Ich finde es wichtig, dass wir heute über die Impfungen sprechen; denn in meinem direkten Umfeld sind drei Frauen, die jeweils etwa so alt waren wir ich, an den Folgen von Gebärmutterhalskrebs gestorben, und alle Krankheitsverläufe waren erschütternd. Nina, eine von ihnen, hatte länger undefinierbare Schmerzen im Unterleib. Als die Schmerzen stärker wurden, ging sie zu ihrer Gynäkologin. Und wie es so oft ist: Sie war schon länger nicht mehr da gewesen, länger als sie gemusst hätte ‑ so, wie es häufig auch bei uns so ist; auch ich habe aufgrund meiner Tätigkeit hier wieder mal ein paar Vorsorgeuntersuchungen verpasst. Bei diesem Arztbesuch erhielt sie die Diagnose Gebärmutterhalskrebs. Sie war eine lebenslustige Frau, hatte eine Familie, sie hatte drei Söhne, hatte einen super erfüllenden Beruf und hat sich mega engagiert. Sechs Monate später ist sie verstorben. Auch nach vielen Jahren ist das für mich und für alle Menschen, die sie gekannt haben, unvorstellbar. Umso mehr erschüttert es mich tatsächlich, wenn hier Stellvertreterdebatten aufgemacht werden. Wir leben in einem Land, in dem Forschung und Versorgung einen Stand haben, der die bestmögliche Prävention ermöglicht. Das ist wirklich ein Segen; denn fast alle Menschen, unabhängig von dem Geschlecht, infizieren sich im Laufe ihres Lebens mit HPV. Über die Folgen haben wir gerade schon viel gehört: von Genitalwarzen bis hin zu psychischen Folgen. Das ist auch ganz wichtig; denn oftmals gehen auch psychologische Folgen damit einher. Es ist nämlich eine starke Belastung, eine Belastung für die Partnerschaft und auch Angst vor der Erkrankung mit Krebs. Wir haben die Bandbreite der möglichen Krebserkrankungen gerade gehört. Es wird geschätzt, dass etwa eine von 20 neuen Krebsdiagnosen auf HPV zurückzuführen ist. Ich möchte das noch einmal ganz deutlich machen: Das heißt, jährlich sterben in Deutschland dreimal so viele Menschen infolge einer auf eine HPV-Infektion zurückzuführende Krebserkrankung als im Straßenverkehr. Wir müssen uns das mal vorstellen: Wenn es für jede dieser Frauen eine Nachricht in der Zeitung oder in den News geben würde, wie es dies für fast jeden Todesfall gibt, wenn ein Mensch gegen einen Baum gefahren ist, oder, oder - was das für eine Aufmerksamkeit nach sich ziehen würde! Das wäre vielleicht auch mal eine gute Kampagne. Aber wir wollen die einzelnen Menschen da nicht in den Vordergrund stellen; denn sie haben ja auch eine Leidensgeschichte. Die Zahl der Verkehrstoten ist durch die Schutzmaßnahmen zum Glück zurückgegangen. Das können wir auch für die Anzahl der Toten infolge von HPV-Infektionen erreichen, indem die Impfungen genutzt werden. Dass das ein Erfolg ist, zeigt sich in den europäischen Ländern, die schon länger impfen. Denn sie haben gezeigt, dass durch eine höhere Impfquote und durch diese breitere Wirkung die Anzahl an Todesfällen massiv zurückgegangen ist. Darauf müssen wir aufsetzen. Wir haben gehört, die Impfquote in Deutschland war von Anfang an nicht sehr hoch. Sie ist in Zeiten von Corona noch weiter abgesunken. Niedersachsen schneidet dabei ganz besonders schlecht ab. Die Zahlen haben wir gehört. Nur knapp die Hälfte der Mädchen ist geimpft, und knapp 17 % der Jungen sind in Niedersachsen geimpft. Viele Impfserien werden nicht abgeschlossen. Das ist wirklich ein Drama. Hier wird im Grunde Verantwortung nicht wahrgenommen. Wir wissen, jede verhinderte Infektion zählt, und Wissen kann in jedem Fall Leben retten und vor allen Dingen auch Leid verhindern. Es geht ja nicht nur um Todesfälle, sondern auch um Erkrankungen, die damit einhergehen. Deswegen können wir auch nur sagen, dass jede Kampagne, wie die Kampagne „T(w)o be safe“, die die Informationen verbessert, die Kinder erreicht, die Eltern erreicht, wirklich wertvoll ist. Denn je mehr Menschen diese Chance für eine Impfung nutzen, desto mehr Menschen schützen wir vor den Folgen dieser wirklich unnötigen Erkrankung. Ich wäre froh, hätte ich die Chance auf eine Impfung gehabt. Ich weiß, dass Ninas Angehörige auch sehr froh gewesen wären, hätten sie die Chance gehabt, dass Nina sich hätte impfen lassen können. Deswegen ist es umso wichtiger, dass alle diese Chancen nutzen. In dem Sinne bitte ich um eine Debatte auf dieser Ebene anstelle irgendeiner Stellvertreterdebatte. Lassen Sie uns an diesen Stellen wirklich gemeinsam an einem Strang ziehen! Vielen Dank.
