Harm Rykena
Streitfall BFS Dual - Ministerin verspielt weiter Vertrauen und Rückhalt
Vielen Dank. - Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Die heutige Debatte um die faktische Einstellung der sogenannten Berufsfachschule dual ist mehr als eine Detailfrage beruflicher Bildung. Sie ist ein Lehrstück darüber, was passiert, wenn Bildungspolitik Begriffe ersetzt, aber Strukturen nicht versteht. Die BFS dual ist nicht zufällig gescheitert, sie ist konzeptionell gescheitert. Deshalb war ihre Rücknahme folgerichtig. Ich will dazu fünf Aspekte näher beleuchten. Erstens. Die BFS dual war kein duales System. Der Name versprach viel, die Realität hielt wenig. Ein duales System lebt von klaren Merkmalen: einem Ausbildungsvertrag, einer Vergütung, einer Verantwortung der Betriebe und einem anerkannten Berufsabschluss. All das bot die BFS dual nicht - kein Vertrag, keine Vergütung, keine Kammerprüfung, kein Abschluss. Was blieb, war ein schulischer Bildungsgang mit Praxisanteilen, „dual" im Namen, aber nicht in der Struktur. Dualität ist kein Etikett, das man eben auf ein Konzept klebt; Dualität ist ein Ordnungsprinzip beruflicher Bildung. Und wer dieses Prinzip verwässert, beschädigt Vertrauen bei Schülern, Eltern und Betrieben. Zweitens. Die BFS dual hat Leistungsniveaus vermischt, statt sie zu fördern. In einer Klasse sollten gemeinsam unterrichtet werden: Schüler mit Hauptschulabschluss mit dem Ziel Berufsausbildung und Schüler mit Sekundarabschluss I mit dem letztendlichen Ziel Fachhochschulreife. Zwei Leistungsstände, zwei Zielrichtungen, ein Klassenraum: Wie soll das funktionieren? Und die Antwort des Ministeriums hieß wie so oft: Binnendifferenzierung. Doch Binnendifferenzierung ersetzt keine klare Struktur, keine differenzierten Bildungsgänge und beinhaltet keine zusätzlichen Ressourcen. Die Folge war, wie auch an den allgemeinbildenden Schulen, eine Überforderung der Lehrkräfte und eine Niveauverwischung zulasten aller. Leistungsschwächere wurden nicht besser gefördert, Leistungsstärkere wurden ausgebremst. Drittens. Bewährte Bildungswege wurden beschädigt. Die BFS dual sollte die einjährige Berufsfachschule und die Fachoberschule Klasse 11 zusammenlegen. Doch diese beiden Schulformen verfolgen völlig unterschiedliche Zielsetzungen. Die Berufsfachschule ist ein Übergangssystem in eine Ausbildung, die Fachoberschule Klasse 11 ist Teil eines klaren Weges zur Fachhochschulreife und ermöglicht leistungsabhängig sogar den erweiterten Sekundarabschluss I. Durch die Zusammenlegung wurden klare Abschluss- und Anschlusslogiken zerstört. Eltern und Schüler wussten nicht mehr, was die Schüler am Ende erreichen können und wohin der Weg führt. Viertens. Auch die Wirtschaft trug dieses Modell nicht. Ja, Teile der Wirtschaft begrüßten die Grundidee stärkerer Praxis. Doch die Zustimmung zur Idee ist keine Zustimmung zum Modell. Betriebe brauchen Verlässlichkeit, klare Zuständigkeiten und eindeutige Qualifikation. Die BFS dual bot keine Bindung, keine Planungssicherheit und keinen echten Ausbildungsstatus. Fünftens. Aus diesen Gründen war die Einstellung der BFS dual richtig, aber sie kam zu spät. Dass dieses Projekt nun faktisch beendet wurde, ist die Konsequenz eines nicht tragfähigen Konzepts. Problematisch ist dabei nicht die Korrektur an sich, sondern die vorherige Verunsicherung von Schulen, Schülern und Betrieben sowie der späte Zeitpunkt, an dem die längst überfällige Entscheidung den Beteiligten mitgeteilt wurde. Was bleibt nun vom Projekt? Erstens: der Name. Obwohl faktisch abgeschafft, hält die Landesregierung die BFS dual scheinbar am Leben. Zweitens. Mehr Praxis als an der BFS ohne „dual". Okay, das ist sinnvoll. Drittens. Mehr Coaching. Auch dagegen ist nichts einzuwenden. Ansonsten aber geht es zurück zum bewährten System. Nun wäre es an der Landesregierung, den selbst verursachten Schlamassel der überstürzten und doch verspäteten Rückwärtsrolle wieder aufzuräumen. Tatsächlich, wie auch Herr Fühner es eben ausgeführt hat, wird dieser Aufwand wohl an den Schulen, den Schülern und den Betrieben hängen bleiben. Vielen Dank.
