landtag-niedersachsen.de ↗

Harm Rykena

AfD 10.11.2023 4:27 min Tagungsabschnitte 19/11

Berufsorientierung an allgemeinbildenden Schulen ausbauen

Vielen Dank, Frau Präsidentin. - Sehr geehrte Damen und Herren! Das Ansinnen der CDU ist im Prinzip lobenswert. Überall fehlen Facharbeiter. Gleichzeitig bleiben zahlreiche Ausbildungsplätze vor allem im Handwerk unbesetzt, während die Jugend weiterhin an die Hochschulen drängt - und zwar oftmals in Studiengänge, die wirtschaftlich nicht von Bedeutung sind. Ob jedoch der Ansatz der Union mit noch weiter verstärkter Berufsorientierung der richtige ist, das möchte ich hier infrage stellen. Es gibt Studien, wonach Niedersachsen bereits heute im Bereich ökonomischer Bildung ‑ ausnahmsweise mal ‑ an der Spitze in Deutschland liegt. Und auch in den Curricula der Oberschulen bis hin zu den Gymnasien findet man bereits jetzt schon zahlreiche berufsorientierende Maßnahmen. Schauen wir jedoch auf die Zahlen im Ausbildungsmarkt, so liegen wir gleichwohl doch wieder nur im Länderschnitt. Entweder betreiben wir also schon jetzt zwar viel Berufsorientierung, setzen diese aber falsch ein, oder aber das Problem liegt an anderer Stelle. Ich vermute, das Zweite ist der Fall. Zu viele Schüler verlassen die Schulen ohne Abschluss. Doch es ist noch schlimmer: Zu viele Schüler bekommen ihren Abschluss und sind trotzdem schlecht auf das Berufsleben vorbereitet. Zu viele Schüler verlassen die Schule und können nicht ausreichend rechnen und nicht sicher lesen. Die IQB-Studie von 2022 ergab, dass ein Drittel der niedersächsischen Neuntklässler nicht die Mindeststandards im Lesen erreicht - ein Drittel! Dieses Drittel kommt für die meisten der modernen Ausbildungsberufe gar nicht infrage. Ergo: Unsere Schulen sind einfach nicht mehr gut. Folge: Viele Firmen betreiben mit ihren Lehrlingen zunächst einmal Nachqualifizierung. Auch viele Hochschulen bieten Auffrischungsseminare in Mathematik, Grammatik oder auch wissenschaftlichem Arbeiten an, um den Stoff nachzuholen, der früher in der Schule vermittelt wurde. Eigentlich versagen mittlerweile fast alle Schulformen mehr oder minder bei ihrem Bildungsauftrag. Aber warum? - Grund ist die Überfrachtung der Lehrpläne mit immer neuem Gedöns: mit darstellendem Spiel, Projektarbeiten, dem Kampf gegen den Klimawandel usw. usf. So bleibt nicht mehr ausreichend Zeit, um das Augenmerk auf die Kernkompetenzen von sinnvollen Neuerungen wie Informatik zu legen, von Wirtschaftskenntnissen ganz zu schweigen. ‑ Selbstverständlich. Lesen, Rechnen, Schreiben in Verbindung mit einer positiven Einstellung zur eigenen Leistungsbereitschaft und dem Willen, sich verbessern zu wollen, wären die Lernziele, die im Zentrum schulischen Handelns stehen sollten. Dies aber wird den Schülern fast schon systematisch aberzogen: Stichwort „Lernen im eigenen Tempo - bloß kein Druck“ und „Lernen ausschließlich nach eigenem Gusto“. Sie alle wissen doch ganz genau, wofür sich 15-Jährige in erster Linie interessieren, und das ist mit Sicherheit nicht die Schule. Ein weiteres großes Problem: Die Förderung von technisch-handwerklichen Talenten kommt zu kurz. Klassischer Werkunterricht mit Hammer und Nagel findet an den Grundschulen gar nicht mehr und an den weiterführenden Schulen immer weniger statt. Dieser Aspekt hat es wenigstens sozusagen als Fußnote unter Punkt 9 in den CDU-Antrag geschafft. In der Folge fühlen sich viele Schüler beim Berufspraktikum überfordert, einerseits in ihren handwerklichen, organisatorischen und praktischen Fähigkeiten und anderseits beim Verfassen ihres Praktikumsberichts. Dieser fällt vielen Schülern schwer und kann bei so manchem die Begeisterung für den gerade erst praktisch erlebten Beruf wieder abtöten. Auch darüber sollte man einmal nachdenken. Ich komme zum Schluss. Die Absicht des Antrags ist lobenswert, doch legt er den Schwerpunkt an der falschen Stelle. Fehlende Berufsorientierung ist nicht das Hauptproblem des Fachkräftemangels. Die fehlende Ausbildungsfähigkeit in Verbindung mit mangelndem Willen zur Leistungserbringung bei vielen Schulabgängern ‑ sicherlich nicht bei allen, aber bei vielen ‑ ist der eigentliche Kern des Problems. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Alle Reden von Harm Rykena Rede ansehen ↗