Detlev Schulz-Hendel
Den Einsatz von künstlicher Intelligenz im Journalismus transparent gestalten
Herr Schulz-Hendel, bitte! Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich freue mich, dass meine Wortmeldung bei Ihnen oben unbeschadet angekommen ist. Künstliche Intelligenz ist spätestens seit ChatGPT auch einer breiten Öffentlichkeit ein Begriff. KI ist bereits fester Bestandteil in vielen Bereichen und wird auch in Zukunft die Arbeit von Journalist*innen revolutionieren. Bei der investigativen Recherche und bei der Analyse von großen Datenmengen ist KI schon heute ein hilfreiches Werkzeug. Ich will ein Beispiel dafür aufführen: Bei der aufwendigen Recherche zu den Steuerschlupflöchern, an der der NDR maßgeblich beteiligt war, durchsuchte ein Algorithmus über 11 Millionen Dokumente. In China gibt es bereits seit 2018 KI-gesteuerte Nachrichtensprecher. Die amerikanische Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg lässt ein Drittel ihrer Bilanzberichte von künstlicher Intelligenz schreiben. Sind Sie sich eigentlich sicher, dass der Wetterbericht auf Ihrem Handy nicht auch KI-generiert wird? Oder anders gesagt: Ob ich heute mit einer Regenjacke aus dem Haus gehe oder doch lieber Sonnencreme und Schirmmütze einpacke, entscheidet am Ende in Zukunft ein Programm. Die Nutzung von KI bietet zweifellos Chancen und Risiken. Sogenannte Deepfakes, also realistisch wirkende Videos, Bilder und Tonaufnahmen, die durch die KI abgeändert oder verfälscht wurden, werden zunehmen und sind bereits jetzt ein Problem. So wurde im letzten Jahr ‑ Sie wissen das alle ‑ ein Video eines Tagesschausprechers erstellt, in dem er Werbung für ein Finanzprodukt gemacht hat. Bevor ein falscher Eindruck entsteht: Ein einheitliches Label für KI-generierte journalistische Texte, Bilder und Videos im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird den Missbrauch und die Fälschung nicht verhindern. Aber Transparenz und Einheitlichkeit stärken das Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in einer Welt, in der man „echt“ tatsächlich immer schwerer von „gefälscht“ unterscheiden kann. Wir sind davon überzeugt, dass KI die Intuition, das kritische Denken und das Hintergrundwissen von Journalist*innen nicht ersetzen kann. Der professionelle Journalismus genießt in der Gesellschaft zu Recht ein hohes Maß an Vertrauen, und um dieses Vertrauen auch in der Zukunft zu gewährleisten, bedarf es einheitlicher Vorgaben für die Nutzung von KI. Die Gesetze müssen der Realität der technischen Entwicklung Rechnung tragen und sich diesen anpassen. Auf der europäischen Ebene wird seit Jahren über diese komplizierten Fragen von Datenschutz, Urheberrecht, Wettbewerbsrecht verhandelt. Im Dezember letzten Jahres kam es zu der Einigung zwischen dem Europäischen Parlament und dem Rat. Das erste weltweite KI-Gesetz ist auf der Zielgeraden. Als Bundesländer haben wir im vergleichsweise kleineren Rahmen des Medienstaatsvertrags die Möglichkeit, aber auch die Verpflichtung, uns diesem wichtigen Thema zu stellen. Deshalb freue ich mich auf spannende Ausschussberatungen zu diesem spannenden Thema „künstliche Intelligenz und Journalismus“. Herzlichen Dank.
