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Hanna Naber

SPD 27.01.2023 16:52 min Tagungsabschnitte 19/4

Mitteilungen der Präsidentin

Beginn der Sitzung: 9.02 Uhr. Präsidentin Hanna Naber: Sehr geehrte Damen und Herren, ich eröffne die 8. Sitzung im 4. Tagungsabschnitt des Niedersächsischen Landtages der 19. Wahlperiode. Rede zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus Präsidentin Hanna Naber: Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! „Es war kein Wachtraum, ein lebender Toter stand mir gegenüber. Hinter ihm waren im nebligen Dunkel Dutzende anderer Schattenwesen zu erahnen, lebende Skelette. Die Luft roch unerträglich nach Exkrementen und verbranntem Fleisch. Ich bekam Angst, mich anzustecken, und war versucht wegzulaufen. Und ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Ein Kamerad sagte mir, wir seien in Auschwitz. Es war uns klar, dass etwas Schreckliches über diesem Ort lag: Wir fragten uns, wozu all die Baracken, die Schornsteine und die Räume mit den Duschen gedient hatten, die einen seltsamen Geruch verströmten. Ich dachte an ein paar Tausend Tote - nicht an Zyklon B und das Ende der Menschlichkeit“. So beschreibt Jakow Wintschenko seine Ankunft in Auschwitz. Wintschenko gehörte zu den Soldaten der Roten Armee, die das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz am 27. Januar 1945 befreiten. Otto Wolken war bis zu diesem Tag in Auschwitz-Birkenau inhaftiert. Der jüdische Arzt aus Wien wurde nur durch eine glückliche Fügung nicht vergast. Stattdessen fand er sich als Häftlingsarzt in der Quarantänestation des Lagers wieder. Seine Patienten waren oft am Ende ihrer Kräfte: unterernährt, krank, verletzt und von Ungeziefer befallen. „Es war mehr der Körperkraft des Einzelnen überlassen, ob er es überlebt oder ob er es nicht überlebt“, so beschreibt Wolken seine Ohnmacht als Häftlingsarzt, der kaum helfen kann. In den Auschwitz-Prozessen der 60er-Jahre berichtet Wolken von Nahrungsentzug, von stundenlangem Appellstehen den ganzen Tag, die ganze Nacht nur mit dünner Kleidung am Leib und nichts zu essen im Magen, von Schlägen und sogenanntem „Sportmachen“, bei dem Häftlinge Sportübungen bis zur völligen Erschöpfung wiederholen mussten. Es war nur ein Vorwand für mehr Gewalt. Wolken beschreibt Jagden mit Schusswaffen, die auf Häftlinge gemacht wurden, Rache-Aktionen, bei denen SS-Aufsichten mit Maschinengewehren wahllos ins Lager hineinschossen und eine Wette zwischen Aufsichten, ob man auf 50 Schritt einen Genickschuss ausführen könne. Konzentrationslager waren das Ende der Menschlichkeit. Wir gedenken heute, am 78. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz, aller Opfer des Nationalsozialismus. In der Loge begrüße ich aus diesem Anlass ganz herzlich die Holocaust-Überlebende Ruth Gröne. (Starker, anhaltender Beifall) Liebe Ruth Gröne, danke und schön, dass Sie bei uns sind. Ich begrüße die Vorsitzende des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen, Frau Dr. Seidler. Herzlich willkommen! (Beifall) Ich begrüße den Präsidenten des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, Herrn Fürst. (Beifall) Ich begrüße ebenso herzlich Herrn Franz, den Geschäftsführer des Niedersächsischen Verbandes Deutscher Sinti und Roma. (Beifall) Und ich begrüße Herrn Dr. Enste, den jüngst verabschiedeten Niedersächsischen Landesbeauftragten gegen Antisemitismus und für den Schutz jüdischen Lebens und seinen Nachfolger Herrn Prof. Dr. Wegner. (Beifall) Wir erinnern heute gemeinsam an die Überlebenden von Entwürdigung, Vertreibung und Folter und gedenken der Ermordeten. Ihnen allen wurde das Menschsein abgesprochen. 6 Millionen Menschen wurden einzig und allein wegen ihres jüdischen Glaubens oder ihrer jüdischen Abstammung ermordet. Die Shoa, der Völkermord an der jüdischen Bevölkerung Europas, ist der größte Genozid der Menschheitsgeschichte. Dieser Genozid fand nicht nur in Lagern statt, sondern in vielen Formen. In der Schlucht von Babyn Jar nahe Kiew erschossen Angehörige von Wehrmacht und SS 1941 innerhalb von zwei Tagen mehr als 33 000 Jüdinnen und Juden. Die Aufforderung, sich zu sammeln, hatte nach einer Umsiedlung geklungen. In Wahrheit wurden die Jüdinnen und Juden in die Schlucht getrieben, Soldaten umstellten das Gelände. Die Opfer mussten sich entkleiden und auf den Boden oder auf die Leichen von zuvor Erschossenen legen. Dann wurden sie der Reihe nach mit Genickschuss ermordet. Zu den Opfern der Shoa kommen nach Berechnungen des United States Holocaust Memorial Museums schätzungsweise weitere 11 Millionen Menschen, die ebenfalls während des sogenannten Dritten Reichs ermordet wurden. Unter ihnen sind Sinti, Roma, Homosexuelle, Erkrankte, Menschen mit Behinderungen, Menschen, die sich gegen die Ideologie des Nationalsozialismus gestellt hatten, Kriegsgefangene und Menschen aus der europäischen und sowjetischen Zivilbevölkerung. Insgesamt ermordeten die Nationalsozialisten rund 17 Millionen Menschen. Menschen mit Hoffnungen und Wünschen, Menschen, die im Leben ihrer Freunde und Familien fehlen, weil die Nationalsozialisten entschieden hatten, dass sie nicht leben dürfen. „Auschwitz“, der Name des Konzentrations- und Vernichtungslagers, steht wie kaum ein anderer Begriff für die Verbrechen des Nationalsozialismus. Die Maschinerie, die die Nationalsozialisten entwickelt hatten, um insbesondere Jüdinnen und Juden in ihrer Existenz zu vernichten, zeigte sich in Auschwitz ebenso wie in Treblinka, Sobibor, Sachsenhausen oder Ravensbrück. Hier standen Gaskammern, Genickschussanlagen und Krematorien - die Ausstattung für einen industriellen Massenmord. An Orten wie diesen ließ die SS die Häftlinge qualvoll durch das Giftgas Zyklon B ersticken. Hier endete die Menschlichkeit. Als sowjetische Soldaten das Konzentrations- und Vernichtungslager in Auschwitz befreiten, wussten sie nicht, was sie dort erwartet. Hier wurde die Infrastruktur für die industrialisierte Vernichtung von Menschen sichtbar. In der Folge wurde durch die Vielzahl an Lagern, die Berichte von Überlebenden, die Funde von Leichen Ermordeter und offizielle Dokumente das gesamte Ausmaß des nationalsozialistischen Vernichtungswillens deutlich. Die Nationalsozialisten hatten noch versucht, Beweise ihrer Verbrechen zu vernichten. In Auschwitz hatten sie Öfen aus den Krematorien ausgebaut, Gebäudeteile zerstört und Asche von Ermordeten weggeschafft, bevor die Alliierten das Gelände erreichten. Die Gefangenen sollten den Alliierten nicht in die Hände fallen. Ihre Arbeitskraft sollte bis zu ihrer Vernichtung ausgenutzt werden. Und so zwangen SS-Aufsichten die Gefangenen über Tage und Wochen gewaltsam zu Fußmärschen Richtung Westen. Oft war es ein zielloses Umherirren zwischen unterschiedlichen Lagern. Warme Kleidung und Verpflegung für die Gefangenen gab es nicht. Wer nicht mehr laufen konnte, wurde ermordet oder zum Sterben zurückgelassen. Rund 700 000 Menschen waren im letzten Jahr des Zweiten Weltkrieges noch in unterschiedlichen Konzentrations- und Vernichtungslagern gefangen. Von ihnen starben zwischen 200 000 und 350 000 durch Todesmärsche, als der Krieg eigentlich bereits längst entschieden war. In Auschwitz hatten die Nationalsozialisten schon im Sommer 1944 damit begonnen, Häftlingsgruppen auf andere Lager zu verteilen. Etwa 56 000 bis 58 000 der Menschen, die Mitte Januar 1945 noch in Auschwitz festgehalten wurden, wurden als reisefähig eingestuft. Auch sie wurden in Gruppen von bis zu 2 000 Personen auf Todesmärsche ins Inland geschickt. Als die Rote Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau am 27. Januar 1945 befreite, befanden sich noch rund 7 500 Gefangene im Lager. Sie waren besonders krank und schwach. Die Nationalsozialisten hatten darauf spekuliert, dass diese Menschen schnell an Hunger und Kälte sterben würden. Es waren Soldaten der 322. Infanteriedivision der 60. Armee der 1. Ukrainischen Front der Sowjetunion, die das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz befreiten. In dieser Einheit kämpften u. a. Menschen aus Gebieten der heutigen Ukraine, Russlands und Kasachstans. Viele Soldaten waren selbst jüdischen Glaubens. Insgesamt waren in der Sowjetarmee Menschen aus mehr als 15 Volksgruppen vertreten. Viele stammten aus Gebieten, die heute eigenständige Staaten sind. Gerade in Zeiten, in denen Souveränität und Selbstbestimmung gewaltsam in Frage gestellt werden, ist es wichtig, dass wir in unserem Erinnern auch die politischen Veränderungen seit dem Zweiten Weltkrieg berücksichtigen. Auch wenn es das Erinnern komplexer machen mag, erkennen wir die Geschichte noch junger Staaten und ihren Beitrag zur Befreiung vom nationalsozialistischen Regime an. Unser Dank richtet sich heute an viele Nationen. Die Befreiung ermöglichte den Aufbau einer neuen Demokratie in Deutschland. Der Anspruch, dass diese Demokratie wachsam und wehrhaft sein soll, ergibt sich aus der Erfahrung, schon einmal Demokratie, Rechtsstaat und Menschlichkeit verloren zu haben. Wachsamkeit und Wehrhaftigkeit werden immer wieder herausgefordert; zuletzt vor etwa sieben Wochen, als eine Razzia die Pläne einer Reichsbürgergruppe zum Umsturz unserer freiheitlichen demokratischen Strukturen zutage förderte. Gruppierungen wie diese missachten gezielt demokratische Grundprinzipien wie freie Wahlen oder den Grundsatz der Gleichbehandlung, und sie übergehen bewusst die Lehren, die wir als Gesellschaft aus der nationalsozialistischen Diktatur gezogen haben. Das Wiedererstarken demokratiefeindlicher Ideologien einige Jahrzehnte nach dem größten Zivilisationsbruch überhaupt ist für uns Demokratinnen und Demokraten ein großer Schmerz. Es gilt, für unsere gesellschaftlichen Werte und unsere Demokratie einzutreten. Dazu gehört auch, sich gegen Diskriminierung zu stellen. Die Vorstellung, dass ein Mensch mehr oder weniger wert ist als ein anderer, führt zu Ausgrenzung oder wie sich während des Nationalsozialismus in Deutschland zeigte sogar zu Gewalt, Verfolgung und Ermordung. Kein Mensch ist mehr oder weniger wert, weil er an etwas Bestimmtes glaubt, auf eine bestimmte Weise lebt oder wen auch immer liebt. Das Vernichtungslager Auschwitz dieses Symbol für das Ende der Menschlichkeit verpflichtet uns dazu, die Menschlichkeit unter allen Umständen zu schützen und für sie einzutreten. Dazu gehört auch, wachsam auf die Einhaltung der demokratischen Grundwerte zu achten. Moralische Verantwortung kann man nicht anderen überlassen; weder als Privatperson noch als Wirtschaftsunternehmen, Politikerin oder Politiker. Wir alle müssen Verantwortung für das eigene Handeln und die Art unseres Zusammenlebens als Gesellschaft übernehmen, wachsam gegenüber Diskriminierung sein, Mündigkeit fördern und einfordern. Lassen Sie uns in diesem Geiste unsere parlamentarische Arbeit fortsetzen - mit der Menschlichkeit als oberstem Gebot unseres Handelns. Vielen Dank. (Starker, lang anhaltender Beifall) Vielen Dank, liebe Kolleginnen und Kollegen.

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