Corinna Lange
Wie steht es um die Inklusion im Bildungswesen?
für mehr Bildungsgerechtigkeit. Inklusion ist kein Nice-to-have, sie ist Menschenrecht. Sie ist der Kern eines modernen Bildungssystems, das jedes Kind ernst nimmt: mit Stärken, mit Unterstützungsbedarfen und mit Persönlichkeit. Und sie ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Seit 2012 gibt es im Landtag eine breite Verständigung, Inklusion als langfristige Aufgabe mit stetigem Nachsteuern zu denken. Ich sage ausdrücklich: Wir haben hier in der letzten Wahlperiode mit unserem gemeinsamen Entschließungsantrag „Umsetzung der Inklusion an Niedersachsens Schulen verbessern" über Fraktionsgrenzen hinweg viel angeschoben. In dieser Legislaturperiode gibt es gemeinsame Anträge zu den Tagesbildungsstätten, aber auch zum Nachteilsausgleich und Notenschutz für Schülerinnen und Schüler mit Legasthenie und Dyskalkulie. Das ist gelebte Verantwortung! Und ich danke allen Kolleginnen und Kollegen ausdrücklich, auch den Kolleginnen und Kollegen der CDU-Fraktion. Die Antworten auf die Große Anfrage zeigen tragfähige Strukturen. Die Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentren Inklusive Schule die RZI sind flächendeckend in allen Landkreisen, kreisfreien Städten und in der Region Hannover verankert. Sie beraten, unterstützen präventiv und sichern Qualität, und das Ganze nah an der Praxis. Die flächendeckende Struktur gibt Schulen und Familien überall im Land eine feste Anlaufstelle: mit kurzer Distanz und klaren Zuständigkeiten. Ressourcen sind nach Förderschwerpunkten differenziert hinterlegt. Die eigenverantwortliche Schule das hat Frau Ministerin gerade schon angesprochen setzt sie passgenau im Unterricht ein. Im Ganztag entscheidet sich täglich, ob Teilhabe gelingt, wenn Lehrzeiten, Förderungen und Kooperationen mit der Jugendhilfe, Sport und Kultur ineinandergreifen. Ein Punkt, der im Alltag zählt, ist der professionelle Umgang mit herausforderndem Verhalten. Entscheidend ist, dass Schulen praxistaugliche Leitplanken und regionale Unterstützungsangebote nutzen können, damit Prävention greift und Situationen deeskalieren. Da die Förderschule Lernen ausläuft, rücken die allgemeinbildenden Schulen noch stärker in den Mittelpunkt. Maßgeblich sind gelingende Lernbiografien, verlässliche Übergänge und die in der Sekundarstufe I möglichen Abschlüsse. Auch daran lässt sich Erfolg messen. „Gemeinsam besser werden" heißt aber auch, Steuerung und Entlastung zusammenzudenken. Transparenz ist nötig, und Unterrichtszeit ist kostbar. Die in der Anfrage beschriebenen digitalen Schritte von NEO Niedersachsen bis hin zur schlankeren Schulstatistik gehen in die richtige Richtung. Entscheidend ist aber, wie wir die Daten nutzen. Nicht immer mehr zählen, sondern qualitativ auswerten, mit Blick auf Unterrichtsqualität und Teilhabe und nicht auf Tabellen. Ein weiterer Punkt der Großen Anfrage ist der Unterrichtsausfall. Allein zu dokumentieren, ist kein Lösungsansatz. Eine landesweite Vollerfassung jeder Minute würde mehr Bürokratie für die Schulen erzeugen. Wichtig ist die qualitative Auswertung dessen, was ohnehin vorliegt: Welche Muster sehen wir? Welche Maßnahmen wirken? Wie organisieren wir Vertretungen und Teamstrukturen so, dass Unterricht spürbar gewinnt? Und vor allem: Welche regionalen Besonderheiten gibt es? Kurz: Wir brauchen weniger Zählerei und mehr Erkenntnisgewinn, damit Entscheidungen im Klassenraum spürbar werden. Auch bei der Förderfeststellung zählen Fachlichkeit und Tempo. Das verschlankte Verfahren 2021 war ein wichtiger Schritt, um Qualität zu sichern und Bürokratie zu vermeiden. Wo Einblick in Durchlaufzeiten ohne Zusatzaufwand möglich ist, schafft das Orientierung - nicht für Tabellen, sondern für bessere Abläufe. „Besser werden" heißt auch: Ressourcen verlässlich und wirksam einzusetzen. Der laufende Dialog zur Zuweisung schafft Verlässlichkeit, wenn Doppelbesetzungen dort planbar sind, wo sie am meisten bewirken, und wenn die schulinterne sonderpädagogische Beratung spürbar in Unterrichtsentwicklung mündet. Multiprofessionalität, Fortbildung und qualifizierte Assistenz wirken, wenn Teams stabil sind und Schulen Spielräume haben - nicht als Ausnahme, sondern im Alltag. Wichtig ist auch: Sonderpädagogische Expertise gehört an die Schulen selbst als verlässliche Ansprechperson im Kollegium und nicht nur auf Abruf. Über 60 000 Lehrkräfte haben bereits Fortbildungen zur inklusiven Schule durchlaufen. Das ist eine starke Grundlage. Die mobilen Dienste sind landeseinheitlich für die Schwerpunkte Hören, Sehen, körperliche und motorische Entwicklung sowie emotionale und soziale Entwicklung geregelt. Dass es landesweit abgestimmte Handreichungen gibt, erleichtert die Zusammenarbeit und macht Unterstützung anschlussfähig, von der Einzelberatung bis zur Schulentwicklung. Ermutigend ist auch die Weiterentwicklung von NEO Niedersachsen bis 2027. Stammdaten und Notenverwaltung, Lernentwicklungsberichte, Zeugnisdruck und Statistikabgabe - das entlastet Schule spürbar und schafft Daten, die steuern, statt zu belasten. Ebenso richtig sind Verwaltungsassistenz und weitere Entlastungen. Sie schaffen Luft im Alltag. Entlastung mit Verantwortung in Verwaltung und pädagogischer Unterstützung ist Voraussetzung dafür, dass Unterricht und Förderung ankommen. Der aktualisierte Erlass stärkt die schulinterne sonderpädagogische Beratung. Ein verbindlicher Stundenanteil sorgt dafür, dass Expertise in Diagnostik, Beratung und Unterrichtsentwicklung ankommt. Zur Datendebatte: Transparenz ja, aber mit Augenmaß. Eine tägliche Vollerfassung jeder Vertretungsminute bläht Berichtspflichten auf, ohne Unterricht automatisch besser zu machen. Relevante Informationen, digital und schlank erhoben, sind der richtige Weg. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Ressourcenpolitik braucht Klarheit und Ehrlichkeit. Die in der Anfrage genannten finanziellen Größenordnungen etwa für flächendeckende Assistenz zeigen, wie wichtig Prioritätensetzung ist. Ich sehe das Potenzial von Klassenassistenzen. Sie entlasten Unterricht, bringen Ruhe in den Alltag und schaffen Zeit für Förderung. Grundsätzlich finde ich das gut. Ob und wie breit das machbar ist, ist offen. Qualifikation, Teameinbindung und Finanzierung müssen passen. Wichtig ist aber, gute Beispiele ernst zu nehmen, Wirkungen zu prüfen und zu schauen, ob solche Modelle etwas für ganz Niedersachsen oder für einzelne Regionen sind. Im Zusammenspiel von Land und Kommunen zeigt sich die Stärke unseres Systems. Der Rahmen entsteht im Dialog mit der Praxis. Die Schulträger gestalten mit Ortskenntnis, was gebraucht wird. Dazu zählt auch der Schulweg - rechtssicher, kindgerecht und planbar gerade dort, wo Kinder mit Behinderungen Anspruch auf Unterstützung haben. Aus der Großen Anfrage ergibt sich ein klarer Kompass: Das Kind steht in Niedersachsen im Mittelpunkt, und Förderung ist Teil guten Unterrichts. Qualifizierung der Kollegien und gelebte sonderpädagogische Expertise bleiben Kern professioneller Schulentwicklung. Starke Schulen vor Ort brauchen Gestaltungsspielräume, Ressourcen und Vertrauen, aber mit klaren Leitplanken. Bei Daten gelten Pragmatismus und Qualität: auswerten, wo sie Unterricht und Teilhabe verbessern, weglassen, wo sie nur Zeit fressen. Der Ganztag wirkt als Motor der Inklusion, wenn Kooperationen tragen und Förder- und Therapiezeiten ihren Platz im Tagesrhythmus haben. Übergänge gewinnen, wenn Beratung klar ist, Verfahren geordnet sind und Zuständigkeiten handhabbar bleiben. Barrierefreiheit in Gebäuden, Lernmitteln und digital - Grundvoraussetzung, kein Extra. Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Antworten auf die Große Anfrage zeigen erneut: Inklusion ist kein Zustand, Inklusion ist ein Weg mit vielen Stellschrauben, die wir gemeinsam im Blick haben. Frau Kollegin Lange, es gibt den Wunsch nach einer Zwischenfrage: des Kollegen Fühner. Möchten Sie dem entsprechen? Bei der Besprechung der letzten Großen Anfrage waren keine Zwischenfragen erlaubt. Ich nehme das erst mal als ein Nein und prüfe das nach. Hätte ich, aber ich habe ja aufgepasst. Inklusion ist das Versprechen, dass jedes Kind zählt. Dieses Versprechen halten wir heute, morgen und so lange, bis es überall Alltag ist. Zum Schluss mein Dank an die Menschen, die Inklusion jeden Tag Wirklichkeit werden lassen: die Lehrkräfte in allen Schulformen, die Schulleitungen, die pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen, die Schulsozialarbeit, Therapeutinnen und Therapeuten, die Teams in den RZIs und in den Mobilen Diensten, die Schulbegleitungen, Assistenzkräfte und das Verwaltungspersonal an den Schulen. Mein Dank gilt aber auch den Eltern und den Schülerinnen und Schülern, die uns jeden Tag zeigen, was möglich ist, wenn man Zutrauen schenkt. Vielen Dank.
