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Michael Lühmann

GRÜNE 13.12.2023 5:02 min Tagungsabschnitte 19/12

Gewalt im Stadion - Vereine in die Verantwortung nehmen

Sie loslegen. Bitte schön. Vielen Dank, Frau Präsidentin! Liebe Kolleg*innen! Ich glaube, es braucht mal wieder ein bisschen Geschichtsunterricht. Es ist der Abend des 16. Oktober 1987, der BFC Dynamo Berlin erleidet ‑ so wird es das Neue Deutschland am nächsten Tag vermelden ‑ im Halleschen eine Punkteinbuße. Kein großes Thema jedenfalls, dass der von der SED protegierte Dauermeister der DDR mal nicht zum Sieg gepfiffen wurde. Was aber auch kein Thema im Neuen Deutschland ist: die Hitler-Grüße und die Heil-Hitler-Rufe. Die Vereine schweigen. Noch am selben Abend überfallen rechte Hools ein Punkkonzert in der Ostberliner Zionskirche, verprügeln Punks und Polizisten mit Eisenstangen. Das ist ein Fanal in der DDR. Viele Jahre später sehen wir in vielen Stadien des Ostens eskalierende reche Gewalt. Pegida, Legida, gewaltvolle Hetzjagden in Chemnitz beim Aufmarsch von AfD und rechter Szene, jüngst eine Choreografie im Block von Hansa Rostock, der das Pogrom von Lichtenhagen feiert. Und die Vereine schweigen. Dann sehen wir die massiv eskalierende Gewalt beim Niedersachsen-Derby zwischen Fangruppierungen und gegen die Polizei. Und die Vereine? - Sie reden, immerhin - inzwischen. Vielen Dank, Frau Ministerin, für die Initiative. Wie hängt das alles zusammen? Warum die lange Herleitung? Weil hier zwei Dinge zu sehen sind, die einen scheinbar engen und unauflösbaren Zusammenhang bilden: Zum einen neben rechter Gewalt das, was der Gewaltforscher Jan Philipp Reemtsma Entsublimation nennt; eine rituelle Form von Gewalt, die sich gegen die Insignien der bürgerlichen Gesellschaft entäußert, also kollektive rauschhafte Gewalt, die sich wahlweise gegen die Kommerzialisierung des Fußballs richtet und auch gegen die Polizei als Träger des staatlichen Gewaltmonopols. Was wir überdies sehen, ist eine Indifferenz von Vereinen, DFL und DFB gegenüber dieser rituellen Gewalt, die nicht unzufällig an Militanz erinnert, an uniformiert Auftretende bisweilen gewaltvolle Unbedingheit, häufig ausgeübt durch junge, oft alkoholisierte Männer, nicht selten mit Böllern in der Hand. Das ist im Stadion wie an Silvester eine sehr ungute Mischung. Es ist für die Debatte wichtig, diese Ursachen zu verstehen, um darauf reagieren zu können, gerade in den Vereinen. Dabei geht es nicht um Relativieren, es geht um Verstehen. Denn eines muss doch klar sein: Solche Eskalationen und solche Gewalt werden und können wir nicht akzeptieren. Dass der DFB zur Mäßigung gegenüber der Polizei aufruft und nicht zum Gewaltverzicht, dass zu viele Vereine jahrelang weggeschaut haben, können wir nicht tolerieren. Es mag ja stimmen, dass ein massives Polizeiaufgebot solche Entsublimationsgewalt mit hervorrufen kann, so sagt es zumindest die Militanzforschung, so sagt es die Fanforschung. Aber, meine Herren, es sind ja meistens Herren: Wenn man keine Polizei im und am Stadion haben will, dann schmeißt man keine Böller in andere Blocks, dann bewirft man nicht prekär beschäftigte Mitarbeitende von Sicherheitsdiensten mit Böllern und Gegenständen, dann wirft man nicht mit Stühlen, dann prügelt und bewirft man keine Polizistinnen und Polizisten und keine gegnerischen Fans. Das ist relativ simpel und einfach. Liebe Vereine, dann nimmt man das Phänomen endlich ernst, positioniert sich klar und sorgt real für mehr Sicherheit, der Kollege Saade hat hierzu ausgeführt. Und dann nimmt man von dem vielen Geld, das man für dieses große Werbeevent namens Profifußball einnimmt, viel in die Hand, stärkt die Sicherheit vor Ort und unterstützt deeskalierende Fanprojekte und Stadionallianzen, investiert in Sozialarbeit und Konfliktmanagement, statt darauf zu bauen, dass Politik und Polizei das regeln müssen. So bin ich dankbar, dass unsere Innenministerin dennoch auf der Innenministerkonferenz nicht nur klare Worte gefunden hat, sondern auch für klare Beschlüsse gesorgt hat. Ich teile unmittelbar die Haltung, dass als Ultima Ratio die Vereine am Ende an den Kosten beteiligt werden müssen, wenn sie sich hier nicht bewegen. Das ist ein Angebot, wir strecken die Hand aus. Wir strecken ja gerne Hände aus. Da gibt es Beispiele in Bremen, da gibt es Fondslösungen, wie man so etwas regeln kann. Das müssen wir uns nicht neu ausdenken, das geht relativ fix, auch das sollten sich die Vereine klarmachen. Aber mein größter Wunsch ist eigentlich, dass Fans und Vereine das endlich gemeinsam hinbekommen in Sicherheits- und Stadionallianzen, damit sportbegeisterte Fans, Familien und eben auch Polizist*innen ein Fußballspiel als Privatmenschen genießen können und nicht unterlassene Haltung, versäumten Dialog und Gewaltphantasien einiger Fans mit voller Wucht abbekommen. Herzlichen Dank.

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