Dr.in Tanja Meyer
Selbstbestimmte Schwangerschaft - Beratungs- und Versorgungsstrukturen in Niedersachsen weiter verbessern
Glück gehabt, würde ich sagen. Ein bisschen mehr Achtsamkeit das nächste Mal! Ja, ich habe noch etwas zu sagen. Vielen Dank, Herr Präsident. - Sehr geehrte Abgeordnete! Auch wenn wir relativ am Ende dieser Plenarwoche sind, möchte ich mit diesem Antrag tatsächlich noch einmal die gesammelte Aufmerksamkeit auf ein sehr wichtiges gesundheitspolitisches Thema lenken; denn es betrifft mehr als 4 Millionen Menschen in Niedersachsen, mehr als die Hälfte der Bevölkerung bei uns. Möchte ich ein Kind? Kann ich ein Kind bekommen? Wie möchte und wie kann ich eine Schwangerschaft verhüten? Was möchte ich meinem Körper dabei zumuten? Wäre eine Schwangerschaft für mich ein gesundheitlich tragbares Risiko? Denn ein Risiko ist es das haben wir eben gehört leider oft. Kann ich für ein Kind sorgen? Fragen dieser Art beschäftigen im Laufe ihres Lebens jede Frau intensiv. Denn es geht bei jeder dieser Fragen bzw. ihrer Antworten darauf immer um weitreichende Entscheidungen - Entscheidungen, die den eigenen Körper betreffen, und Entscheidungen, die uns gesundheitlich fordern, aber auch unser zukünftiges Leben wesentlich prägen. Denn es sind in der Regel die Frauen, die ihr ganzes Leben gesundheitlich, aber auch finanziell die Folgen dieser Entscheidungen tragen werden. Ich möchte hier deswegen noch einmal ganz deutlich betonen: Die Entscheidung, ob eine Frau ein Kind bekommt oder nicht, ist eine sehr private Entscheidung. Niemand von uns hat das zu bewerten oder gar zu kommentieren. In Zeiten, in denen Antifeminismus zunimmt, Frauen teilweise zu Gebärenden degradiert werden wie im Parteiprogramm der AfD und Gleichberechtigung gesellschaftlich immer wieder ganz subtil infrage gestellt wird, lässt sich das leider nicht oft genug sagen. Deswegen ist der zentrale Punkt dieses Antrags, die Selbstbestimmung der Frau in allen Fragen rund um die Schwangerschaft zu verbessern und Frauen zu stärken. Frauen haben das Recht auf alle Informationen, die sie brauchen, um die wichtigen Entscheidungen bezüglich ihrer Gesundheit, ihres Körpers und auch ihrer Lebensplanung zu treffen. Und sie haben ein Recht auf eine Infrastruktur, die sie versorgt und betreut vor, während und auch nach einer Schwangerschaft. Frauen brauchen Gesetze, Ansprechpersonen und Strukturen, die sie nicht stigmatisieren. Frauen brauchen Zugang zu neutralen, fundierten Informationen. Sie müssen entscheiden können, wie was mit ihrem Körper geschieht. Und selbstverständlich sollten sie dabei jederzeit bestens medizinisch versorgt sein. Ich spreche von „sollten". Denn die Realität sieht für viele Frauen je nach Wohnort, Mobilität, Sprache oder weiteren Barrieren oft anders aus. Wir sollten erwarten, dass zum Beispiel ein Schwangerschaftsabbruch selbstverständlich zur gynäkologischen Ausbildung gehört. Das tut er aber nicht. Wir sollten davon ausgehen, dass Frauen in erreichbarer Nähe eine neutrale Beratungsstelle finden. Das ist aber noch lange nicht überall in Niedersachsen der Fall. Wir sollten davon ausgehen, dass Frauen umfassende Informationen bekommen, welche Konsequenzen pränataldiagnostische Untersuchungen haben - sowohl physisch, aber auch, was es für sie psychisch bedeutet. Das ist aber leider noch nicht immer so. Es fehlt uns oft an Zugang, den wir aber brauchen. An dieser Stelle deswegen eine Anmerkung: Dies zeigt noch einmal auf, wie wichtig es ist, dass Frauen ihre Themen und Erfahrungen in wirklich jeden Bereich eben auch in die Gesundheitsversorgung einbringen. Denn nur mit ihrer Perspektive werden ihre Bedürfnisse und Rechte auch ausreichend berücksichtigt und Hürden abgebaut. Deswegen geht an dieser Stelle ein Dank an alle ÄrztInnen, alle WissenschaftlerInnen, alle feministischen Netzwerke und alle PolitikerInnen, die sich für eine gute Versorgung und für die Rechte von Frauen einsetzen. Gerade die Zeit vor, während und nach einer Schwangerschaft ist eine sehr persönliche Erfahrung, und das in jedem Fall. Jede Hürde, die hier abgebaut werden kann, ist wichtig - sei es die bei der Beantragung eines Zuschusses zu einer Kinderwunschbehandlung; die, eine Hebamme vor Ort zu finden, die mich begleitet; die, dass ich ein Beratungsgespräch für einen Abbruch auch online wahrnehmen kann; die, einen rechtzeitigen und wohnortnahen Termin zu einem Abbruch zu bekommen und dann auch mit der gewünschten Methode, und dass ich dort vor der Tür weder belästigt noch beschimpft oder gar bedroht werde. Es ist nach wie vor so, dass das Recht auf Selbstbestimmung für Frauen in Deutschland nicht umfassend gegeben ist. Das ist teilweise bedingt durch unzureichende Wahrnehmung oder mangelnde gesundheitspolitische Schwerpunktsetzung, aber eben auch durch die zuletzt von einer interdisziplinären Fachkommission kritisierten Regelungen des Schwangerschaftsabbruchs im Strafgesetzbuch, wovon wir gerade schon gehört haben. Ich freue mich deswegen, dass wir mit diesem Antrag über ein Bündel von Maßnahmen Frauen einen verbesserten Zugang zu einer modernen Reproduktionsmedizin in Niedersachsen ermöglichen und dazu auch klare Forderungen an den Bund stellen. Die Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper und ihr Leben ist das erklärte Ziel von uns. Ich freue mich über alle, die das mittragen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
