Anne Shepley
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte heute nicht abstrakt sprechen und deshalb möchte ich zu Beginn kurz erklären, über wen wir hier eigentlich reden. Care Leaver sind junge Menschen, die einen Teil ihres Lebens in der stationären Kinder- und Jugendhilfe verbracht haben – das sind zum Beispiel Wohngruppen oder Pflegefamilien – und diese Strukturen auf dem Weg in ein eigenständiges Leben verlassen, häufig bereits mit 18 Jahren. Sie stehen vor besonderen Herausforderungen, weil sie diesen Übergang meist ohne ein tragfähiges familiäres Netzwerk bewältigen müssen. Während viele Gleichaltrige auch über das 18. Lebensjahr hinaus Unterstützung bei Wohnen, Ausbildung und finanziellen Fragen erhalten, endet die Hilfe für Care Leaver oft schon zwischen dem 18. und 21. Lebensjahr. Das bedeutet, sie müssen das Erwachsenwerden früher bewältigen unter schwierigeren Bedingungen und oft ohne doppelten Boden, den viele von uns sonst haben. Und jetzt lassen Sie uns einen Moment – für einige liegt es ja auch schon eine Weile zurück, so wie bei mir – auf uns selbst schauen. Wer erinnert sich noch an den 18. Geburtstag und an – ja, gut, der jüngste Kollege hier im Raum, das ist einfacher –, aber wie selbstständig waren wir mit 18? (Petra Federau, AfD: Selbstständig!) Wie viel sozusagen Einfluss hatten unsere Eltern noch? Wie viel Hilfe haben wir gebraucht auf unserem Weg in diesem Alter? (Zuruf von Thomas de Jesus Fernandes, AfD) Für viele war das ein Aufbruch, ein Gefühl von Freiheit, vielleicht auch mit Unsicherheit, aber immer mit dem Wissen, da ist jemand, jemand, den man anrufen kann, jemand, der unterstützt, jemand, der auffängt. Für Care Leaver ist dieser Moment oft etwas ganz anderes. Es ist kein sanfter Übergang. Es ist ein Bruch, ein Datum, an dem plötzlich Unterstützung, Struktur und ein Stück Sicherheit enden. Stellen Sie sich das vor, gestern noch begleitet, heute völlig allein, gestern noch jemand, der hilft, heute ein Brief vom Amt. Sie sind jetzt erwachsen und dann stehen diese jungen Menschen vor ganz konkreten Fragen: Wie bezahle ich meine Miete? Wie finde ich eine Ausbildung, und an wen kann ich mich wenden, wenn ich nicht weiterweiß? Sie sind allein. Und ich erinnere mich noch ganz genau an einen Tag zu Beginn dieser Legislatur, als ich eine Wohngruppe in der Nähe von Greifswald besuchen durfte. Dort wurde ich zum ersten Mal in die Arbeit in Wohngruppen eingeführt. Es wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, was es heißt für Kinder, für Jugendliche, ohne Eltern, ohne Familie und ohne ein stabiles soziales Netzwerk aufzuwachsen. Lassen Sie mich ganz klar sagen, es gibt dort sehr engagierte, sehr professionelle – 24 Stunden am Tag/ 7 Tage die Woche – Hilfe, Betreuung und erzieherische Unterstützung. Und es ist sehr, sehr wertvoll, aber diese ganze Unterstützung kann natürlich Familie nicht ersetzen. Und ich möchte trotzdem an dieser Stelle die Zeit nutzen und ganz bewusst Danke sagen an alle, die sich jeden Tag in diesem Bereich der Traumapädagogik für unsere jungen Menschen in diesem Land einsetzen. Es ist ein sehr herausforderndes Berufsfeld in der Sozialpädagogik. Herzlichen Dank für Ihren Einsatz! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD, Die Linke und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) Und ganz besonders möchte ich mich bei dem Team von ZORA in Greifswald bedanken, die mir auch an diesem Tag diesen wertvollen Einblick in ihre Arbeit gewährt haben. Diese Begegnung hat mir damals deutlich gemacht, wir reden nicht über Einzelfälle, wir reden über eine strukturelle Realität. Und diese Realität wird gerade noch weiter verschärft, denn während wir heute hier diesen Antrag debattieren, plant die Bundesregierung, genau diese jungen Menschen weiter alleinzulassen durch die Streichung von Nachbetreuung und durch mehr Ermessensentscheidungen. Das bedeutet weniger Verlässlichkeit, mehr Unsicherheit und am Ende auch mehr Abstürze. Und ich sage ganz offen, das macht mir Sorgen und das macht mich auch ein Stück weit wütend, weil wir es eigentlich besser wissen und weil wir wissen, was passiert, wenn wir diese jungen Menschen loslassen. Wir sehen es doch, junge Menschen ohne Wohnung, ohne Ausbildung, ohne Halt, nicht weil sie nicht wollen, sondern weil niemand mehr da war. Liebe Kolleginnen und Kollegen, die SPD trägt Verantwortung im Bund und auch hier im Land. Und genau deshalb sage ich, hier in Mecklenburg-Vorpommern darf das nicht Realität werden. Wir können handeln und wir müssen handeln, und zwar ganz konkret: Erstens, wir können im Land klare und verbindliche Standards setzen, damit früh Übergänge frühzeitig geplant und gemeinsam mit den jungen Menschen gestaltet werden können. Zweitens, wir können die Nachbetreuung absichern. Auch wenn der Bund schwankt, können wir klar sagen, Unterstützung endet eben nicht automatisch mit 18 oder 21 Jahren, sondern dann, wenn sie nicht mehr gebraucht wird. Drittens, wir können Strukturen aufbauen, die tragen, Landeskoordination, regionale Netzwerke, feste Ansprechpartner, Menschen, die bleiben, wenn es für diese jungen Menschen schwierig wird. Und viertens, wir können Care Leaver endlich sichtbar machen mit Daten, mit Berichten und mit klarer politischer Verantwortung, denn wer in den Zahlen unsichtbar ist, der wird vergessen. Und fünftens, und das ist mir besonders wichtig, wir können auch im Bund Druck machen. Als Land, als SPDgeführtes Land können wir sagen, nicht in unserem Namen, keine Streichung der Nachbetreuung, keine Rückkehr zum Ermessen, sondern echte Rechte und verlässliche Unterstützung bis mindestens 21, aber besser noch bis 25 Jahre. Liebe Kolleginnen und Kollegen, Politik zeigt sich nicht in Sonntagsreden, sondern in den Momenten, in denen es darauf ankommt, in denen man nicht spart, sondern schützt, nicht wegsieht, sondern handelt. Und heute ist für mich und ist für uns genau so ein Moment. Wir entscheiden nämlich nicht mit diesem Antrag über Zahlen, sondern wir entscheiden über die Lebenswege von diesen jungen Menschen, über Abstürze oder Chancen, über Einsamkeit oder über Unterstützung. Und ich will, dass wir sagen können, in Mecklenburg-Vorpommern fällt niemand ins Leere, niemand. Also lassen Sie uns heute dieses Versprechen abgeben! – Vielen Dank! Ich freue mich auf die Debatte. (Beifall vonseiten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
