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Katy Hoffmeister

CDU 07.05.2026 Sitzungen 8/131

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Lassen Sie uns über einen besonderen Aspekt der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Realität in Mecklenburg-Vorpommern sprechen. Mecklenburg-Vorpommern ist ein Flächenland mit großen demografischen Herausforderungen. Wir sind kein industrielles Schwergewicht wie Bayern, Nordrhein-Westfalen, wir haben keinen Finanzplatz wie Hessen, und wir haben keinen Start-up-Magneten wie Berlin. Was wir aber haben, ist kluge Wissenschaft und kluge Wissenschaftler. Und was wir brauchen, ist wirtschaftliche Dynamik mit der Unterstützung eben jener. Und genau deshalb sind Ausgründungen und Start-ups für unser Land keine Randnotiz, sie sind eine Frage auch unserer wirtschaftlichen Zukunftsfähigkeit. In einem Land mit einem Medianalter von 48 Jahren können wir Wachstum nicht dem Zufall überlassen. Wenn weniger junge Menschen nachkommen, dann muss die Wirtschaft produktiver werden, innovativer werden, wertschöpfungsintensiver werden, und genau dort entstehen Start-ups. Start-ups sind für Mecklenburg-Vorpommern Demografiepolitik, Fachkräftepolitik, Produktivitätspolitik und Standortpolitik und alle vier in einem. Sie schaffen hoch qualifizierte Arbeitsplätze, sie halten Talente im Land, sie bringen Innovationen in kleine und mittlere Unternehmen, sie erhöhen die Wertschöpfung pro Kopf. Für unser Land sind sie keine Szene-Ökonomie, sondern sie sind Strukturpolitik. Erstens, die Realität in Zahlen: Deutschlandweit entstehen jährlich rund 3.500 bis 3.800 Start-ups. Mecklenburg-Vorpommern allerdings kommt im gleichen Zeitraum auf unter 20. Unter 20, meine Damen und Herren! Wir stellen rund zwei Prozent der Bevölkerung in Deutschland, aber deutlich weniger als ein Prozent der Start-ups. Würden wir entsprechend unseres Bevölkerungsanteils so theoretisch gründen, müssten wir jährlich 60 bis 70 Start-ups entstehen sehen und entstehen lassen. Das tun wir aber nicht. Beim Wagniskapital ist das Bild noch drastischer. In Deutschland werden pro Jahr zwischen 6 bis 12 Milliarden Euro Joint-Venture-Capital investiert. Berlin erhält regelmäßig über 40 Prozent dieses Kapitals und Mecklenburg-Vorpommern im unteren einstelligen Millionenbereich, im Jahr 25 sogar laut Berichterstattung nur 100.000 Euro. Und warum? Weil Kapital nicht nur guten Ideen folgt, Kapital folgt auch funktionierenden Strukturen. Und jetzt kommt das Paradoxon: Wir investieren in Wissenschaft und Forschung, unsere Hochschulen und vor allem außeruniversitäre Einrichtungen erhalten jedes Jahr Hunderte Millionen Euro öffentlicher Mittel. Und wir sind in Bereichen maritime Technologien, Life Science, Gesundheitswirtschaft, Energietechnik wissenschaftlich absolut wettbewerbsfähig. Aber diese Exzellenz schlägt sich nicht in Ausgründungen nieder. Wir finanzieren Wissen, aber wir monetarisieren es zu wenig. Andere Regionen schaffen das, aus Forschung Unternehmen zu machen. Wir schaffen es zu oft nur, aus Forschung Publikationen zu machen, und, meine Damen und Herren, das reicht nicht. Ja, es gibt Programme, ja, es gibt Fördermittel, ja, es gibt Initiativen, aber das Problem ist nicht das Ob, das Problem ist die Systematik, wie es scheint, die Struktur. Das Thema Innovation ist aber bei uns politisch verteilt auf Wissenschaftsministerium, Wirtschaftsministerium, Finanzministerium, Förderinstitute. Deshalb meine Frage: Wer trägt die Gesamtverantwortung für diesen wichtigen Bereich? Wer definiert hier klare Ziele und wer zieht synchron an den Fäden, wenn wir nicht gemeinsam vorankommen können? Warum setzen wir uns nicht das Ziel, innerhalb von fünf Jahren die Zahl der Ausgründungen zu verdoppeln, signifikant mehr Wagniskapital ins Land zu holen, Mecklenburg-Vorpommern zum Innovationsstandort im Nordosten zu machen. Wir müssen aufhören, Innovationen zu verwalten. Wir müssen anfangen, Innovationen zu ermöglichen. Das braucht Mut, aber das braucht auch mehr Konkretes. Erstens, eine starke Pre-Seed-Phase. Die meisten Gründungen scheitern zwischen Idee und Markteintritt. Diese Phase dauert oft zwei bis fünf Jahre. Unsere Förderlogik ist dabei viel zu kurz. Wir brauchen konkrete Grundlagen wie ehrliche Beratung mit hoher Qualität. Gründerinnen und Gründer brauchen Ansprechpartner, die Erfahrung haben und ihnen realistisch sagen, ob eine Idee am Markt funktionieren kann. Diese Beratungsstrukturen müssen dauerhaft finanziert werden, damit Expertise und Erfahrung zusammenwachsen können. Die Infrastruktur unserer Hochschulen muss stärker für Gründerteams geöffnet werden mit Zugang zu Laboren, Techniken und Forschungseinrichtungen. Menschen gründen nur dann, wenn sie sich auf ihre Idee konzentrieren können. Deshalb brauchen wir Unterstützung in genau eben dieser Phase. Und wir brauchen staatliches Beteiligungskapital in dieser Frühphase. Das produziert das Vertrauen für private Investoren und zieht zusätzliches Kapital nach Mecklenburg-Vorpommern. Öffentliches Kapital, nicht dass wir uns missverstehen, ist kein Ersatz für privates Kapital, aber es ist der Hebel dafür. Zweitens. Die nächste Stellschraube ist die Einbindung in die Wirtschaft. Über 90 Prozent unserer Unternehmen sind KMU, das wissen wir. Aber gerade die brauchen Start-ups als Innovationspartner. Start-ups sind keine Konkurrenz, sondern sie sind Innovationslieferanten, (Beifall Ann Christin von Allwörden, CDU, und David Wulff, FDP) und wer öffentliche Förderung nutzt, muss auch Innovationspartnerschaften ermöglichen, Testfelder sozusagen öffnen, Pilotprojekte ermöglichen, Datenzugänge schaffen. Und drittens, öffentliche Beschaffung strategisch nutzen. Der größte Kunde im Land ist oft das Land selbst. (David Wulff, FDP: Exakt!) Und warum nutzen wir das nicht? (David Wulff, FDP: Exakt!) Andere Länder, etwa Bayern, setzen öffentliche Aufträge gezielt auch zur Innovationsförderung ein. Wer Innovation fördern will, muss Innovation auch nachfragen. (Beifall vonseiten der Fraktion der CDU und David Wulff, FDP: Ja.) Viertens, Wissenschaft neu denken. Karrieren werden primär über Publikationen im wissenschaftlichen Betrieb, also über Paper bewertet. Aber wenn öffentliche Mittel investiert werden, muss Transfer ein legitimer Erfolgsindikator sein. Ausgründungen, Patente, Kooperationen müssen institutionell honoriert werden. Meine sehr geehrten Damen und Herren, wenn wir nichts ändern, passiert Folgendes: Wir finanzieren Forschung und wir bilden Talente aus, und andere Regionen ernten die wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Früchte. (Wolfgang Waldmüller, CDU: So ist es.) Das darf nicht unser Anspruch sein. Mecklenburg-Vorpommern kann Innovationsland sein. Wir sind davon überzeugt, denn wir haben das Wissen und wir haben die Köpfe und wir haben die Themen. Was uns fehlt, sind konsequente Strukturen. Innovation ist für Mecklenburg-Vorpommern deshalb keine Frage von Optionen, sondern eine Frage von wirtschaftspolitischer Notwendigkeit. – Vielen Dank, meine Damen und Herren! (Beifall vonseiten der Fraktion der CDU und David Wulff, FDP)

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