Horst Förster
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Die „Wilhelm Gustloff“ steht wie kaum ein anderes Ereignis symbolhaft für das unendliche Leid des Krieges, das sich gegen dessen Ende nochmals potenzierte und im Rahmen von Flucht und Vertreibung mit aller Wucht im Besonderen die Zivilbevölkerung traf. Am 30. Januar 1945 sank die „Wilhelm Gustloff“ nach mehreren Torpedotreffern vor der pommerschen Ostseeküste. Das Schiff befand sich im Rahmen einer groß angelegten Evakuierungsaktion der Marine auf der Fahrt vom damaligen Gotenhafen bei Danzig nach Kiel. An Bord waren über 10.000 Menschen, überwiegend Frauen und Kinder sowie Verwundete. Davon starben über 9.000 in den eiskalten Fluten der Ostsee. Die meisten davon waren Kinder, insgesamt waren es über 5.000. Nur 1.252 Personen wurden gerettet. Ein großer Teil der Geretteten wurde im Hafen von Sassnitz an Land gebracht. Beim Untergang der „Wilhelm Gustloff“ spielten sich an Bord und in der eisigen Ostsee entsetzliche Szenen ab. Wer die Berichte von Überlebenden kennt, weiß, dass man das Unvorstellbare wahrscheinlich nur begreifen kann, wenn man es selbst erlebt hat. Ich will mich deshalb auf eine einzige Quelle beschränken. Es ist der auf YouTube abrufbare Bericht einer jungen Marinehelferin, die zusammen mit ihrer kleinen Schwester überlebt hat. Sie berichtet davon, wie im Wasser überall die toten Kinder in ihren zu großen Schwimmwesten trieben, die schweren Köpfe unter Wasser, die Füßchen guckten raus. Und sie sagt, dass sie später ihrem Kind niemals das Lied „Alle meine Entchen“ vorsingen konnte, weil dann sofort das Bild der vielen toten Kinder in ihrem Kopf war. Sieben Stunden nach Untergang des Schiffes entdeckte ein Patrouillenboot zwischen unzähligen gefrorenen Leichen in einem Rettungsboot einen in eine Wolldecke eingewickelten Säugling, er lebte, der letzte Überlebende der „Gustloff“. Am 10. Februar ereilte die „Steuben“ das gleiche Schicksal. Das Lazarettschiff war mit rund 5.200 Menschen, überwiegend Verwundete und Flüchtlinge, von Pillau nach Swinemünde unterwegs. Es wurde ebenfalls von Torpedos desselben sowjetischen Torpedoboots getroffen, das die „Gustloff“ versenkt hatte. Das Schiff ging in kürzester Zeit unter. Es starben über 4.000 Menschen, etwa 660 wurden gerettet. In der Nacht vom 16. zum 17. April traf es die „Goya“. Das Schiff war mit 6.000 bis 7.000 Soldaten, Verwundeten und Flüchtlingen von der Halbinsel Hela aus nach Kopenhagen unterwegs. Nahe der Stelle, wo die „Wilhelm Gustloff“ getroffen wurde, wurde auch die „Goya“ von Torpedos getroffen und versank in wenigen Minuten. Es wurden nur rund 170 Menschen gerettet. Der Untergang der „Wilhelm Gustloff“ ist die größte Schiffskatastrophe in der Menschheitsgeschichte, doch das wissen die wenigsten. Die „Titanic“-Katastrophe mit 1.514 Toten hat sich fest im Bewusstsein der Menschen eingegraben. Mit den Namen „Gustloff“, „Steuben“ und „Goya“ können vor allem die jüngeren Deutschen kaum etwas anfangen. Die Opfer dieser Schiffe bleiben namenlos und vergessen, ihre Gräber liegen tief im Schlamm der Ostsee. Es ist nun an der Zeit, diesen Opfern eine würdige Gedenkstätte zu geben zu ihrem Gedenken, und zur Mahnung, dass so etwas nie wieder geschehen möge, dies erst recht in einer Zeit, wo unser Land auf die Möglichkeit eines neuen Krieges eingeschworen werden soll. Wenn wir von diesen Schiffskatastrophen reden, soll die „Cap Arcona“ nicht unerwähnt bleiben. Die „Cap Arcona“ und das Begleitschiff „Thielbek“ waren mit KZ-Häftlingen völlig überfüllt und wurden am 3. Mai 1945, also wenige Tage vor Kriegsende, in der Lübecker Bucht von britischen Bombern in Brand geschossen. Rund 6.400 der etwa 7.000 KZ-Insassen verbrannten, ertranken oder wurden im Wasser erschossen. Für die Opfer gibt es würdige Gedenkorte, den „Cap-Arcona“-Ehrenfriedhof und das „Cap-Arcona“-Museum bald in Neustadt in Holstein. Dort fand im letzten Jahr zum 80. Jahrestag der Tragödie eine große Gedenkveranstaltung statt. Gedenkveranstaltungen für die Opfer der „Wilhelm Gustloff“ und der anderen Schiffe gibt es in Deutschland nicht. Sie sind offensichtlich unerwünscht. Es scheint, dass man dem Vergessen den Vorzug gibt vor einer Prüfung, ob diese Haltung den Opfern gerecht wird. Dass es auch anders geht, wird uns in Polen vorgemacht. Dort befindet sich in der Kirche „Stella maris“ in Gdingen eine Gedenktafel für die Opfer der 1945 versenkten drei deutschen Evakuierungsschiffe, und im letzten Jahr fand dort anlässlich des 80. Jahrestages eine Gedenkveranstaltung statt, an der auch unser Parlamentarischer Staatssekretär Heiko Miraß teilnahm und für die Landesregierung eine Rede hielt. Es ist zu begrüßen, dass der Bund der deutschen Bevölkerung in Gdingen die Erinnerung an die Versenkung der Flüchtlingsschiffe wachhält. Gdingen ist aber in Polen und nicht Deutschland. Was wir brauchen, ist eine würdige Gedenkstätte in Deutschland. Und hier bietet sich Sassnitz als Bezugspunkt an, weil hier die meisten der Geretteten an Land gebracht wurden. Dabei geht es jetzt noch nicht um Einzelheiten, es geht jetzt nur um das grundsätzliche Ja oder Nein. Alles Weitere, das genaue Wo und Wie und der Weg dorthin, naheliegend über eine zu gründende Stiftung, die Einbeziehung der beiden anderen Schiffe, all das ist noch Zukunft. Heute geht es nur um eines: Will der Landtag eine Gedenkstätte oder lehnt er das und aus welchen Gründen ab? Das ist die entscheidende Frage, von der ich hoffe, dass ein jeder sie nur nach seiner eigenen inneren Überzeugung beantworten wird. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktion der AfD und Dr. Eva Maria Schneider-Gärtner, fraktionslos)
