Jeannine Rösler
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Während wir hier diskutieren, erledigen Schülerinnen und Schüler Hausaufgaben mit Chatbots, lassen sich Referate strukturieren und Fragen beantworten. KI ist längst Teil des Schulalltags und doch ersetzt sie keine pädagogische Beziehung. Und das sollte auch so bleiben. KI kann richtig eingesetzt, Bildung gerechter, individueller und zugänglicher machen. Wir wissen, viele Jugendliche nutzen KI-Anwendungen aus Eigeninitiative, nicht weil Schule ihnen erklärt hätte, wie man damit verantwortungsvoll umgeht. Sie leben bereits in einer KI-Welt. Nicht selten fühlen sich Schülerinnen und Schüler alleingelassen, so wird es zumindest gespiegelt, etwa vom Landesschülerrat. Orientierung zu Datenschutz, Quellenkritik oder verantwortungsbewusstem Umgang sind unabdingbar. Meine Damen und Herren, wir erleben oft Extreme. Die einen sprechen von einer Bildungsrevolution, die anderen von einem Untergang der Lernkultur. Aber die Wahrheit liegt dazwischen. KI ist weder Heilsbringer noch Katastrophe, sie ist ein Werkzeug, und wie jedes Werkzeug hängt ihre Wirkung davon ab, wie wir sie einsetzen. (Ministerin Simone Oldenburg: Genau!) Beispielsweise nutzen Lehrkräfte KI, um komplexe Theorietexte in Grafiken zu übersetzen. Schülerinnen und Schüler vergleichen diese Darstellungen, erkennen Fehler, diskutieren Strukturen und entwickeln dadurch ein tieferes Verständnis. Gute KI-Nutzung bedeutet nicht, dass Kinder weniger denken sollen, KI darf Lernen nicht ersetzen, sie muss Lernen vertiefen, Fragen erzeugen, Diskussionen ermöglichen und kritisches Denken fördern. Lehrkräfte sind KI-bereit und nutzen sie ihrerseits vielseitig, aber auch sie brauchen Unterstützung, sie brauchen Fortbildung, Austausch und Rechtssicherheit. Genau hier lohnt sich ein Blick auf das, was in Mecklenburg-Vorpommern bereits auf den Weg gebracht wurde. Zentral war die Entwicklung eines eigenen Handlungsleitfadens mit dem Titel „Gemeinsam die Welt der generativen KI-Systeme erkunden“. Dieser gibt Lehrkräften konkrete Hinweise, wie KI verantwortungsvoll eingesetzt werden kann, beschreibt Chancen und Risiken, erklärt rechtliche Rahmenbedingungen und zeigt, wie Aufgabenstellungen verändert werden können, damit Eigenleistung sichtbar bleibt. Lehrkräfte erhalten konkrete Vorschläge, wie Aufgaben individualisiert werden können, wie persönliche Perspektiven eingebunden werden und wie Experimente, regionale Bezüge oder eigene Datenerhebungen dazu beitragen, dass KI Anlass für echtes Lernen wird. Darüber hinaus wurden gezielt Fortbildungsangebote aufgebaut und nicht nur punktuelle Workshops organisiert, sondern eine systematische Qualifizierung gestartet. Mit der „Masterclass KI: Künstliche Intelligenz im Klassenzimmer“ wurde eine landesweit verfügbare Fortbildungsreihe geschaffen, die Lehrkräfte wissenschaftlich fundiert und praxisnah unterstützt. In zwölf Videomodulen werden Fragen behandelt wie: Wie verändert KI Lernprozesse? Wie kann KI didaktisch sinnvoll eingesetzt werden? Wie lassen sich Risiken erkennen? Wie kann Unterricht gerecht gestaltet werden? Diese Fortbildung wurde gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für Wissensmedien entwickelt und verbindet wissenschaftliche Expertise mit schulischer Praxis. Zum diesjährigen Schulkongress „KI in MV: Schule, Unterricht und Leitung“ in Rostock kamen rund 750 Lehrkräfte, Schulleitungen, Wissenschaftler/-innen sowie Vertreter/- innen aus Bildungspolitik und Schulentwicklung zusammen, um gemeinsam über die Zukunft von Schule im Zeitalter der KI zu diskutieren. Es ging um die Frage, wie KI sinnvoll, verantwortungsvoll, lernförderlich in Schule integriert werden kann, und es ging um klare Regeln, Haltungen, verlässliche Rahmenbedingungen. Lehrkräfte konnten Fragen stellen, Unsicherheiten offen diskutieren und Erfahrungen austauschen. Dadurch entstand ein Raum, in dem KI eben nicht als Bedrohung, sondern als gestaltbare Herausforderung sichtbar wurde – ein klares Signal dafür, dass Schulen bei diesem Wandel nicht alleingelassen werden. Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Bereitstellung konkreter KI-Werkzeuge. Mecklenburg-Vorpommern setzt zunehmend auf landesweite Lösungen. Lehrkräfte erhalten Zugang zu datenschutzkonformen KI-Plattformen. Besonders bemerkenswert ist zudem das Pilotprojekt FelloFish, das an 16 Schulen getestet wird. Schüler/-innen erhalten automatisierte Rückmeldungen zu ihren Lernfortschritten, Lehrkräfte erhalten Hinweise zu Kompetenzentwicklungen, und gleichzeitig wurden die Leistungsbewertungsregelungen angepasst. Die Nutzung generativer KI muss offengelegt werden, Eigenleistung muss sichtbar bleiben, das schafft Verlässlichkeit, Transparenz und Vertrauen. Meine Damen und Herren, wenn wir über KI sprechen, sprechen wir eben auch über Infrastruktur, denn KI funktioniert nicht ohne digitale Ausstattung, ohne Geräte, ohne stabile Netze und ohne funktionierende Plattformen. Und genau deshalb ist der DigitalPakt so entscheidend. Der erste DigitalPakt hat Schulen ausgestattet, WLAN ermöglicht, Endgeräte finanziert und, und, und. In Mecklenburg-Vorpommern wurden über 109 Millionen Euro umgesetzt, Fördermittel vollständig beantragt und bewilligt. Schulen profitieren heute von den digitalen Lernbedingungen, die es eben ohne diese Investitionen nicht gäbe. Aber Technik altert, Software muss gepflegt werden, Lizenzen kosten Geld, deshalb braucht es den DigitalPakt 2.0. Bund und Länder planen gemeinsam Investitionen von 5 Milliarden Euro bis 2030, nicht nur für Infrastruktur, sondern auch für Unterrichtsentwicklung, Fortbildung und Qualitätssicherung. Meine Damen und Herren, es gibt eine Frage, die in dieser Debatte oft zu kurz kommt: Wer profitiert eigentlich von KI und wer bleibt zurück? Denn KI ist nicht automatisch gerecht. Wenn Zugang ungleich verteilt ist, verstärkt Technologie soziale Unterschiede, und das dürfen wir nicht ignorieren, denn Bildungsgerechtigkeit entscheidet sich künftig auch daran, wer digitale Kompetenzen vermittelt bekommt. KI-Kompetenz darf keine Frage des Wohnortes, des Einkommens oder der Ausstattung einzelner Schulen sein. Jedes Kind muss dieselbe Chance erhalten. Wir brauchen Regeln, nicht Verbote, nicht Alarmismus, sondern Orientierung. Was ist erlaubt, was muss gekennzeichnet werden, wie bewertet man Leistungen, wie verhindert man Missbrauch? Die aktuellen Regelungen in Mecklenburg-Vorpommern sehen vor, dass die Nutzung generativer KI bei Hausarbeiten und Hausaufgaben offengelegt werden muss. Die Eigenleistung muss also sichtbar bleiben. Das ist richtig, denn das schafft Transparenz, das schafft Fairness. Aber wir müssen weiter denken. Prüfungen und Unterricht müssen sich verändern. Wenn KI Inhalte in Sekunden erzeugen kann, reicht es nicht, nur Wissen abzufragen, wir müssen Kompetenzen prüfen, Reflexion, Argumentation, Transfer und kritisches Denken. Das ist die eigentliche Bildungsaufgabe. Meine Damen und Herren, Schule lebt von Beziehungen, von Vertrauen, von Begegnung, von Ermutigung und von menschlicher Nähe. Schule lebt von empathischen Lehrkräften. Keine Maschine kann sie ersetzen. Kein Chatbot erkennt den Blick eines Kindes, das sich eben nicht traut zu fragen. Keine KI kann die soziale Dynamik einer Klasse verstehen, keine Software ersetzt pädagogische Verantwortung. Sie darf unterstützen, entlasten und ergänzen, aber niemals verdrängen, denn Bildung ist mehr als Information, Bildung ist Beziehung. Und genau hier ist unsere ständige Aufgabe, dies zu gestalten. – Vielen Dank! (Beifall vonseiten der Fraktionen der SPD und Die Linke)
